VonClaus-Jürgen Göpfertschließen
Das Saarland steht vor einer gewaltigen Transformation. Nach dem vorläufigen Aus für die Chipfabrik richtet der DGB klare Forderungen an Bundeskanzler Olaf Scholz.
Ihre industrielle Vergangenheit haben sie in Ensdorf im Sommer in die Luft gejagt. Am 30. Juni 2024 zerlegten Sprengladungen in dem kleinen Ort an der Saar die beiden Schornsteine und den Kühlturm des alten Kohlekraftwerkes von 1961. An seiner Stelle versprach Bundeskanzler Olaf Scholz beim Besuch 2023 nicht weniger als eine „industrielle Revolution“. Die modernste Chipfabrik Europas mit Siliziumkarbid-Halbleitern sollte auf dem Grundstück entstehen, bis zu 1000 neue Arbeitsplätze sollten entstehen.
Chipfabrik im Saarland wird verschoben: „Deindustrialisierung“ im Saarland
Daraus wird jetzt erst mal nichts. Der US-Investor Wolfspeed hat die Investition von 2,7 Milliarden Euro auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben. Der Co-Geldgeber, der Autozulieferer ZF, der 170 Millionen Euro mitbringen wollte, ist ganz abgesprungen. Und Ensdorf und das Saarland kehren die Trümmer zusammen. „Es ist ein herber Rückschlag für unsere Gemeinde und die gesamte Region“, urteilt Jörg Wilhelmy, der parteilose Bürgermeister von Ensdorf.
Ensdorf. Mit seinen 6500 Einwohnerinnen und Einwohnern steht es für den dramatischen Strukturwandel, der überall im Saarland zu spüren ist. Weg von Kohle und Stahl, hin zu – genau da beginnen die Fragezeichen. Zwischen 2014 und 2024 sind in der Industrie des Saarlandes 11.000 Arbeitsplätze verloren gegangen, 87.400 sind noch übrig. Die Industrie- und Handelskammer des Saarlandes warnt vor „Deindustrialisierung“. Bis 2035 werden im Saarland 50.000 Arbeitsplätze verloren gehen, aber nur 23.000 neu entstehen, prognostiziert das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit.
Ford will Werk im Saarland ganz schließen – und baut Elektroautos jetzt in Spanien
Timo Ahr, der stellvertretende DGB-Bezirksvorsitzende von Rheinland-Pfalz und Saarland, ist nicht weit entfernt von Ensdorf geboren und aufgewachsen. „Es gibt keinen Landkreis, der nicht vom Strukturwandel betroffen ist. Die Zahlen sind dramatisch“, sagt er. Er hat „die Hoffnung, so viele Arbeitsplätze wie möglich zu sichern“. Aber der 31-Jährige, einer der jüngsten deutschen Gewerkschafter in Führungsposition, fügt ganz klar hinzu: „Wir haben keine Zeit mehr.“
Die Zeit drängt. Im nächsten Jahr schließt der Autobauer Ford sein Werk in Saarlouis fast vollständig. Von 4600 Beschäftigten und 1500 Menschen bei Zulieferbetrieben sollen nur 1000 Arbeitsplätze übrig bleiben. Ford will E-Automobile künftig preiswerter im spanischen Valencia produzieren. Die Stimmung vor Ort ist bitter. „Wir wurden betrogen, belogen und verarscht“, heißt es auf der Webseite der IG-Metall Saarlouis. Und: „Das europäische Ford-Management hat jegliche menschlichen Werte verloren.“ Dazu sind Friedhofskreuze zu sehen.
Neue Fabrik für Halbleiter im Saarland vor dem Aus: Zu wenig E-Autos werden verkauft
Und jetzt also Ensdorf. „Die Leute in Ensdorf wussten ganz lange nicht, wie es weitergeht“, erinnert sich Gewerkschafter Ahr. „Viele waren euphorisch, als die neue Fabrik angekündigt wurde.“ Bürgermeister Wilhelmy beklagt „Unklarheit über die tatsächlichen Hintergründe der Entscheidung.“ Er erhofft sich Aufklärung von einer Reise des saarländischen Wirtschaftsministers Jürgen Barke in die USA. Die offizielle Begründung von Wolfspeed ist klar: Der Absatz von E-Autos, in denen die Chips verbaut werden sollten, ist zu schwach.
Gewerkschafter Ahr spricht von einem „harten Dämpfer für viele Bürgerinnen und Bürger.“ Aber er macht klar: „Wir lassen den Kopf nicht hängen.“ Und er formuliert präzise Forderungen an die Bundesregierung. „Ein Industriestrompreis muss jetzt kommen!“ Der Adressat ist Olaf Scholz: „Der Bundeskanzler und die Ampel-Regierung müssen jetzt liefern.“ Der zweite wichtige Punkt aus Sicht des DGB ist die mangelnde Lade-Infrastruktur für die E-Autos. Das Saarland rangiere hier nur auf dem letzten Platz unter den 16 Bundesländern. Ahr fordert: „Wir brauchen Kaufanreize für Elektroautos und massive Investitionen in die Infrastruktur!“
Das ist durchaus bemerkenswert. Denn Timo Ahr ist nicht nur Gewerkschafter. Er ist auch einer der Hoffnungsträger der Sozialdemokraten im von der SPD allein regierten Saarland. Stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD-Fraktion im Landtag und Sprecher für Wirtschafts- und Industriepolitik. Natürlich verweist er auf positive Kennzahlen im Bundesland. So entlohnten 53 Prozent der Betriebe im Saarland ihre Beschäftigten noch nach Tarif, viel mehr als etwa in den östlichen Bundesländern, wo es unter 30 Prozent sind. Das Land hat einen Transformationsfonds aufgelegt, um den ökologischen Umbau von Unternehmen mit Steuergeld zu unterstützen. Für das laufende Jahr 2024 sind im Haushalt 1,4 Milliarden Euro vorgesehen, davon sollen 720 Millionen Euro in die „Grüne Transformation“ der Stahlindustrie fließen. Aber ohne die zusätzliche Hilfe der Bundesregierung könne das Saarland den rasant fortschreitenden Strukturwandel nicht bewältigen. „Das allein reicht nicht aus. Das Land hat mit dem Transformationsfonds geliefert, der Bund muss jetzt nachziehen“, urteilt Sozialdemokrat Ahr.
Saarland hat nur noch wenige große Arbeitgeber
Die letzten großen verbliebenen industriellen Arbeitgeber im Saarland sind ZF Friedrichshafen mit den Standorten Saarbrücken und Neunkirchen (insgesamt 9000 Beschäftigte), Saarstahl (6000), bis zum nächsten Jahr noch die Ford-Werke (4600), die Dillinger Hütte (3600) und die Robert Bosch GmbH (3200). Diese industriellen Arbeitsplätze werden gut entlohnt. Je mehr von ihnen wegfallen, desto mehr gerät die Sozialstruktur in dem rund eine Million Menschen zählenden Bundesland in eine Schieflage. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 7,2 Prozent, also nicht viel über dem Bundesdurchschnitt von sechs Prozent.
„Wolfspeed war und ist ein Lichtblick“, urteilt der Gewerkschafter. Aber bis auf weiteres müssen die Menschen in Ensdorf und nicht nur dort im Saarland ohne die vom Bundeskanzler in Aussicht gestellte industrielle Revolution auskommen. Nachdem der Name der Gemeinde kurz bundesweit bekannt wurde, hat der Alltag sie wieder. Am 11. November steht in Ensdorf der Martinsumzug durch den Ort an. Und am 7. Dezember, dem zweiten Adventssamstag, wird der Weihnachtsmarkt auf dem Marktplatz aufgebaut.
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