24,8 Milliarden Euro Defizit

„Zeitenwende“: Kommunale Kassen mit größtem Minus in der Geschichte der Bundesrepublik

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Deutsche Kommunen verzeichnen ein Rekordminus. Ihr Defizit hat sich mehr als verdreifacht, zeigen neue Studien. Und auch der Ausblick ist wenig rosig.

Gütersloh – Deutschlands Kommunen stehen unter dramatischem finanziellen Druck, wie eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt. Sie haben im vergangenen Jahr ein historisches Rekordminus von fast 25 Milliarden Euro eingefahren – ein Defizit, das sich im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdreifacht hat. Experten zeichnen ein düsteres Bild: Ohne grundlegende Reformen drohen nicht nur Investitionsstau und soziale Verwerfungen – sondern ein dauerhafter Verlust kommunaler Handlungsfähigkeit.

Deutsche Kommunen fuhren ein Rekordminus ein. Das Defizit ist mehr als dreieinhalbmal so groß wie im Jahr zuvor. Einige Regionen, so auch Nordrhein-Westfalen, fallen infrastrukturell immer weiter zurück. (Archivbild)

Kommunale Finanzen – Größtes Defizit in der Geschichte der Bundesrepublik

Die Finanzlage der kommunalen Kassen in Deutschland hat sich im Jahr 2024 drastisch verschlechtert. Während die Ausgaben massiv steigen, sieht es bei den Einnahmen mau aus. In dem am Mittwoch (30. Juli) von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Kommunalen Finanzreport 2025 wird das gravierende Ausmaß der wirtschaftlichen Schieflage von Städten, Landkreisen und Gemeinden deutlich: Sie haben mit 24,8 Milliarden Euro Minus einen neuen Negativrekord seit Gründung der Bundesrepublik aufgestellt.

Das Defizit des Jahres 2024 markiert eine Zeitenwende, welche die finanzielle Handlungsfähigkeit der Kommunen nachhaltig infrage stellt.

Brigitte Mohn, Bertelsmann-Stiftung

Die Zahlen seien Ausdruck tiefer struktureller Probleme – von wachsender Aufgabenlast bis zu fehlender Finanzierungssicherheit: „Das Defizit des Jahres 2024 markiert eine Zeitenwende, welche die finanzielle Handlungsfähigkeit der Kommunen nachhaltig infrage stellt“, so Brigitte Mohn, Vorständin der Bertelsmann-Stiftung. 

Die Kommunen haben 2024 mit fast 25 Milliarden Euro das größte Defizit der deutschen Geschichte verbucht, zeigen die Zahlen des Kommunalen Finanzreports 2025 der Bertelsmann-Stiftung. Das Defizit ist mehr als dreieinhalbmal so groß wie im Jahr zuvor.  

Alarmstufe Rot in den Kommunalhaushalten – Rekordminus stellt „Zeitenwende“ dar

Ursache für die schlechte Kassenlage seien in erster Linie die Entwicklung der Ausgaben. Allein die Personalkosten hätten sich binnen zehn Jahren verdoppelt, was eine Folge des Stellenwachstums und hoher Tarifabschlüsse sei. Auch die Sozialausgaben verzeichneten binnen zwei Jahren einen Sprung um ein Viertel auf 85 Milliarden Euro. 

Sinkende Steuereinnahmen und Investitionsstau – Regionen fallen infrastrukturell immer weiter zurück

Dazu sei die Wachstumsdynamik der kommunalen Steuereinnahmen, die in den letzten zehn Jahren bundesweit um 60 Prozent gestiegen sind, 2024 vor dem Hintergrund der schwachen wirtschaftlichen Lage zum Erliegen gekommen. Und auch der Ausblick ist wenig rosig, so der Bericht: Obwohl die Kommunen im vergangenen Jahr 52 Milliarden Euro in Investitionen steckten – ebenfalls ein Rekord – wachse der Investitionsrückstand weiter.

Hier lebt es sich am besten: Die 25 Städte mit der höchsten Lebensqualität

Die Frankfurter Skyline Die Türme der Frankfurter Bankenskyline ragen in den Himmel. Frankfurt am Main Hessen Deutschland, 28.3.2025
In der sogenannten Mercer-Studie werden jährlich die Städte mit der höchsten Lebensqualität gekürt. Dabei untersucht das Beratungsunternehmen Mercer mehr als 240 Städte weltweit anhand von 39 Faktoren. In die Bewertung fließen politische und wirtschaftliche Aspekte sowie sozio-kulturelle und umweltorientierte Gesichtspunkte. © Florian Gaul/greatif/IMAGO
Die Skyline der Innenstadt von Calgary im frühen Frühling, Calgary, Alberta, Kanada. 12. April 2024.
Platz 25: Calgary, Kanada: Die Stadt hat eine relativ junge Bevölkerung und verfügt über viel familienorientierte Infrastruktur, die das Wachstum von Familien unterstützen. Eine niedrige Kriminalitätsrate, wunderschöne Landschaften und ein gutes Gesundheitssystem machen die Stadt zudem zu einer der lebenswertesten Städte der Welt. © Marvin Samuel/imagebroker/IMAGO
Oslo, Norwegen; das Opera House, Saunen im Winter bei Sonnenaufgang
Platz 20: Oslo, Norwegen: Die gleiche Punktzahl und damit Platz 20 teilen sich gleich fünf Städte. Eine davon ist die norwegische Hauptstadt Oslo. Die Stadt punktet mit einem starken Fokus auf Work-Life-Balance und Umweltschutz. Allerdings gehört Oslo – so wie viele Städte auf der Liste – auch zu einer der teuersten Städte der Welt. © Robertharding/IMAGO
Sonnenuntergang und Sicht auf Perth, Australien, 9.12.2020
Platz 20: Perth, Australien: Mit ihren freundlichen Einwohnern und etwa 3000 Sonnenstunden pro Jahr schafft es auch die australische Küstenstadt Perth auf Platz 20. Die Stadt ist für ihr grünes Zentrum, eine ausgeprägte Kulturszene und zahlreiche feine Sandstrände bekannt.  © Dreamstime/IMAGO
Blick auf Stadt vom Alexandra Gardens, Melbourne, Victoria, Australien, 22.12.2015
Platz 20: Melbourne, Australien: Melbourne wird auch oft Garden City genannt, was die Stadt den vielen Grünanlagen und Parks zu verdanken hat. Dort kann man sich vom turbulenten Stadtalltag ideal erholen. © robertharding/IMAGO
Skyline von Montreal, Kanada, bei Nacht, 14.9.2024
Platz 20: Montreal, Kanada: Die kanadische Stadt Montreal belegt mit ihrer niedrigen Kriminalitätsrate und ihren erschwinglichen Mieten ebenfalls Platz 20. Montreal ist die größte Stadt der kanadischen Provinz Quebec und liegt auf einer Insel im Sankt-Lorenz-Strom. Benannt ist die Stadt nach dem Höhenzug Mont Royal, dessen drei Gipfel sich in ihrem Zentrum erheben. © Makoto Honda/PantherMedia/IMAGO
Rideau-Canal, im Hintergrund das Regierungsgebaeude , Kanada, Ontario, 28.6.2011
Platz 20: Ottawa, Kanada: Nicht unweit von Montreal liegt Ottawa, die Hauptstadt von Kanada. Mit einer fußgängerfreundlichen Innenstadt, beeindruckenden Kulturszene und grünen Parks gehört auch Ottawa zu den Städten mit der besten Lebensqualität. © blickwinkel/IMAGO
Panorama von Berlin Mitte, Berlin Deutschland, 25.5. 2024
Platz 19: Berlin, Deutschland: Mit 3,7 Millionen Einwohnern ist Berlin die bevölkerungsreichste Stadt in Deutschland. Sie ist für ihr wildes Nachtleben und ihre ausgeprägte Kulturszene bekannt. © Dirk Sattler/IMAGO
Riddarholmen Kirche und Zug von Sodermalm, Stockholm, Schweden, 8.6.2017
Platz 18: Stockholm, Schweden: Die schwedische Hauptstadt umfasst 14 Inseln, die durch 57 Brücken miteinander verbunden sind. Stockholm wird deshalb häufig „Venedig des Nordens“ genannt. Auch die Lebensqualität ist hier hoch – So belegt Stockholm Platz 18 im Mercer-Ranking. © Robertharding/IMAGO
Sicht auf die Adolphe Bridge Richtung Place de Metz mit dem State Savings Bank, Luxemburg, 10.8.2012
Platz 17: Luxemburg, Luxemburg: Mit rund 136.000 Einwohnern liegt Luxemburg auf Platz 17 des Rankings. Die Stadt ist die größte Stadt des gleichnamigen Landes. Knapp 20 Prozent der Gesamtbevölkerung Luxemburgs leben hier. © UIG/IMAGO
Rheinpromenade am Joseph-Beuys-Ufer, Blick auf die Oberkassler Brücke, Fortuna Büdchen, Kiosk am Rheinufer, Düsseldorf, NRW, Deutschland, 18.9.2024
Platz 16: Düsseldorf, Deutschland: Düsseldorf ist eine bekannte Mode- und Kunststadt im Westen von Deutschland. In Sachen Lebensqualität musste Düsseldorf allerdings von 2023 auf 2024 ganz schön einbüßen. 2023 lag die Stadt noch auf Platz 10 – ganze sechs Plätze weiter vorne. © Jochen Tack/IMAGO
Panoramablick auf die Skyline des Finanzzentrums von Wellington, Neuseeland, 18.11.2024
Platz 14: Wellington, Neuseeland: Wellington liegt am südlichsten Ende der Nordinsel an der Cookstraße. Die neuseeländische Hauptstadt ist eine Mischung aus bunten Holzhäusern, Sandstränden und ausgeprägter Kultur. Aufgrund von starken Winden in der Cookstraße wird die Stadt auch „Windige Stadt“ genannt. Da zwei Städte auf dem 14. Platz landen, gibt es im Ranking keine Nummer 15. © imagebroker/IMAGO
Binnenhof castle (niederländisches Parlament) und Skyline von Den Haag, Niederlande, 3.3.2023
Platz 14: Den Haag, Niederlande: Den 14. Platz teilt sich Wellington mit der niederländischen Stadt Den Haag. Die Stadt kann mit einer starken Wirtschaft, niedriger Arbeitslosenquote und fahrradfreundlicher Infrastruktur überzeugen. © depositphotos/IMAGO
Skyline von Toronto im Winter, Toronto, Ontario, Kanada, 3.1.2014
Platz 13: Toronto, Kanada: Toronto liegt am Ontario-See und ist für sein multikulturelles Zentrum bekannt. Toronto, sowie alle anderen kanadischen Städte der Liste, punkten laut Mercer vor allem durch ihre politische und wirtschaftliche Stabilität.  © Joana Kruse/IMAGO
Blick auf das Opera House ,Sydney, Australien, 12.10.2020
Platz 12: Sydney, Australien: Sydney ist eine Stadt voller berühmter Attraktionen, wie dem Opernhaus. Die Stadt bietet auch wunderschöne Strände. Bei der Mercer-Studie schafft es die australische Hauptstadt auf Platz 12. © Lim Yongtick/Panthermedia/IMAGO
Blick vom Olympiaberg auf die Stadt München, Bayern, Deutschland, 25.8.2020
Platz 11: München, Deutschland: Die bayrische Hauptstadt schafft es mit der Mischung aus Großstadt und Natur auf Platz 11 des Rankings. München hat zudem eine der niedrigsten Kriminalitätsraten Deutschlands und viele große Konzerne bieten attraktive Arbeitsplätze. © Peter Widmann/IMAGO
Blick auf den Rhein und die Stadt, Basel, Schweiz, 17.6.2015
Platz 10: Basel, Schweiz: Basel ist eine Stadt am Rhein im Nordwesten der Schweiz. Sie ist weltweit ein führendes Zentrum der Chemie- und Pharmaindustrie und bietet damit wertvolle Arbeitsplätze. © Westend61/IMAGO
Panoramblick auf Bern, Schweiz, 27.11.2024
Platz 9: Bern, Schweiz: Eine weitere schweizer Stadt im Ranking ist Bern. Die Hauptstadt der Schweiz überzeugt mit einer geringen Luftverschmutzung und niedrigen Kriminalitätsrate. So schafft es Bern im Mercer-Ranking auf Platz 9 der Städte mit der besten Lebensqualität. © Artur Bogacki/Westend61/IMAGO
Stanley Park, Lost Lagoon und Downtown Vancouver, 25.7.2012
Platz 8: Vancouver, Kanada: Vancouver ist bekannt für seine einzigartige Mischung aus Erholungsmöglichkeiten und weltoffenem Leben. Sie ist die am höchsten bewertete Stadt Nordamerikas und punktet vor allem durch ihrer Nähe zur Natur. © All Canada Photos/IMAGO
Die Frankfurter Skyline und Innenstadt, 28.3.2025
Platz 7: Frankfurt, Deutschland: Die am besten bewertete Stadt Deutschlands ist die Finanzmetropole Frankfurt. Sie ist Sitz der Europäischen Zentralbank und liegt – wie der Name schon sagt – am Main. © Florian Gaul/IMAGO
Ein Fahrrad auf einer Brücke, Leidsegracht Kanal, Amsterdam, Niederlande, 20.6.2014
Platz 6: Amsterdam, Niederlande: Die niederländische Hauptstadt ist für ihre Kunstszene, weit verzweigten Kanäle und schmalen Häuser beliebt. Amsterdam ist von zahlreichen Radwegen geprägt. In puncto Lebensqualität landet Amsterdam auf Platz 6. © Robertharding/Westend61/IMAGO
Panoramablick auf Auckland, Neuseeland, 1.8.2014
Platz 5: Auckland, Neuseeland: Die zweite neuseeländische Stadt in den Top 25 ist Auckland. Die Großstadt liegt im Norden der Insel und verfügt über zwei große Häfen. Daher kommt auch ihr Beiname „City of Sails“. © Westend61/IMAGO
Segelboote auf dem Kanal vor bunten Hausfassaden, Nyhavn, Kopenhagen, Dänemark, Europa, 24.9.2019
Platz 4: Kopenhagen, Dänemark: Kopenhagen liegt auf den küstennahen Inseln Seeland und Amager. Die dänische Hauptstadt zeichnet sich durch ihre wunderschönen Wasserstraßen, bunten Häuser und durch das ausgeprägte Nachtleben aus. © Sylvia Westermann/imagebroker/IMAGO
Blick auf Genf und den Genfer See, 25.4.2016
Platz 3: Genf, Schweiz: Genf ist der europäische Sitz der UNO. Die Stadt liegt am südwestlichen Ende des Genfersees und ist für eine ausgezeichnete Wohnumgebung sowie moderne und effiziente Infrastruktur bekannt. Das kommt auch bei der Mercer-Studie gut an. Hier landet Genf auf Platz 3. © Depositphotos/IMAGO
Blick auf den Stephansdom, 1. Bezirk, Innere Stadt, Wien, Österreich, 1.10.24
Platz 2: Wien, Österreich: Auf Platz 2 des Mercer-Rankings schafft es die österreichische Hauptstadt Wien. Damit liegt Wien seit 2009 nicht mehr an erster Stelle des Rankings. Punkten kann die Stadt durch ihre historische Schönheit und zentrale Lage im Herzen Europas. © Rainer Mirau/IMAGO
Panoramablick auf Zürich, Schweiz, 1.6.2023
Platz 1: Zürich, Schweiz: Zürich ist auf Platz 1 der lebenswertesten Städte. Grund dafür sind laut Mercer die hervorragenden öffentlichen Dienstleistungen, die niedrige Kriminalitätsrate und die lebendige Kulturszene, die durch eine effiziente Infrastruktur und das Engagement für Nachhaltigkeit unterstützt werden. Darüber hinaus habe Zürich für 2024 seine Flughafenverbindungen verbessert und die Zahl der Flüge von und zu anderen Kontinenten erhöht. © Alex Anton/Zoonar/IMAGO

Flächendeckend Defizite in Nordrhein-Westfalens Kommunen

Im regionalen Vergleich zeigt sich ein altbekanntes Bild: Bayern tätigt bundesweit die meisten Investitionen. Am anderen Ende liegen die Regionen Saarland, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, die infrastrukturell immer weiter zurückfallen. Auch fiel das Defizit in NRW insgesamt höher als im Bundesdurchschnitt aus: Nur noch 16 von 430 Kommunen konnten ihren Haushalt ausgleichen.

Doch nicht nur hohe Defizite und ein bundesweiter Investitionsstau von 215 Milliarden Euro belasten die kommunalen Haushalte: „Zusätzlich sind umfangreiche Investitionen in die Klimaanpassung der kommunalen Infrastruktur notwendig, um einen substanziellen Beitrag zur Minderung der Treibhausgase zu leisten“, so die Kommunalexpertin Kirsten Witte. Für infrastrukturschwache Regionen wie Nordrhein-Westfalen eine Herkulesaufgabe: „Mittel für die Transformation sind dort nicht vorhanden.“

Wir brauchen eine Staatsreform, weil die Kommunen diese wichtigen Aufgaben sonst nicht mehr wahrnehmen können.

Brigitte Mohn, Bertelsmann-Stiftung

„Kommunen können Mittel nicht allein aufbringen“: Experten fordern Staatsreform

„Angesichts der aktuellen Finanzlage werden die Kommunen die dafür notwendigen Mittel nicht allein aufbringen können. Auch das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität wird diese Bedarfe nur teilweise decken“, sagt Witte. Nötig seien weitere langfristige Ansätze zur Finanzierung, fordert Witte. 

Die Bertelsmann-Vorstandchefin Mohn mahnt: Kommunen schulterten über 50 Prozent der öffentlichen Investitionen und seien existentiell für den sozialen Zusammenhalt: „Wir brauchen eine Staatsreform, weil die Kommunen diese wichtigen Aufgaben sonst nicht mehr wahrnehmen können“.

Rubriklistenbild: © Federico Gambarini/dpa

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