Thwaites-Gletscher

Sorge um „Weltuntergangs-Gletscher“ in der Antarktis: „Er hält sich wirklich mit den Fingernägeln fest“

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Der „Weltuntergangsgletscher“ genannte Gletscher Thwaites in der Antarktis bereitet Forschenden Sorge: Er schmilzt von unten.

Antarktis – Der Thwaites-Gletscher in der Antarktis hat den Spitznamen „Weltuntergangsgletscher“: Schmilzt der Gletscher, dürften zahlreiche Küstenstädte überflutet werden. Thwaites bedeckt mit 192.000 Quadratkilometern eine Fläche, die etwa so groß ist wie der US-Bundesstaat Florida und hat eine äußerst wichtige Funktion: Gemeinsam mit dem Pine-Island-Gletscher hindert er den viel größeren westantarktischen Eisschild daran, ins Meer zu fließen.

Doch der Thwaites-Gletscher macht Forschenden schon seit langer Zeit Sorge: Studien zeigen, dass der Gletscher schneller als erwartet schmilzt und dass das Tauen des „Weltuntergangsgletschers“ bereits für etwa vier Prozent des globalen Meeresspiegelanstiegs verantwortlich ist. Taut der Gletscher komplett, würden die Pegel der Meere um etwa 65 Zentimeter ansteigen. Ein völliger Verlust des Gletschers und der umliegenden Eisbecken könnte den Meeresspiegel um drei bis zehn Meter ansteigen lassen. Ein beängstigendes Szenario, wenn man bedenkt, dass nach UN-Angaben etwa 40 Prozent der Weltbevölkerung nur 60 Meilen (ca. 97 Kilometer) von einer Küste entfernt lebt.

Klimwandel: Große Sorge um „Weltuntergangsgletscher“ Thwaites

Nun gibt es neuen Grund zur Besorgnis: Laut einer Studie im Fachjournal Nature Geoscience, schmilzt der Thwaites-Gletscher entlang seiner Unterwasserkante. Für ihre Forschung hatte ein Team um Hauptautor Alastair Graham, ein Meeresgeophysiker an der University of South Florida, einen Roboter unter Wasser geschickt, um den Gletscher genauer zu untersuchen. Die Theorie der Forschenden: Die Daten aus der Vergangenheit zeigen, wie sich der Gletscher in Zukunft verhalten könnte.

Die Gletscher schmelzen – So verändert der Klimawandel die Erde

Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben.
Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben. © dpa/NASA/AP
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer.
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer. © Felipe Dana/dpa
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen.
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen. © Urs Flueeler/dpa
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen.
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen. © Oscar Vilca/INAIGEM/afp
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden.
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden. © Urs Flueeler/dpa
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination.
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination. © Johannes Eisele/afp
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser.
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser. © Jonathan Nackstrand/afp
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt.
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt. © Fabrice Coffrini/afp
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien.
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien. © Peter Parks/afp
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten.
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten. © imago/Xinhua
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.  © NASA Earth Observatory/Jesse Allen und Robert Simmon/United States Geological Survey/dpa
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen.
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen. © Kay Nietfeld/dpa

Dabei stellte sich heraus, dass die Vorderseite des „Weltuntergangsgletschers“ irgendwann in den vergangenen zwei Jahrhunderten innerhalb kurzer Zeit den Kontakt mit einem Meeresbodenrücken verlor und sich mit einer Geschwindigkeit von mehr als 2,1 Kilometern pro Jahr zurückzog. Das ist doppelt so schnell wie die Geschwindigkeit, die zwischen 2011 und 2019 mithilfe von Satelliten dokumentiert wurde. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich der Thwaites-Gletscher in den letzten zwei Jahrhunderten und möglicherweise erst in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts sehr schnell zurückgezogen hat“, erklärt Graham in einer Mitteilung seiner Universität.

Thwaites-Gletscher in der Antarktis „hält sich wirklich mit den Fingernägeln fest“

Robert Larter, ebenfalls Meeresgeophysiker und Mitautor der Studie, betont: „Der Thwaites-Gletscher hält sich heute wirklich mit den Fingernägeln fest. Wir sollten damit rechnen, dass wir in Zukunft große Veränderungen in kleinen Zeiträumen – sogar von einem Jahr zum nächsten – sehen werden, sobald sich der Gletscher über einen flachen Grat in seinem Bett zurückzieht“.

Der Thwaites-Gletscher in der Antarktis ist auch als „Weltuntergangsgletscher“ bekannt. Schmilzt er, steigen die Meerespegel weltweit. Außerdem fällt dann seine wichtigste Aufgabe als „Bremsklotz“ für den westantarktischen Eisschild weg. (Archivbild)

Bisher gingen Forschende davon aus, dass die antarktischen Eisschilde träge sind und nur langsam reagieren. Doch das stimme nicht, betont Graham. „Schon ein kleiner Anstoß an Thwaites könnte zu einer großen Reaktion führen.“ Tom Frazer vom USF College of Marine Science, der an der Studie nicht beteiligt war, erinnert daran, wie wichtig es ist, den „Weltuntergangsgletscher“ zu erforschen: „Nur weil er außer Sichtweite ist, können wir Thwaites nicht aus dem Gedächtnis streichen. Diese Studie ist ein wichtiger Schritt nach vorn, um wichtige Informationen für die globale Planung zu liefern.“

Bereits 1973 machten sich Forschende Gedanken darüber, ob der Thwaites-Gletscher kollabieren könnte. In den 1980er Jahren fand man heraus, dass der Gletscher auf dem Meeresboden und nicht auf trockenem Land liegt – weshalb warme Meeresströmungen den Gletscher von unten schmelzen könnten. 2020 fanden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler heraus, dass genau dies tatsächlich passiert: Der Gletscher schmilzt von unten, was ihn destabilisieren könnte. (tab)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Cover-Images

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