Abnehmmittel

Abnehmspritze mit Zusatzwirkungen

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Semaglutid ist in den Medikamenten Ozempic, Wegovy und Rybelsus enthalten. Imago
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Was der Wirkstoff Semaglutid kann – und wo seine Grenzen und möglichen Risiken liegen. Medikament kann seit Juli bei schwerem Übergewicht verschrieben werden

Für Menschen, die seit vielen Jahren erfolglos gegen starkes Übergewicht kämpfen, mag es wie das langersehnte „Wundermittel“ klingen: ein Medikament, das sie nicht nur von unliebsamen und oft krankmachenden Kilos befreit, sondern zugleich noch gegen andere gesundheitliche Probleme wirkt, die häufig mit Adipositas verbunden sind. Dazu gehören vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Es geht um Semaglutid – einen Arzneistoff, der ursprünglich zur Behandlung von Diabetes Typ 2 entwickelt wurde. Also jener Form der Stoffwechselerkrankung, die sich meist erst im Erwachsenenalter entwickelt und häufig durch Ernährungsgewohnheiten und Bewegungsmangel mitverursacht wird. Unter dem Markennamen Wegovy des dänischen Herstellers Novo Nordisk kann Semaglutid nun seit Mitte Juli in Deutschland bei starkem Übergewicht mit einem Body-Mass-Index (BMI) von über 30 oder bei Übergewicht mit einem BMI von über 27 und mindestens einer Begleiterkrankung verordnet werden. Bislang erstatten die Kassen die Kosten nicht. In den USA ist Wegovy bereits seit 2021 als Abnehmmittel zugelassen; dort kam es aufgrund der großen Nachfrage zu Lieferengpässen.

Semaglutid soll also nicht nur effektiv bei der Gewichtsabnahme helfen, sondern auch das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken und sogar bei Süchten und Zwangsverhalten helfen. In einem Artikel des Ärzteblatts warnt Baptist Gallwitz, Facharzt für Innere Medizin, Diabetologie und Endokrinologie sowie Sprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) jedoch vor überzogenen Erwartungen. Eine Zusammenfassung des aktuellen Wissensstandes zu Semaglutid:

Wirkung bei Übergewicht

Laut mehreren Studien soll eine Kombination von Semaglutid mit verändertem Ernährungsstil und mehr Bewegung zu einer durchschnittlichen Verringerung des Körpergewichts um 15,2 Prozent geführt haben. Allerdings weist Diabetologe Baptist Gallwitz im „Ärzteblatt“darauf hin, dass nach „einigen Monaten Therapie ein gewisses Gleichgewicht“ erreicht sei und sich das Gewicht einpendele. Zudem wisse man aus Studien, „dass, wenn man das Medikament absetzt, das Gewicht relativ schnell wieder zunimmt“. Es muss also dauerhaft angewendet werden. Überdies scheint die Wirkung von Semaglutid nach einem Jahr nachzulassen, weitere Gewichtsverluste sind dann wohl nicht mehr zu erwarten.

Wirkung auf Herz-Kreislauf

Starkes Übergewicht erhöht bekanntermaßen das Risiko unter anderem für Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall. Semaglutid soll das Risiko für solche Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas um 20 Prozent senken. Das hat eine 2017 gestartete Studie mit 17 500 Teilnehmenden ergeben, die zwar allesamt keinen Diabetes, aber bereits nachgewiesene Gefäßschäden hatten. Die Arbeit wurde bislang noch nicht in einem Fachmagazin veröffentlicht, Details sollen im November auf dem Kongress der American Heart Association vorgestellt werden. Unklar ist bislang, ob dieser positive Effekt des Medikaments vor allem von der Gewichtsabnahme herrührt, ober ob Semaglutid auch noch über andere Mechanismen das Herz-Kreislauf-Risiko senkt.

Bei einer weiteren Studie wurde außerdem separat auf eine spezielle Form der Herzinsuffizienz geblickt, bei der das Herz zwar normal pumpt, aber zu steif ist, um sich richtig zu füllen. Im Fachjargon heißt das Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion. Daten deuten darauf hin, dass das Fettgewebe eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung und dem Fortschreiten dieser Herzinsuffizienz spielen und die Mehrheit der Erkrankten stark übergewichtig ist. Auch bei dieser Wirkung ist unklar, ob das Medikament sie direkt am Herzen entfaltet oder indirekt über Fettverlust durch die Gewichtsabnahme.

Wirkweise & verabreichung

Wirkmechanismus: Bei Semaglutid handelt es sich um einen GLP-1-Rezeptoragonisten. GLP-1 steht für Glucagon-Like-Peptide, das zu den Inkretinhormonen zählt. Darunter versteht man Hormone, die vom Magen-Darm-Trakt nahrungsabhängig produziert werden. Semaglutid ahmt die Wirkung von GLP-1 nach. Es wirkt zum einen in der Bauchspeicheldrüse und sorgt dafür, dass Insulin ausgeschüttet wird und der Blutzuckerspiegel sinkt. Zum anderen erzeugt Semaglutid im Gehirn ein Sättigungsgefühl, außerdem verzögert es die Entleerung des Magens.

Verabreichungsform: Bei Wegovy wird Semaglutid mit einem Pen verabreicht. Es wird unter die Haut injiziert, in der Regel einmal pro Woche. Es laufen aber bereits Studien mit Semaglutid in Tablettenform bei Adipositas.

Off-Label-Einsatz: Auch Ozempic enthält Semaglutid, allerdings in geringerer Dosierung. Anders als Wegovy, das explizit als Abnehmmittel auf den Markt kam, wurde Ozempic 2013 als Medikament gegen Typ 2-Diabetes zugelassen. Es kann von Ärztinnen und Ärzten aber off label bei Übergewicht verschrieben werden (off label bezeichnet die Anwendung eines zugelassenen Arzneimittels bei einer Erkrankung, für die es nicht zugelassen ist). Nachdem US-Prominenz von Gewichtsverlusten durch Omzempic berichtet hatte, führte der dadurch ausgelöste Hype dazu, dass sich 2022 viele Menschen das Medikament auf eigene Kosten per Privatrezept besorgten, worauf es zu Engpässen kam – zu Lasten derjenigen, die es zur Therapie von Diabetes benötigten. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte reagierte darauf mit verschärften Abgaberegelungen. Rybelsus ist ein weiteres Diabetesmittel mir Semaglutid als Wirkstoff. Es ist als bislang einziges Semaglutid-Präparat in Tablettenform erhältlich.

Verwandter Wirkstoff: Mit Liraglutid kam bereits 2009 ein verwandter Wirkstoff auf den Markt, zunächst unter dem Namen Victoza gegen Typ-2-Diabetes (hierfür auch in Tablettenform erhältlich) und ab 2016 unter dem Namen Saxenda (als Pen) zur Gewichtsreduktion. Liraglutid wirkt bei Adipositas aber schwächer als Semglutid.

Hersteller: Wegovy, Ozempic, Rybelsus und Saxenda/Victoza werden vom dänischen Pharmakonzern Novo Nordisk hergestellt, für den sich diese Produkte als höchst einträgliches Geschäft erwiesen haben. pam

Wirkung auf die Psyche

Menschen, die Semaglutid bekamen, hatten nicht nur weniger Appetit, sie tranken auch weniger Alkohol. Dem Medizinportal „Doccheck“ zufolge sollen Patientinnen und Patienten zudem berichtet haben, „dass sie das Interesse an einer ganzen Reihe von Sucht- und zwanghaftem Verhalten verloren haben, wie zum Beispiel exzessivem Shopping oder Nägelkauen“.

Allerdings steht auch eine mögliche, extrem schwerwiegende Wirkung auf die Psyche im Raum: Der Sicherheitsausschuss der europäischen Arzneimittelagentur EMA prüft derzeit, ob Semaglutid und der verwandte, ebenfalls von Novo Nordisk unter dem Handelsnamen Saxenda vertriebene Wirkstoff Liraglutid das Risiko von Gedanken an Suizid und Selbstverletzung erhöht. Bisher sollen der Behörde 150 Berichte über mögliche Fälle vorliegen. Noch ist unklar, ob es einen kausalen Zusammenhang mit den beiden Medikamenten gibt. Die Untersuchungen dazu sollen bis November abgeschlossen sein.

Nebenwirkungen

Die Erhöhung des Suizidrisikos würde schwer wiegen, sollte sie denn tatsächlich mit der Verabreichung von Semaglutid einhergehen. Als mögliche Nebenwirkungen belegt sind Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall oder Verstopfung sowie Schmerzen im Bauchraum. Außerdem weist der Hersteller von Wegovy auf seiner Website auf das mögliche Risiko bestimmter Schilddrüsenkarzinome hin. Diese traten bei Nagetieren unter der Verabreichung von Semaglutid häufiger auf, in Abhängigkeit von der Dosis als auch von der Dauer der Anwendung. Ob dieses Risiko auch bei Menschen besteht, ist noch unklar.

Weitere mögliche schwere Nebenwirkungen sind Bauchspeicheldrüsenentzündung, eine Entzündung der Gallenblase, zu niedrige Blutzuckerwerte, akutes Nierenversagen und eine Zunahme der Herzfrequenz. Auch fehlen bislang Daten zur Sicherheit des Medikaments bei einer Langzeitanwendung – das ist vor allem vor dem Hintergrund zu bedenken, dass Semaglutid vermutlich dauerhaft genommen werden muss, um das Gewicht zu halten.

Medikamente in der Entwicklung

Nach Semglutid befinden sich weitere ähnliche Arzneistoffe gegen Adipositas in der Entwicklung. So hat der US-Pharmakonzern Lilly bei einer Tagung der American Diabetes Association jüngst seinen Wirkstoff Tirzepatid vorgestellt, der nicht neben dem Hormon GLP-1 noch auf ein weiteres Hormon zielt, auf das Glukoseabhängige insulinotrope Peptid (GIP).

Es könne laut einem Bericht im „Ärzteblatt“ zu einer Gewichtsabnahme von 26,6 Prozent führen und soll sich zudem positiv auf einen wichtigen Wert zum Blutzucker ausgewirkt haben. Ebenfalls von Lilly entwickelt wurde der Wirkstoff Retaturid, der sogar drei Hormone adressiert. Laut einer im Fachmagazin „New England Journal of Medicine“ veröffentlichen Studie soll sich damit eine Gewichtsreduktion um fast 25 Prozent erreichen lassen. Und noch ein positiver Nebeneffekt wurde beobachtet: Eine nicht-alkoholische Fettleber, wie sie häufig mit Übergewicht einhergeht, aber auch bei Normalgewichtigen vorkommt, reduzierte sich unter Retaturid deutlich.

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