Flug zum Asteroiden Dimorphos

Esa startet „Hera“-Mission zur Asteroiden-Abwehr im Weltraum

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Die Esa-Mission „Hera“ zur Verteidigung der Erde gegen Asteroiden startet. Die im All schwebenden Gesteinsbrocken bergen noch viele Rätsel.

Darmstadt – Die beste Nachricht zuerst: „Ein großes Dino-Objekt ist nicht in Sicht“, sagt Richard Moissl, Leiter des Büros zur Abwehr von Asteroidengefahren der europäischen Weltraumorganisation Esa. Zumindest in den nächsten hundert Jahren sei nicht mit einem ähnlich verheerenden Ereignis wie vor 66 Millionen Jahren zu rechnen, als ein Asteroid auf der Erde einschlug und vermutlich zur Hauptursache für das Aussterben der Urzeitriesen wurde. Geschätzt zehn bis 20 Kilometer Durchmesser hatte dieser riesige Gesteinsbrocken aus dem All. Der aktuell größte bekannte Asteroid in Erdnähe heißt Ganymed und hat einen Durchmesser von 31 Kilometern. Sein Einschlag – der nicht zu befürchten ist – würde eine globale Katastrophe bedeuten.

Doch auch wesentlich kleinere Himmelskörper können gewaltige Schäden anrichten. Bereits ein Geschoss mit einem Durchmesser von 100 bis 150 Metern etwa könnte Staaten verwüsten, eines mit einem Durchmesser von 50 Metern Bevölkerungszentren, erläutert der Physiker. Und schon bei zehn bis 20 Metern muss mit gewaltigen Schäden gerechnet werden. In diese Kategorie fällt der Asteroid, der am 15. Februar 2013 nahe der russischen Stadt Tscheljabinsk vom Himmel fiel. Zwar verdampfte er größtenteils in der Atmosphäre, doch durch die Druckwelle wurden mehr als 1000 Menschen verletzt und 3700 Gebäude beschädigt.

Nasa und Esa üben die Asteroidenabwehr im Weltall

Der Asteroid von Tscheljabinsk traf die Erde ohne Vorwarnung. Seither hat es Fortschritte gegeben beim Auffinden von Gesteinsbrocken im All, die unserem Planeten nahekommen könnten. So laufen bei den Raumfahrtagenturen Suchprogramme, um mögliche Gefahren rechtzeitig kommen zu sehen, wie Richard Moissl bei einer Pressekonferenz der Esa erläuterte. Auch die europäische Weltraumorganisation führt eine solche „Risk list“, die täglich aktualisiert wird. Größere, besonders bedrohliche Objekte sind heute zuverlässig zu detektieren, von den kleineren mit einem Durchmesser von unter 50 Metern allerdings sei bisher lediglich ein Bruchteil bekannt, sagt Holger Krag, Leiter des Weltraumsicherheitsprogramms der Esa.

Doch was nützt das bloße Wissen um die Gefahr ohne die Möglichkeit, ihr begegnen zu können? In dieser Beziehung ist die Menschheit gerade dabei, einen großen Schritt voranzukommen. Bei dem Gemeinschaftsprojekt Aida (Asteroid Impact & Deflection Assessment) der amerikanischen Raumfahrtagentur Nasa und der europäischen Esa geht es darum zu testen, wie mit einem kontrollierten Einschlag ein erdnaher Asteroid vom Kurs abgebracht werden kann. Ziel ist der elf Millionen Kilometer entfernte Doppelasteroid 65803. Er besteht aus dem größeren Didymos (Durchmesser knapp 800 Meter) und dem kleineren Dimorphos (Durchmesser knapp 170 Meter), der ersteren mit einem Abstand von 1,1 Kilometern wie ein Mond umkreist.

Nasa-Raumsonde „Dart“ hat den Asteroiden Dimorphos gerammt

Die Nasa hat ihren Part bereits geleistet. Ihre Raumsonde Dart schlug mit einer Geschwindigkeit von 22.000 Stundenkilometern als Projektil am 26. September 2022 auf Dimorphos ein. Dadurch wurde laut Nasa der kleinere Asteroid näher an den größeren gerückt, seine Position also geändert. Außerdem sei dabei eine große Menge Geröll ausgeworfen worden, die zu einem kometenartigen Schweif führte. Wie Esa-Projektwissenschaftler Michael Kueppers sagt, habe sich die Umlaufzeit des kleineren Asteroiden um gut eine halbe Stunde von zwölf auf knapp elfeinhalb Stunden verringert.

Ein Szenario, das hoffentlich nie Realität wird: Ein Asteroid von der Größe von Dimorphos tritt in die Erdatmosphäre ein.

Nun soll die Esa mit ihrer Mission Hera – benannt nach der griechischen Hochzeitsgöttin – ins Spiel kommen und prüfen, wie gut das Ablenkungsmanöver funktioniert hat sowie weitere Untersuchungen vornehmen und hochauflösende Bilder machen. Der frühestmögliche Termin für den Start ist am kommenden Montag (7. Oktober).

An Bord einer Falcon-Rakete des privaten US-amerikanischen Raumfahrtunternehmens SpaceX soll die Hera-Sonde von Cape Canaveral in Florida aus zu ihrer zweijährigen Reise aufbrechen. Dabei wird sie im März 2025 auch den Mars und seinen Mond Deimos passieren, um Daten für künftige Marsmissionen zu sammeln. Sollte es mit dem Start am Montag nichts werden – etwa, weil das Wetter nicht mitspielt –, so besteht noch ein Zeitfenster bis zum 27. Oktober.

Esa-Raumsonde Hera wurde in vier Jahren gebaut

Außergewöhnlich kurz war das Zeitfenster für den Bau der Sonde: Gerade einmal vier Jahre blieb Zeit, berichtet Rolf Densing. Direktor des Missionsbetriebs und Leiter des Esa-Kontrollzentrums Esoc in Darmstadt. Die Esa war 2016 zwischenzeitlich wegen mangelnder finanzieller Unterstützung von Mitgliedsstaaten abgesprungen, stieg 2017 aber wieder in das Projekt ein und beauftragte 2020 ein vom Bremer Raumfahrt- und Technologiekonzern OHB geführtes Konsortium mit dem Bau der Sonde. Deutschland ist bei der rund 380 Millionen Euro teuren Esa-Mission mit 37,5 Prozent als größter Beitragszahler beteiligt.

Die Hera-Sonde wiegt rund 1150 Kilogramm und hat die Größe eines Kleinwagens. Bei ihrer Ankunft am Doppelasteroiden wird sie auch die Cubesats Juventas und Milani absetzen. Die beiden Minisatelliten sollen unter anderem Radar- und Gravitationsmessungen vornehmen, Aufnahmen der Oberfläche machen und die Zusammensetzung untersuchen, um generelle Erkenntnisse über diese Himmelskörper und ihre Struktur zu gewinnen.

Der Doppelasteroid Didimos und Dimorphos.

Hera-Mission soll prüfen, wie gut das Nasa-Ablenkungsmanöver funktioniert hat

Das Hauptziel der Hera-Mission freilich ist es, zu prüfen, wie gut das Ablenkungsmanöver der Nasa funktioniert hat, wie stark der Einschlag war und welche Auswirkungen er hatte. Denn dass der Impact erfolgreich war, reicht als Information allein nicht aus. Man will auch erfahren, wie stark der Einschlag war, ob er zu einem Krater geführt, ob der Asteroid seine Form geändert hat oder in eine chaotische Rotation gefallen ist, sagt Michael Küppers.

Die Asteroid-Framing-Camera an Bord von Hera.

Didimos und Dimorphos sind erdnahe Asteroiden, bedrohen unseren Planeten aber nicht. Doch als Übungsobjekte zur Gefahrenabwehr sind sie hervorragend geeignet. Mit einem Durchmesser von knapp 170 Metern hat der kleinere Dimorphos die typische Größe jener Objekte, die als die wahrscheinlichsten Kandidaten gelten, eines Tages vom Erdkurs abgelenkt werden zu müssen, erklärt Richard Moissl. Unter anderem fiel auch ein Asteroid, der 2018 über der Beringsee explodierte, in diese Kategorie.

Zum Abschluss der Mission sollen die Minisatelliten auf Dimorphos landen und Raumsonde Hera auf Didimos aufsetzen – eine Reminiszenz an die Esa-Mission Rosetta, die 2014 zur ersten Landung auf einem Kometen führte. (pam)

Rubriklistenbild: © DLR

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