Energie

Chinas Energiemix: Wie das Land zu einer Sonnenmacht mit großen Schatten wird

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China macht rasante Fortschritte beim Solar-Zubau. Gleichzeitig setzt das Land weiter auf Kohle, unter anderem als Industrie-Rohstoff.

China entwickelt sich immer stärker zum Motor für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Allein in den ersten sechs Monaten des Jahres 2025 wurden dort Solarstrom-Anlagen mit einer Leistung von 210 Gigawatt (GW) neu errichtet, wie das Internationale Wirtschaftsforum Regenerative Energien (IWR) aus Münster berichtet. Zum Vergleich: Das ist deutlich mehr als die gesamte bisher installierte Solarleistung des früheren Weltmarktführers in Deutschland, die Ende letzten Jahres bei 100 GW lag. China hat damit als erstes Land in diesem Jahr die Marke von 1000 Gigawatt Solarleistung überschritten, inzwischen sind es sogar rund 1100 GW.

Was wie eine nüchterne technische Zahl klingt, bedeutet in Wahrheit eine tektonische Verschiebung in der globalen Energiewelt. Während Europa und gerade auch Deutschland noch über das Tempo des Erneuerbare-Energien-Ausbaus debattieren und die USA unter Präsident Donald Trump auf die Bremse steigen, hat Peking längst Fakten geschaffen. China demonstriert, wie politische Steuerung und der Aufbau von industriellen Kapazitäten zu einer kaum mehr anfechtbaren Hegemonie führen können.

Ist alles so, wie es sein soll? Eine Inspektion von Bauteilen für Windkraftanlagen in Dongying, Ostchina.

Für das Gesamtjahr 2025 sind laut IWR nach bisherigen Planungen im Stromsektor mehr als 500 Gigawatt neue Erzeugungskapazität vorgesehen, davon rund 400 GW aus erneuerbaren Energien. Es wird erwartet, dass der tatsächliche Zubau am Jahresende angesichts der starken Ausbauzahlen im ersten Halbjahr diese Planzahlen noch übersteigt. IWR zitiert „China Daily“, wonach sich der Erneuerbaren-Ausbau in den kommenden Jahren weiter fortsetzen werden soll, allerdings auf etwas niedrigerem Niveau. Für die nächste Fünfjahres-Planung (2026–2030) werde mit einer jährlichen Zubaurate von 200 bis 300 GW an erneuerbarer Energieleistung gerechnet, erklärte Zhang Lin, Leiter der Planungs- und Entwicklungsabteilung.

Die Rekordmarke von 1000 Gigawatt zeigt freilich nicht die ganze Wahrheit. Zwar übertrafen in China bereits im Frühjahr die installierten Solar- und Windkapazitäten erstmals jene der fossilen Kraftwerke, doch ihr Beitrag zur Stromversorgung bleibt unter den theoretischen Möglichkeiten. Hauptgrund: Das Stromnetz ist noch wie vor auf die zahlreichen Kohlekraftwerke ausgerichtet und es fehlen Speicher.

Zudem entstehen die riesigen Solar- und Windparks vor allem im Westen des Landes – ertragreich, aber tausende Kilometer entfernt von den Verbrauchszentren an der Küste. Die Folge: Trotz Rekordproduktion aus Photovoltaik und Wind kommt es regelmäßig zu Abregelungen. Strom wird nicht genutzt, weil Speicher nicht verfügbar sind sowie Leitungen zu den industriellen Zentren im Osten des Landes nicht ausreichen, und Kohlestrom springt ein. Der Anteil von Solar- und Windenergie am gesamten Strommix lag im ersten Quartal 2025 nur bei 22,5 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland ist es bereits über die Hälfte.

Trotz der Netzprobleme und des fortgesetzten Baus von Kohlekraftwerken zeigen sich in China bei den Treibhausgas-Emissionen positive Effekte, die Hoffnung auf eine Trendwende beim mit Abstand größten CO2-Einheizer weltweit machen. Laut dem finnischen Thinktank Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) sank Chinas gesamter CO2-Ausstoß im ersten Halbjahr 2025 um ein Prozent gegenüber dem Vorjahr, im Stromsektor sogar um drei Prozent.

Peking folgt paradoxem Plan

„Die Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Quellen wächst inzwischen schneller als die Nachfrage nach Elektrizität – sowohl kurzfristig als auch im längerfristigen Durchschnitt. Dadurch geht der Einsatz fossiler Energieträger zurück. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, wäre damit der Höhepunkt der Emissionen erreicht und ein dauerhafter Rückgang im chinesischen Stromsektor eingeleitet“, kommentierte CREA-Experte Lauri Myllyvirta im britischen Klima-Infodienst „Carbonbrief“.

Chinas Präsident Xi Jinping hat versprochen, dass die Emissionen spätestens 2030 ihr Maximum erreichen sollen und das Land bis 2060 klimaneutral wird. Nur wenn China als globaler Obereinheizer diese Ziele einhält und eventuell noch vorzieht, gibt es noch eine Chance, die Erderwärmung unter zwei Grad zu stabilisieren. Das Land ist alleine für gut ein Drittel (34 Prozent) der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich, gefolgt von den USA (zwölf Prozent) und Indien (7,6 Prozent). Bemerkenswert ist, dass dieser Rückgang nicht durch eine Konjunkturschwäche erklärt werden kann. Im Gegenteil: Die Nachfrage nach Strom wächst weiter, doch der Mehrbedarf und ein Teil des bisherigen Verbrauchs wird durch sauberen Strom gedeckt. Hier liegt die eigentliche Botschaft: Dekarbonisierung findet im größten Emittenten der Welt bereits statt – wenn auch noch fragil.

Baustopp

Die US-Regierung hat ein Windpark-Projekt vor der Küste des Bundesstaates Rhode Island gestoppt. Der geschäftsführende Direktor des Büros für Meeresenergie-Management (BOEM), Matthew Giacona, wies den dänischen Betreiber Ørsted am Freitag an, „alle laufenden Aktivitäten“ einzustellen. Giacona verwies auf den „Schutz nationaler Sicherheitsinteressen“.

Die Aktie von Ørsted stürzte am Montag zwischenzeitlich um 15,5 Prozent ab.

Denn parallel zur grünen Offensive expandieren in China klimaschädliche Industrien. Besonders deutlich ist dies im „Kohle-zu-Chemie“-Sektor. Hier wird Kohle in großen Chemieparks unter hohem Energieaufwand zu synthetischen Treibstoffen oder petrochemischen Produkten verarbeitet. China will damit seine großen Erdöl-Importe senken. Seit 2020 haben diese Anlagen die nationalen Emissionen laut Myllyvirtas Analyse bereits um drei Prozent erhöht, bis 2029 könnten weitere zwei Prozent hinzukommen.

In dieser Gleichzeitigkeit von Erneuerbaren-Schub und Kohle-Expansion spiegelt sich das Paradox einer Strategie, mit der China den Anspruch erhebt, den CO2-Peak anzusteuern, aber weiter starkes ökonomische Wachstum verfolgt. Solange Kohlekraftwerke genehmigt und gebaut werden, solange petrochemische Expansion die Emissionen nach oben treibt, bleibt das Fundament der Transformation instabil.

Hinzu kommt die geopolitische Dimension: IWR-Leiter Norbert Allnoch erläutert: „Indem Peking die Solartechnik in beispiellosem Tempo ausrollt, sichert es sich nicht nur einen Platz in der Klimapolitik, sondern auch eine dominierende Rolle in der globalen Industrie.“ Tatsächlich dominieren chinesische Unternehmen inzwischen die Produktion von Solarsilizium und Solarmodulen, was den Rest der Welt in diesem Sektor zunehmend in Abhängigkeit bringt.

Dazu passt, dass auch die chinesischen Windkraft-Produzenten inzwischen technisch konkurrenzfähig etwa zu europäischen Herstellern sind und ihre Produkte auf dem Weltmarkt billiger anbieten. Westliche Fachleute warnen, dass die Energiewende im Rest der Welt ohne chinesische Technik kaum mehr möglich ist. Die 1000-Gigawatt-Marke ist also nicht nur ein Symbol für Chinas grünen Wandel, sondern auch für seine wachsende Marktmacht.

Rubriklistenbild: © IMAGO/CFOTO

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