VonPamela Dörhöferschließen
Noch dürfen Phagen – spezielle Viren – in der EU nicht eingesetzt werden. Fachleute plädieren dafür, die geltenden Richtlinien zu ändern
Frankfurt – Durch die Konzentration auf Viren während der Corona-Pandemie sind bakterielle Infektionen etwas aus dem Fokus des öffentlichen Interesses gerückt. Dabei zählen Keime, die nicht mehr auf Antibiotika reagieren, zu den großen Problemen der Medizin; man mag sich die Folgen nicht ausmalen, sollten diese einst so potenten Arzneimittel gänzlich ihre Wirksamkeit verlieren.
Weltweit wird deshalb seit Jahrzehnten nicht nur nach neuen Antibiotika, sondern auch nach Alternativen gesucht. Als vielversprechende Kandidaten dafür gelten Bakteriophagen, auch Phagen genannt. Anders als der Name es vermuten lassen könnte, handelt es sich nicht um Bakterien, sondern um bestimmte, weltweit vorkommende Viren. Sie können Bakterien infizieren, sich in ihren vermehren und sie zerstören. Dabei sind Phagen spezifischer als Antibiotika und greifen jeweils nur einen oder wenige Bakterienstämme an. Genau diese Eigenschaften machen sie interessant als Arznei gegen Keime.
Phagen sind interessant als Arznei gegen Keime
Indes: Zwar gibt es viel Forschung zu Phagen und Berichte von erfolgreichen Fallbeispielen, doch fehlt es bislang an Evidenz, also dem durch Studien erbrachten wissenschaftlichen Beleg der Wirksamkeit. Warum das so ist? Das „Büro für Technikfolgen-Abschätzung“ (TAB) beim Bundestag kommt in einem am Dienstag veröffentlichten Bericht zu dem Schluss, dass die Ursache vor allem die geltenden Richtlinien und Verordnungen in der EU sind. Denn diese behinderten die Nutzung von Bakteriophagen in Deutschland und in der EU, da der Zulassungsrahmen auf unveränderliche Wirkstoffkombinationen und Standardtherapien ausgerichtet sei.
Das TAB berät den Bundestag bei technisch-wissenschaftlichen Themen, die Berichte dienen oft als Grundlage für Diskussionen in den Fachausschüssen. Verfasser des aktuellen Papiers mit dem Titel „Bakteriophagen in Medizin, Land- und Lebensmittelwirtschaft – Anwendungsperspektiven, Innovations- und Regulierungsfragen“ sind Harald König und Arnold Sauter vom Karlsruher Institut für Technologie.
Phagen als Mittel gegen infizierte Wunden
In den USA, einigen Ländern der ehemaligen Sowjetunion, etwa in Georgien und Russland, aber auch am Bundeswehrkrankenhaus in Berlin werden Phagen bereits als Mittel gegen Atemwegsinfekte und infizierte Wunden eingesetzt. In der EU und Deutschland gibt es bisher jedoch noch kein als Medikament zugelassenes Präparat. Phagen dürfen hier derzeit nur unter Ausnahmebedingungen und in Einzelfällen gegeben werden, etwa als „individueller Heilversuch“, wenn alle anderen Medikamente nicht mehr greifen.
Die Autoren des TAB-Berichts sind der Ansicht, dass das Potenzial von Phagen stärker ergründet und genutzt werden sollte. Um das zu ermöglichen, sei es notwendig, die Forschung und Entwicklung dazu gezielter zu fördern sowie spezielle Zulassungsprogramme und wirtschaftliche Anreize zu schaffen. Langfristig, heißt es, müssten aber vor allem die bisher unflexiblen rechtlichen Rahmenbedingungen verändert werden.
Therapie mit Phagen – Belgien könnte Vorbild sein
Parallel dazu schlagen die Verfasser rechtliche Ausnahmen vor, die eine Therapie mit Phagen in besonderen Fällen für mehr Betroffene in Deutschland als bisher zugänglich machen könnte. In diesem Zusammenhang wird als Vorbild Belgien genannt, wo es unter bestimmten Voraussetzungen möglich ist, dass eine Phagentherapie auf ärztliche Verordnung hin individuell in Apotheken hergestellt wird.
Phagen seien „theoretisch gegen jeden multiresistenten Erreger“ wirksam, „ohne Störung der Begleitflora wie bei Antibiotika“, sagt Mathias W. Pletz, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Jena. Außerdem seien sie sehr verträglich: „Wir nehmen mit der Nahrung täglich Milliarden von Phagen auf, ohne dass es dabei relevante Nebenwirkungen gibt.“
Nachteil der Phagen-Behandlung: Erreger müssen vor der Behandlung identifiziert werden
Einen Nachteil sieht der Wissenschaftler darin, dass die Erreger, die bekämpft werden sollen, vor der Behandlung identifiziert werden müssen, das bedeute eine „Limitation bei der Therapie akuter Infektionen“. Wie bei Antibiotika könnten Bakterien auch gegen Phagen Resistenzen entwickeln, man könne aber davon ausgehen, „dass es immer neue Phagen mit Wirksamkeit gegen jeden Bakterienstamm geben wird“.
Auch Julia Frunzke, Professorin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Leiterin einer Arbeitsgruppe am Forschungszentrum Jülich, sieht „großes Potenzial“ in der Behandlung von antibiotikaresistenten Krankheitserregern: „als personalisierte Medizin, in Kombination mit Antibiotika, aber auch als Selektionsdruck, um Krankheitserreger wieder für eine Antibiotika-Therapie zugänglich zu machen“.
Behandlung mit Phagen: „Wir müssen dieses Potenzial nutzen“
Zu letzterem erklärt sie: Wenn Bakterien Resistenzen gegenüber Phagen entwickelten, geschehe das häufig auf Kosten ihrer „Virulenz“ (krankmachenden Fähigkeiten) oder von Veränderungen auf der Oberfläche – die Erreger dann wieder für eine Behandlung mit Antibiotika empfindlich machen könnten. „Wir müssen dieses Potenzial nutzen, um Antibiotika und Phagen auf elegante und flexible Weise zu kombinieren“, sagt Frunzke. Ihrer Ansicht nach sollten deshalb die Zulassungsformen modernisiert werden. Die Zeit dränge, „praxisnahe Lösungen sind gefordert“.
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Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie an der Uniklinik Köln, sieht allerdings noch „riesige Hürden“ vor einer klinischen Anwendung – vor allem, weil bisher „aussagekräftige klinische Studien“ fehlten. Ohne diese sei es für ihn „nicht vorstellbar, dass es zu einer breiten Anwendung kommen kann“. Ein Problem sieht Fätkenheuer zudem darin, dass die Phagentherapie genau auf die Bakterien zugeschnitten sein muss, gegen die sie wirken soll. Dafür werde man „in der Regel einen Cocktail von verschiedenen Phagen benötigen, die sehr schnell verfügbar sein müssen“.
Experte sieht Potenzial von genetisch veränderten Phagen
Eine Wirksamkeit von Phagen könne derzeit vor allem bei einer lokalen Anwendung nachgewiesen werden, sagt Bernd Salzberger, Leiter der Infektiologie am Uniklinikum Regensburg. Hierzu böten sich Studien „bei komplizierten Knochen- und Gelenkprotheseninfektionen an“, wo bisherige Therapien nicht ausreichend wirksam seien. Ein anderer Ansatz könne die Lokaltherapie bei Bronchiektasien (bleibenden Erweiterungen und Aussackungen der Atemwege) und chronischen Infektionen sein.
Alexander Harms, Assistenzprofessor für Molekulare Phagenbiologie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, kritisiert an dem Bericht des TAB, dass er „zu sehr auf natürliche Phagen fokussiert“ sei. Er selbst sieht großes Potenzial vor allem in genetisch veränderten Phagen. Nachteile natürlicher Phagen ließen sich gezielt verändern: „So können zum Beispiel attraktive Eigenschaften mehrerer Phagen wie ein breites Wirtsspektrum und gute Haltbarkeit miteinander kombiniert werden.“ (Pamela Dörhöfer)
