VonPamela Dörhöferschließen
Pharmaunternehmen stellen den Antrag für Lecanemab auch in der EU. Ein neuer Biomarker könnte in Zukunft die Alzheimer-Früherkennung erleichtern.
Frankfurt – Noch nie sei er so optimistisch gewesen, „was unser Potenzial angeht, die Art und Weise zu verändern, wie wir Patienten behandeln und diagnostizieren“, schreibt Howard Fillit, Mitgründer und wissenschaftlicher Leiter der US-amerikanischen Alzheimer’s Drug Discovery Foundation, in einem Bericht für das Medizinmagazin „Stat“. Der Anlass für die positive Einschätzung des Arztes mit mehr als 40 Jahren Erfahrung als praktizierender Geriater ist die endgültige Zulassung des Alzheimer-Medikaments „Leqembi“ durch die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) Anfang Juli; bereits im Januar hatte das Mittel eine vorläufige Zulassung enthalten.
In den Vereinigten Staaten darf „Leqembi“ nun bei Patientinnen und Patienten mit Alzheimer im Frühstadium eingesetzt werden. Eine Behandlung kostet laut dem deutschen Medizinportal DocCheck fast 26.000 Dollar im Jahr. In der EU haben die Hersteller, der amerikanische Biotechnologie-Konzern Biogen und das japanische Pharmaunternehmen Eisai, mittlerweile ebenfalls einen Zulassungsantrag gestellt.
Wirkstoff Lecanemab gegen Alzheimer
„Leqembi“ enthält als Wirkstoff Lecanemab, einen Antikörper, der sich gegen das Protein Amyloid-Beta (auch als Beta-Amyloid bezeichnet, beides meint aber das Gleiche) richtet. Bei Alzheimer bildet es Klumpen im Gehirn, die dort zu Ablagerungen führen – ein Prozess, der oft schon 20 Jahre und länger im Gange ist, bevor erste kognitive Beeinträchtigungen auftreten.
Espresso gegen Alzheimer?
Im Laborversuch wirken Bestandteile der Kaffeebohnen gegen typische Prozesse neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson.
Amyloid-Beta ist nicht als einziges Eiweiß am Entstehen von Alzheimer beteiligt, ein weiterer zentraler Treiber ist das Tau-Protein, das sich zu faserigen Fibrillen formiert – und es ist anzunehmen, dass noch andere Mechanismen im Gange sind. Die meisten Alzheimer-Medikamente, die sich derzeit in der Entwicklung befinden, richten sich gegen Amyloid-Beta – allerdings sind auch nicht wenige bereits in klinischen Studien gescheitert. Howard Fillit bezeichnet in seinem Artikel „Leqembi“ als einem „Durchbruch“ auf diesem Gebiet.
Antikörper muss in sehr frühem Alzheimer-Stadium eingesetzt werden
Der alle zwei Wochen intravenös zu verabreichende Antikörper muss jedoch in einem sehr frühen Stadium eingesetzt werden, wenn die geistigen Einbußen noch gering sind. Nur dann besteht die Chance, das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen.
In den USA, wo außer Lecanemab mit Aducanumab noch ein weiterer – allerdings unter Fachleuten umstrittener – Amyloid-Antikörper auf dem Markt ist, könnte schon bald das nächste Mittel aus dieser Medikamentengruppe zugelassen werden: Auch Donanemab, hergestellt vom US-Pharmakonzern Eli Lilly, soll in klinischen Studien überzeugt und den kognitiven Verfall um 35 Prozent verlangsamt haben.
Laut Ärzteblatt hat dieser Antikörper den Vorteil, dass die Infusionen nur alle vier Wochen erforderlich sind. Sowohl Donanemab als auch Lecanemab können indes aufgrund ihrer Wirkweise auch schwere Nebenwirkungen haben, denn infolge der schnellen Abräumens der verklumpten Proteine durch das Immunsystem kann es zu Ödemen in Gehirn und auch zu Blutungen kommen. Gemeinsam ist beiden Medikamenten auch, dass sie frühzeitig gegeben werden müssen. Treten die typischen Probleme mit Gedächtnis und Orientierung bereits deutlich zutage, können die beiden Antikörper den Krankheitsverlauf nicht mehr verlangsamen.
Es ist wichtig, Alzheimer vor den ersten Symptomen zu diagnostizieren
Umso wichtiger ist es deshalb, Alzheimer früh und am besten noch vor dem Auftreten der ersten Symptome zu diagnostizieren. Hinzu kommt auch, dass die Krankheit zwar die mit Abstand häufigste Art der Demenz ist, aber bei weitem nicht die einzige - und bei anderen Formen die Antikörper nicht greifen.
Deshalb wird ebenso intensiv wie an Medikamenten auch an Methoden geforscht, die eine sichere und frühe Diagnostik ermöglichen. Als Goldstandard gilt derzeit die Positronen-Emissions-Tomografie (PET), ein bildgebendes Verfahren der Nuklearmedizin, mit dem im Fall von Alzheimer nach Amyloid oder Tau im Gehirn gesucht wird. Allerdings ist dieses Verfahren aufwendig und kostspielig und wird wegen der geringen Verfügbarkeit von Geräten nicht als Routine-Diagnostik in der Leitlinie Demenz empfohlen. Noch relativ neu ist ein Bluttest von C2N Diagnostics, der Amyloid-Beta im Blut nachweisen soll, er hat vor zwei Jahren sowohl eine Zulassung in den USA als auch in der EU erhalten.
Ein weiterer, jedoch noch nicht zugelassener Biomarker soll Ablagerungen des Tau-Proteins in der Hirn-Rückenmark-Flüssigkeit nachweisen. Ein internationales Forschungsteam um den Neurologen Randall Bateman von der Washington University St. Louis (USA) hat Mitte Juli Daten einer Studie mit 650 Teilnehmenden im Fachjournal „Nature Medicine“ veröffentlicht. Die Autorinnen und Autoren schlagen vor, den Marker mit dem Namen MTBR-tau243 nicht nur zur Diagnose von Alzheimer einzusetzen, sondern auch, um die Effekte einer medikamentösen Therapie auf die Tau-Proteine während der laufenden Behandlung zu überprüfen. (pam)
Rubriklistenbild: © Imago

