VonAndreas Hößschließen
Trumps Zoll-Drohungen wirbeln die Handelswelt kräftig durch. In letzter Sekunde kam der Aufschub. Wer würde am meisten unter den Zöllen leiden?
Washington – Auch wenn die amerikanischen Zollpläne für Kanada und Mexiko einen Monat aufgeschoben sind: Die Gefahr eines globalen Handelskrieges wird immer realer. Mit China stecken die USA seit gestern bereits in einem heftigen Handelskonflikt. Die USA haben die Einfuhrzölle auf chinesische Waren um zehn Prozent erhöht, China hat seinerseits mit Zöllen geantwortet, unter anderem auf Gas- und Kohle. Außerdem hatte US-Präsident Donald Trump am Wochenende Zölle in Höhe von 25 Prozent auf Importe aus Kanada und Mexiko verhängt, die gestern in letzter Sekunde aber um vier Wochen aufgeschoben wurden.
Auch US-Autobauer kommen durch Trumps Zoll-Pläne unter die Räder
Ein Grund dürfte wohl sein, dass die Zölle auch die USA selbst treffen würden. „Die Zölle sind ein Schock für die gesamte Branche“, sagt Moritz Kronenberger von der Fondsgesellschaft Union Investment. Er glaubt jedoch, dass auch die Amerikaner selbst und die US-Wirtschaft stark unter ihnen leiden würden. „Denn die US-Hersteller bauen viel mehr Fahrzeuge in Mexiko als die Europäer“, sagt der Autoexperte. Zahlen der Wirtschaftsforscher vom ifo-Institut geben ihm recht: Sie erwarten, dass die Exporte aus Kanada im schlimmsten Fall um 28 Prozent, jene aus Mexiko um 35, einbrechen könnten, wenn die Zölle kommen wie geplant.
Doch auch die US-Wirtschaft würde leiden. Ihre Exporte könnten um 22 Prozent zurückgehen und die Industrieproduktion in den USA um 14 Prozent einbrechen. Besonders betroffen wären Autobauer, Lkw-Hersteller und Industriekonzerne. Denn sie haben vor allem mit Mexiko enge Verflechtung und nutzen das Land als verlängerte Werkbank – weshalb auch amerikanische Auto- und Industrieaktien am Montag teilweise dick im Minus lagen.
Laut Zahlen des mexikanischen Statistikamtes gilt das besonders für General Motors mit seinen Marken Chevrolet, Buick, GMC und Cadillac. Von den insgesamt knapp vier Millionen im Jahr 2024 in Mexiko gebauten Autos stammen 890 000 von dem US-Konzern, dessen Aktie am Montag ebenfalls abstürzte. Je rund 400 000 produzierten Ford und der Stellantis-Konzern, der zwar seinen Sitz in Europa hat, zu dem aber auch die US-Marken Ram, Dodge, Chrysler und Jeep gehören. Und auch Nissan aus Japan fertigte 670 000 Fahrzeuge im Land – ähnlich viel wie alle deutschen Marken zusammen. Fein raus ist übrigens Tesla von Trump-Kumpel Elon Musk, der engen Zugang zum Präsidenten hat. Das Unternehmen hat keine Werke in Mexiko, wäre also auch nicht von den Zöllen betroffen. Musk wollte 2023 zwar eine Fabrik in Monterrey errichten, hat die Pläne jüngst aber auf Eis gelegt.
US-Zölle bedrohen Autoproduktion in Mexiko
Doch auch deutschen Herstellern wie BMW, Mercedes oder Volkswagen drohen Probleme – den einen mehr, den anderen weniger. Laut Automobilverband VDA haben die deutschen Hersteller und Zulieferer zusammen mehr als 330 Produktionsstandorte in Mexiko. Am Montag kamen deshalb schon die Aktien von BMW, Mercedes-Benz, Volkswagen, Continental, Daimler Truck und der VW-Nutzfahrzeugsparte Traton kräftig unter die Räder. Sie alle haben in Mexiko große Fabriken, aus denen sie Autos in die USA liefern. Ein Blick auf eine Auswertung der mexikanischen Statistikbehörde Inegi, zeigt, dass unter den deutschen Konzernen VW besonders gefährdet. Demnach dürfte Volkswagen 2024 rund 382 000 Autos in Mexiko gebaut haben.
Die Wolfsburger haben Werke in Puebla und Silao und produzieren dort unter anderem den Taos und den Tiguan. Mit Audi ist zudem eine zweite Marke des Konzerns vor Ort. In San José Chiapa liegt die Audi-Produktion bei etwas mehr als 144 000 Fahrzeugen, etwa 40 Prozent davon gehen aber in die USA. BMW hat ein San Luis Potosi ein Werk, das erst vor fünf Jahren eröffnet wurde und etwa die 3er-Reihe für die USA, aber auch für Europa baut. Hier laufen bisher zwar nur etwa 95 000 Autos pro Jahr vom Band, dafür gibt es aber einen regen Teile-Austausch mit der riesigen BMW-Fabrik in Spartanburg im amerikanischen South Carolina, das auf große SUV-Modelle spezialisiert ist und mit über 400 000 Fahrzeugen pro Jahr wohl das größte Werk der Welt von BMW ist. Mercedes hat ein Joint Venture mit Nissan Aguascalientes und baut etwa 57 000 Autos in Mexiko.
Würden sich Zölle für die USA rächen?
Doch der Autobau ist nicht die einzige US-Branche, die Mexiko als verlängerte Werkbank nutzt: Der Sportartikelhersteller Nike, der Mischkonzern Honeywell, der Medizintechniker Medtronic oder der Pharmariese Johnson & Johnson: Sie alle haben Fabriken in Mexiko, das Land lieferte 2024 Waren im Wert einer halben Billion Dollar in die USA. General Motors überlegt laut US-Medien zwar, wieder mehr Pickups in den USA zu bauen. Eine komplette Rückverlagerung ist aber unwahrscheinlich.
So könnten Trumps Zollpläne auch nach hinten losgehen – weshalb er sie vielleicht doch noch aufgeschoben hat. „Durch sie würden Autos in den USA im Schnitt um 3000 Dollar teurer“, rechnet Finanzexperte Moritz Kronberger vor. Das sei nicht nur für Verbraucher bitter. „Es heizt auch die Inflation an, weshalb die US-Notenbank mit einer strengeren Zinspolitik reagieren dürfte, was schlecht für die Wirtschaft und die Börsen ist.“ Auch für Trumps eigentliches Ziel, die Zuwanderung einzudämmen, seien hohe Zölle nicht hilfreich, glaubt er: „Sie schaden der Wirtschaft in Mexiko, weshalb eher mehr Leute über Auswanderung nachdenken werden.“ Immerhin seien Armut und Arbeitslosigkeit die Hauptgründe für Migration.
Rubriklistenbild: © Andrea Sosa Cabrios, dpa

