Wirtschaftsministerin Reiche verteidigt ihren Renten-Vorstoß
VonPaula Völkner
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Länger arbeiten, später in Rente: Das verlangt Katherina Reiche. Von Kritik aus Opposition, SPD und Teilen der CDU scheint die Wirtschaftsministerin unbeirrt.
Leuna – Für einen Vorstoß zur Rente hat Wirtschaftsministerin Katherina Reiche Kritik nicht nur vonseiten der Opposition einstecken müssen. Auch der Koalitionspartner ihrer CDU, die SPD, äußerte sich empört. Nun verteidigt die CDU-Politikerin ihre Aussage: „Es ist unbestritten, dass wir länger arbeiten müssen“, erklärte Reiche am Montag (28. Juli) beieinem Besuch des Chemiewerks in Leuna erneut.
Reiches Renten-Vorstoß: „Wir müssen mehr und länger arbeiten“ – Kritik auch aus der CDU
In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hatte die Wirtschaftsministerin im Vorfeld erklärt: „Der demografische Wandel und die weiter steigende Lebenserwartung machen es unumgänglich: Die Lebensarbeitszeit muss steigen.“ Konkret: „Wir müssen mehr und länger arbeiten“, sagte Reiche. Leider verweigerten sich zu viele zu lange der demografischen Realität. „Es kann jedenfalls auf Dauer nicht gut gehen, dass wir nur zwei Drittel unseres Erwachsenenlebens arbeiten und ein Drittel in Rente verbringen.“
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Zuspruch bekam Reiche von Arbeitgeber-Seite. Kritik kam vom CDU-Sozialflügel (CDA), der Opposition und besagter SPD. CDA-Bundesvize Christian Bäumler sagte, ihre Forderungen hätten keine Grundlage im Koalitionsvertrag. „Wer als Wirtschaftsministerin nicht realisiert, dass Deutschland eine hohe Teilzeitquote und damit eine niedrige durchschnittliche Jahresarbeitszeit hat, ist eine Fehlbesetzung.“
Wirtschaftsministerin Reiche verteidigt ihren Renten-Vorstoß – „müssen länger arbeiten“
Reiche zeigt sich von der Kritik bislang unbeeindruckt: Bei ihrem Besuch im Chemiepark Leuna wiederholte die Wirtschaftsministerin ihre Haltung und erklärte laut Welt-Bericht angesprochen auf die Kritik aus den eigenen Reihen, es sei unbestritten, „dass wir länger arbeiten müssen, Punkt“. Dies, so Reiche, bestreite „im Kern keiner – übrigens auch nicht die Kritiker nicht“. Die Wirtschaftsministerin wiederholte ihre Forderung, dass soziale Sicherungssysteme und demografische Situation „in besseren Einklang“ gebracht werden müssten.
Ob Reiche damit recht hat, dass auch unter Kritikern unbestritten sein soll, dass Menschen in Deutschland länger arbeiten müssten, scheint angesichts der Reaktionen auf den Vorstoß zweifelhaft; sofern sich Reiche mit dem Wort „länger“ tatsächlich auf die Lebensarbeitszeit und nicht auf ein Mehr an Arbeitskraft bezieht. Der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Sebastian Roloff, erklärte etwa gegenüber dem Spiegel, Deutschland brauche zwar mehr Arbeitskraft, „das kann man aber nicht pauschal über eine Erhöhung des Renteneintrittsalters erzwingen“.
Auch Andreas Audretsch, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen, äußert sich gegenüber IPPEN.MEDIA zu Reiches Renten-Vorstoß: „Richtig wäre, den Menschen mehr Arbeit zu ermöglichen, die können und wollen.“ Als Beispiele für eine politische Umsetzung dieser Forderung führt der Grünen-Politiker „altersgerechte Arbeitszeitmodelle und finanzielle Anreize“ an, „um länger mehr zu arbeiten“. Aber auch Frauen sollte ermöglicht werden, so viel zu arbeiten „wie sie selber wollen“ – „dafür müsste man Anreize im Steuerrecht schaffen und die Kinderbetreuung besser ausbauen“. Von einer Notwendigkeit des Längerarbeitens ist jedoch keine Rede.
Zu Reiches Renten-Forderung erklärt Audretsch: „Das Renteneintrittsalter steigt bis 2031 schrittweise auf 67 Jahre. Dass Frau Reiche das einfach ignoriert, zeigt, dass sie sich nicht an der Realität im Land orientiert, sondern ideologisch Phrasen drischt.“ Die Rente mit 67 sei „gerade für viele Menschen, die körperlich hart arbeiten“ bereits jetzt „nur schwer zu schaffen“. Der Vorschlag des Grünen-Politikers: „Um die Rente zu stabilisieren, ist es wichtig, so viele Menschen wie möglich in gut bezahlte Jobs zu bringen. Ein wichtiger erster Schritt wäre, dass sich Frau Reiche für den Abbau prekärer Beschäftigung, insbesondere von Minijobs, einsetzt.“ (pav mit dpa)