VonPamela Dörhöferschließen
Verschiedene Medikamente zur Senkung des Blutdrucks und des Cholesterinspiegels lindern laut Studien Beschwerden von Long Covid und Post Covid.
Frankfurt – Einige bereits für andere Krankheiten zugelassene Medikamente könnten bei der Behandlung von Long Covid und Post Covid helfen. Darauf deuten Forschungsergebnisse aus Deutschland und Australien hin. Konkret handelt es sich um Blutdruck- und Cholesterinsenker sowie ein Mittel, das bisher bei Alkohol- und Opioidabhängigkeit eingesetzt wird. Ohne positive Wirkung auf Langzeitfolgen von Covid-19 scheint hingegen Paxlovid zu sein, ein Virostatikum zur Therapie der akuten Infektion.
Geschätzt leiden weltweit mehr als 65 Millionen Menschen an langanhaltenden Beschwerden nach einer Covid-Erkrankung. Dazu zählen Erschöpfung und bleierne Müdigkeit, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen (Brain Fog), Kurzatmigkeit, Herz-Kreislaufprobleme sowie Störungen des Verdauungsapparates. Laut den Leitlinien werden Beschwerden, die vier bis zwölf Wochen nach einer akuten Erkrankung anhalten, als Long Covid und Beschwerden mit einer Dauer von mehr als drei Monaten als Post Covid bezeichnet.
Zehn bis 15 Prozent der Corona-Infizierten hat Langzeitfolgen
„Die Bandbreite in der Symptomatik und im Schweregrad ist groß, sie reicht von Leistungsminderung bis zu Herzrasen und Arbeitsunfähigkeit wegen chronischer Herzmuskelentzündung“, sagt Elisabeth Schieffer von der Klinik für Kardiologie, Angiologie und internistische Intensivmedizin des Universitätsklinikums Gießen-Marburg. Zehn bis 15 Prozent der Menschen, die sich mit Sars-CoV-2 infizieren, seien von solchen Nachwirkungen betroffen. Auch nach einer Covid-Impfung zeigten „sich immer wieder bleibende Symptome“, wobei das „Post Impf-Syndrom“ (auch Post Vac genannt) Ähnlichkeiten mit Post Covid aufweise.
Elisabeth Schieffer ist Mitautorin einer im Fachmagazin International Journal of Molecular Sciences erschienenen Studie von Forschenden der Marburger Hochschulmedizin. Darin macht das Team um Bernhard Schieffer, Leiter der Post-Covid-Ambulanz an der Uniklinik Marburg das Lipoprotein hoher Dichte (HDL) – auch als „gutes Cholesterin“ bekannt – als potenzielles Ziel einer Behandlung aus. Demnach zeigen Betroffene Auffälligkeiten an diesen Lipoproteinen. „Wir stellten die Hypothese auf, dass Veränderungen im Cholesterinstoffwechsel sowie eine langanhaltende Fehlsteuerung des Blutdrucks zumindest teilweise für Post-Covid-19-Symptome und langwierige Impfnachwirkungen verantwortlich sein könnten“, sagt Internistin Ann-Christin Schaefer, eine der Autorinnen.
Medikamente zur Senkung von Blutdruck und Cholesterinspiegel helfen bei Post Covid
Die Forschenden untersuchten deshalb, ob Medikamente zur Senkung von Blutdruck und Cholesterinspiegel bei Post Covid und Post Vac helfen. Dafür sahen sie sich zunächst die Cholesterinwerte von acht Menschen mit Post Covid und acht mit Post Vac an und verglichen sie mit denen gesunder Kontrollpersonen. Tatsächlich habe das HDL-Cholesterin der Patientinnen und Patienten mit Post Covid- und Post Impf-Syndrom „signifikante Veränderungen“ aufgewiesen, erklärt Karsten Grote, ein weiterer Leitautor; diese hätten bei beiden Krankheitsbildern „weitgehend“ übereingestimmt.
Im nächsten Schritt erhielten die Betroffenen zweierlei Arzneimittel: einen Cholesterinsenker aus der Gruppe der Statine sowie einen Angiotensin-Rezeptorblocker, wie er zur Behandlung von Bluthochdruck eingesetzt wird. Die Einnahme verbesserte die klinischen Symptome von Post Covid/Post Vac. Die Forschenden führten parallel Experimente mit Zellkulturen durch. Sie kultivierten menschliche Endothelzellen (diese kleiden das Innere von Blutgefäßen aus) mit dem HDL-Cholesterin von Patientinnen und Patienten, die mit den aufgeführten Medikamenten behandelt wurden. Das Ergebnis: Es bildeten sich weniger Entzündungsfaktoren. „Diese Beobachtungen können für künftige therapeutische Strategien richtungsweisend sein“, sagt Bernhard Schieffer.
Hoffnungsträger für die Therapie bei Long- und Post Covid
Ein weiterer Hoffnungsträger für die Therapie bei Long- und Post Covid ist Naltrexon, ein Opioid-Antagonist. (Als Antagonisten bezeichnet man eine Substanz, die die Wirkung eines anderen Stoffes hemmt oder aufhebt.) Mit Naltrexon wird bisher Alkohol- und Opioid-Abhängigkeit behandelt. In einer im Fachmagazin Frontiers in Immunology veröffentlichten Studie zeigte ein Team aus Australien im Laborversuch, dass sich mit Naltrexon die Funktion bestimmter Ionenkanäle (röhrenförmige Proteinkomplexe in der Zellmembran) wiederherstellen lässt und so wichtige Ionen wie Kalzium wieder in die Immunzellen strömen können.
Bei früheren Studien hatte die Gruppe von der Griffith University in Gold Coast bereits herausgefunden, dass bei Menschen mit Long Covid die Natürlichen Killerzellen des angeborenen Immunsystems unter einer Fehlfunktion dieser Ionenkanäle leiden – und dass das gleiche Bild bei Patientinnen und Patienten mit Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue Syndrom (ME/CFS) zu sehen ist. Dass viele Parallelen zwischen beiden Krankheitsbildern existieren, weiß man schon länger.
Symptome von Long Covid und ME/CFS behandeln
Bei ME/CFS ließ sich mit Naltrexon die Funktion der entsprechenden Ionenkanäle wieder herstellen. Und auch der anschließende Test mit den Natürlichen Killerzellen von Long/Post Covid-Betroffenen fiel positiv aus. Wie das Ärzteblatt schreibt, hoffen die Forschenden, Symptome von ME/CFS und Long Covid wie Brain Fog, Muskelschwäche und Probleme mit Herz-Kreislauf- und Verdauungssystem auf diesem Weg behandeln zu können. Zwei klinische Studien für beide Erkrankungen sind bereits geplant.
In einer klinischen Phase-2-Studie eines Teams der Stanford University (Kalifornien) gescheitert ist hingegen der Ansatz, Long-/Post Covid mit der Wirkstoffkombination Nirmatrelvir plus Ritonavir – Handelsname Paxlovid - beizukommen. Die Studie wurde im Fachjournal Jama veröffentlicht. Paxlovid ist ein Virostatikum, das in der Frühphase einer Covid-Erkrankung verordnet wird, um einen schweren Verlauf zu verhindern.
Da im Körper verbleibende Viren nach einer akuten Infektion als Ursache für Long-/Post Covid diskutiert werden, testeten die Forschenden, ob das antivirale Mittel auch hierbei hilft. Doch die Patientinnen und Patienten, die Paxlovid bekamen, erholten sich nicht schneller als die Placebogruppe. Vielmehr gingen bei letzterer die Symptome sogar etwas stärker als unter Paxlovid zurück. (pam)
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