Interview

„Wir sehen extrem hohe Infektionszahlen für Corona“

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Der Virologe Ulf Dittmer spricht im FR-Interview über die aktuelle Erkrankungswelle – und warum er eine allgemeine Maskenpflicht trotzdem ablehnt.

Herr Dittmer, egal, wo man hinhört, aktuell scheinen sehr viele Menschen krank zu sein, weitaus mehr als sonst zu dieser Jahreszeit. Hat das nur den Anschein oder verhält es sich tatsächlich so?

Wir haben wirklich sehr hohe Infektionszahlen. Zwar gibt es keine prekäre Lage in den Krankenhäusern, weil die meisten Menschen sich zu Hause auskurieren können. Aber Atemwegsinfekte sind zurzeit außergewöhnlich häufig. Das hat unter anderem damit zu tun, dass mit Corona ein neuer Erreger hinzugekommen ist, zusätzlich zu den anderen Infektionen, die wir um diese Jahreszeit schon immer haben.

Erkältet im Bett: Diese Schicksal teilen derzeit Tausende Menschen im Land. maurizio gambarini/dpa

Viele Menschen berichten, dass sie seit der Corona-Pandemie sehr viel häufiger krank sind als früher. Ein subjektiver Eindruck?

Nein, durchaus nicht. Wir haben Nachholeffekte aus den beiden Wintern, in denen wir Masken getragen haben und noch weitere Regeln galten. In diesen Jahren gab es so gut wie keine anderen Virusinfektionen, kein RSV, keine Influenza, auch nur ganz wenig grippale Infekte (Erkältungen, d. Red.). Normalerweise wird unser Immunsystem jedes Jahr im Winter durch Infektionen trainiert und kann dann andere Infektionen besser abwehren, was dazu führt, dass man nicht mehr als ein- oder zweimal in der kalten Jahreszeit erkrankt. Dieses Training fehlt uns, das ist nicht von der Hand zu weisen.

Welche Erreger sind für die aktuelle Erkrankungswelle verantwortlich – und weiß man das überhaupt? Es wird ja nicht mehr so viel getestet wie zu Zeiten der Pandemie.

Die Hauptverantwortlichen für die derzeitige Infektionswelle sind das Coronavirus und Rhinoviren, letztere sind „klassische“ Erkältungsviren. Beide zusammen machen 90 Prozent der Infektionen aus, die wir zurzeit haben. Es stimmt, dass nicht mehr so viel getestet wird, aber es gibt immer Praxen, die gemonitort werden. Dort macht man bei Infektionen eine richtige Diagnostik, um festzustellen, was die Auslöser sind. Gleichwohl ist die Dunkelziffer bei den Corona-Inzidenzen, die das Robert-Koch-Institut veröffentlicht, riesig. Zurzeit läuft aber auch noch eine große repräsentative Studie, bei der jede Woche 10 000 Menschen getestet werden. Und da sehen wir extrem hohe Infektionszahlen für Corona. Ohne es zu wissen, haben wir gerade wieder Inzidenzen wie zu Hauptzeiten der ersten Omikron-Welle.

Welche Corona-Varianten grassieren derzeit in Deutschland?

Sehr häufig kommt XBB vor, außerdem EG-5, auch Eris genannt – und zuletzt immer mehr Pirola. Bei allen drei handelt es sich um Abkömmlinge von Omikron.

Wie ist zu erklären, dass drei Subvarianten gleichzeitig unterwegs sind? Bisher war meist eine vorherrschend, höchstens zwei.

Das hat damit zu tun, dass neue Varianten keine so großen evolutionären Vorteile mehr besitzen, mit denen sie alte Varianten schnell verdrängen könnten. Mittlerweile ist das Virus so optimiert, dass es nur noch Nuancen an Verbesserungen sind. Dadurch dauert der Verdrängungsprozess, wenn er denn überhaupt stattfindet, viel länger. Oder die verschiedenen Virusvarianten sind eben gleichzeitig unterwegs, weil sich ihre Vermehrungsrate nicht mehr groß unterscheidet.

Ulf Dittmer

Sind die Krankheitsverläufe weiterhin eher mild und omikron-typisch? Oder gibt mit den neuen Varianten auch neue Symptome?

Die meisten Verläufe sind nicht schwerer als bei früheren Omikron-Varianten. Die einzigen Menschen, die in seltenen Fällen schwer erkranken, sind Organtransplantierte. Selbst wenn jemand wegen Corona ins Krankenhaus muss, ist es in der Regel so, dass er zwei, drei Tage Sauerstoff erhält und dann wieder nach Hause kann. Was wir allerdings bei einigen Patienten mit Pirola als neues Symptom sehen, sind Hautausschläge. Das ist für einen Atemwegsinfekt eher ungewöhnlich.

Warum stecken sich trotz Impfung und früheren Infektionen so viele Menschen wieder an?

Das Coronavirus schafft es, sich ständig zu verändern und einer neutralisierenden Antikörper-Antwort aus dem Weg zu gehen. Neue Varianten können so immer wieder neue Infektionen hervorrufen. Zwar führt eine vorbestehende Immunität dazu, dass es nicht zu einer schweren Erkrankung kommt, aber das Virus ist so variabel, dass eine Infektion nur für sehr kurze Zeit nach einer Impfung oder Infektion verhindert wird.

Es wird immer mal wieder der Verdacht geäußert, dass eine Covid-Erkrankung oder auch die Impfung das Immunsystem schwächen können. Ist an solchen Vermutungen etwas dran?

Zur Person

Ulf Dittmer ist Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Essen und Präsident der Gesellschaft für Virologie. Er erforscht, wie Viren vom Immunsystem kontrolliert werden und wie sich bestimmte Viren dieser Kontrolle entziehen können. Diese Mechanismen untersucht er für Coronaviren, aber auch für chronische Virusinfektionen, wie Hepatitis-Viren oder HIV. Die Studien bilden die Grundlage für die Entwicklung neuer Therapien und neuer Impfstoffe gegen Virusinfektionen.

Das stimmt mit Sicherheit nicht. Jedes Mal, wenn das Immunsystem sich mit etwas auseinandersetzt, mit einem Erreger oder einem Impfstoff, wird es angeregt. Dadurch wird unsere Abwehr nicht geschwächt, sondern gestärkt. Eine Ausnahme ist das Masernvirus, welches das Immunsystem sehr stark schwächen kann. Aber auf das Coronavirus trifft dies definitiv nicht zu.

Wenn die Zahl der Atemwegsinfekte jetzt schon so hoch ist, wie wird die Situation dann Ihrer Ansicht nach sein, wenn sich ab Januar die Grippe dazugesellt?

Natürlich gibt es in dieser Hinsicht Befürchtungen. Wir haben weiterhin viele Corona-Infektionen. Und dann beginnt in einigen Wochen auch noch die Grippewelle, die jetzt erst am Anfang steht. Bisher sehen wir nur Einzelfälle, in unserer Klinik vielleicht zwei bis fünf pro Woche. Bei RSV sind es schon etwas mehr, da sind es zehn bis 15 Fälle. Eine RSV-Infektion kann auch bei Erwachsenen zum Problem werden, das war uns vor der Pandemie in diesem Ausmaß gar nicht klar. Erst seit getestet wird, wissen wir, dass auch Erwachsene sehr krank werden können, wenn sie sich mit diesem Erreger infizieren. Wenn das alles zusammenkommen sollte, wäre es eine herausfordernde Situation, das muss man ganz klar sagen.

Auf der Couch liegen, warm halten, viel trinken: Diverse Erkältungsviren zwingen viele Menschen derzeit zu einer Auszeit. IStock

Was weiß man über die Influenza-Viren, die in dieser Saison kursieren, passt der Impfstoff gut?

Das tut er. Allerdings stehen wir erst am Anfang. Im Jahr 2018 ist das Grippevirus, das nicht gut zum Impfstoff passte und dann diese große Welle auslöste, erst spät aufgetreten, ab Ende Januar. Wir können uns deshalb jetzt noch nicht zurücklehnen und sagen, dass die Impfung gut wirkt und nichts passieren kann. Dafür ist außerdem auch die Impfrate in Deutschland zu gering.

Was raten Sie, wie man sich in diesem Winter vor Ansteckung schützen kann, gleich ob vor Corona, der Grippe oder einem Schnupfen? Sollte man Mund-Nasen-Schutz tragen oder wären Sie gar für eine Maskenpflicht?

Ich bin auf keinen Fall für eine Maskenpflicht, ausgenommen einzelne Bereiche in der Medizin. Wenn man mit sehr vulnerablen Patienten zu tun hat, hat man die Pflicht, diese Menschen zu schützen. Aber eine allgemeine Maskenpflicht ist wirklich nicht angebracht. Wir befinden uns im Moment in keiner Krisensituation. Ich fände es allerdings gut, wenn wir auch bei uns mehr dieses Verständnis wie in Asien entwickeln könnten: Man hat eine kleine Infektion, hustet, die Nase läuft, ist aber nicht so krank, dass man zu Hause bleiben muss. In Asien ist es völlig normal, in solchen Fällen eine Maske aufzusetzen, um andere zu schützen. In Europa ist das leider nicht verbreitet. So sieht man es zum Beispiel immer wieder, dass Leute zwei Stunden im Zug fahren und ständig husten, ohne eine Maske zu tragen. Das würde man in Asien nie erleben.

Warum sind Sie so strikt gegen eine allgemeine Maskenpflicht?

Ich glaube, dass eine Maskenpflicht eher kontraproduktiv wäre. Man könnte allenfalls darüber reden, wenn das Gesundheitssystem in einer bedrohlichen Lage wäre. Ansonsten kann man das nicht vermitteln. Für die meisten Menschen ist eine Corona-Infektion wie ein grippaler Infekt. Käme jetzt die Ansage, dass zum Beispiel in Räumen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln alle wieder Masken tragen müssen, würde das meiner Ansicht nach bei vielen Menschen eher eine Gegenreaktion auslösen. Das sähe ich als problematisch an. Wir sollten das Mittel nur in Bereichen einsetzen, wo es wirklich notwendig ist.

Wem würden Sie zu einer weiteren Corona-Impfung und wem zu einer Grippe-Impfung raten?

Eine weitere Corona-Impfung ist sinnvoll für Menschen über 60, bei denen die letzte Impfung oder Infektion schon mindestens ein Jahr her ist. So hat es auch die Ständige Impfkommission empfohlen. Es gibt Daten, dass damit zwar nicht viele, aber einige wenige schwere Verläufe verhindert werden können. Für Menschen mit stark eingeschränktem Immunsystem ist es ebenfalls sinnvoll, sich in bestimmten Abständen immer wieder gegen Corona impfen zu lassen, denn sie können bei einer Infektion noch schwer erkranken. Bei der Grippe-Impfung geht es um eine fast identische Gruppe. Mit über 60 kann die Grippe eine schwere Erkrankung und tödlich sein. 2018 sind bei uns circa 25 000 Menschen an Influenza gestorben. Vor allem Patienten mit einer Vorerkrankung der Lunge sind gefährdet. Am Ende geht es, gleich ob bei Corona oder Grippe, hauptsächlich um eine Lungenentzündung, die verhindert werden soll.

Rechnen Sie bei Corona noch einmal mit anderen Varianten, die nicht aus der Omikron-Familie kommen und eventuell auch wieder schwerere Verläufe verursachen können?

Ich gehe nicht davon aus, dass Varianten auftauchen werden, die wieder zu schwereren Verläufen führen – und zwar aus zwei Gründen: Omikron ist schon so sehr optimiert, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass das Virus noch einen ganz anderen Trick auf Lager hat. Noch viel unwahrscheinlicher wird eine stärker krank machende Variante durch die breite Immunität in der Bevölkerung. Zwar kann das Virus durch Varianten immer wieder der neutralisierenden Immunität durch Antikörper aus dem Weg gehen und neue Infektionen setzen. Doch vor allem T-Zellen schützen vor schweren Erkrankungen. Und diese Form der Immunität ist in der Bevölkerung weit verbreitet. Es existiert kein Virus, das sich so verändern könnte, dass es allen Ebenen der Immunantwort aus dem Weg zu gehen vermag und wieder ganz viele schwere Infektionen verursacht. Das halte ich für geradezu ausgeschlossen.

Mit welcher Entwicklung rechnen Sie für die Zukunft? Gehen Sie davon aus, dass die Zahl der Atemwegsinfekte so hoch bleiben wird oder eher damit, dass sie sich wieder auf dem Niveau der Vor-Corona-Jahre einpendeln wird?

Ich vermute, dass die Zahl sich wieder reduzieren wird. Ich denke dabei an die vier Coronaviren, die wir bereits lange kennen und die heute einen kleinen Teil der jährlichen Erkältungskrankheiten ausmachen. Man kann ziemlich sicher sein, dass diese Viren vor Hunderten von Jahren ebenfalls von einem tierischen Reservoir auf den Menschen übergesprungen sind, dann von Mensch zu Mensch übertragbar wurden und einst viele Todesopfer forderten, bis sie sich besser angepasst haben. Diese Coronaviren sind allerdings nicht so schnell um die Welt gegangen wie Sars-CoV-2, weil die Welt noch nicht so vernetzt war. Aber als die Immunität breit war und die Viren sich nicht mehr optimieren konnten, veränderten sie sich nicht mehr stark. Heute sind sie keine großen Infektionstreiber mehr. Ich gehe davon aus, dass sich auch Sars-CoV-2 in diese Richtung bewegen wird. Wir haben aber keine genaue Vorstellung, ob wir über einen Prozess reden, der noch drei Jahre oder aber zehn Jahre dauert. Das lässt sich unmöglich vorhersagen.

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