Vogelgrippe

Wird die Vogelgrippe zur Gefahr für Menschen?

Das aktuell grassierende Virus ist besonders aggressiv und befällt immer mehr Tierarten, zuletzt auch etliche Rinderherden in den USA.

Ein Trauerspiel erwartet Florian Packmor, als er die Nordseeinsel Minsener Oog betritt. Es ist ein Tag im Mai 2022. Die Zeit, in der die Brandseeschwalben an diesem abgelegenen und unbewohnten Ort eigentlich in großen Kolonien ungestört ihren Nachwuchs ausbrüten sollen. Stattdessen am Strand, am Spülsaum, in den Dünen, zwischen Seegras: Überall liegen tote Vögel. „So etwas gab es hier noch nie“, erzählt der Vogelforscher rückblickend am Telefon. „Das ist rund ein Drittel des gesamten Bestandes, den wir da verloren haben.“ Schnell ist klar: Unter den Vögeln muss ein besonders aggressiver Krankheitserreger gewütet haben. So sehr, dass sich die Brandseeschwalben-Kolonien kaum davon erholen können. Mit seinem Forschungsteam sammelt der Biologe die Kadaver ein. Schützt sich vorsorglich mit Desinfektionsmittel, trägt Gummistiefel, Handschuhe, Maske und Schutzanzug.

Was Florian Packmor von der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar ist: Es ist einer der ersten größeren Ausbrüche hierzulande, der zur sogenannten Panzootie zählt, die die Tierwelt seit drei Jahren in Aufruhr versetzt. In diesem Ausmaß allerdings hat es sie bislang noch nie gegeben. Heute weiß Packmor: Es ist das hochpathogene Vogelgrippevirus H5N1, das dieses Massensterben auslöst. Das mittlerweile sogar dem Menschen gefährlicher werden könnte.

Verantwortlich dafür ist eine neue Virusvariante, bekannt als die Klade 2.3.4.4b. Über ihre Ursprünge und Verbreitungswege ist wenig eindeutig belegt. Was sich aber zeigt: 2.3.4.4b macht besonders krank, ist sehr tödlich und kann sich weltweit schnell ausbreiten. Das ganze Jahr über ist dieses Virus nun aktiv – und nicht wie früher hauptsächlich im Winter. Es hat dadurch mehr Chancen zu mutieren und ist so in der Lage, Spezies zu infizieren, die bislang eigentlich von der Vogelgrippe verschont blieben. Die also bislang keinerlei Immunschutz haben.

Männer sammeln an Stränden der peruanischen Hauptstadt Lima tote Vögel ein.

So war es auch bei den Brandseeschwalben im Wattenmeer. Nach den ersten großen Ausbrüchen brauchte es nur zwei Monate, bis mehr als 20 500 dieser vom Aussterben bedrohten Vögel in ganz Nordwesteuropa mehrheitlich zugrunde gingen. Massenhaft weitere Wildvogelarten hat dieses Virus mittlerweile dezimiert. Allein an der deutschen Nordseeküste. Zigtausende Lachmöwen und Watvögel, später Basstölpel und Trottellummen. Aber auch im Binnenland: Zehntausende Kraniche verendeten im Vorjahr beispielsweise auf einem Rastplatz in Ungarn. Das Virus kursiert auch stark in Geflügelhaltungen, europaweit und ganzjährig.

Selbst Säugetiere sind vor dem H5N1-Subtyp nicht mehr geschützt. Die Liste betroffener Arten wird immer länger: Infektionen bei Robben, Ziegen, Katzen, Füchsen, Stinktieren, Nerzen wurden nachgewiesen. 2023 war das Jahr, in dem es Südamerika traf, bis dahin weitgehend verschont von der Vogelgrippe. Tausende tote Seeelefanten säumten die Strände Argentiniens, tote Pelikane, Robben und Meeresotter in Peru und Chile. Die Frage, was sich dort genau zugetragen hat, ob die Tiere das Virus womöglich untereinander weitergegeben haben oder allesamt kranke und tote Vögel oder deren Kot gefressen haben, ist noch nicht abschließend beantwortet. Forschende werten noch Daten dazu aus.

Nur Australien blieb bislang verschont. Anfang 2024 erreichte das Virus eine der letzten Bastionen: die Antarktis. Forschende fanden H5N1 in einem toten Eisbär und in Raubmöwen. Die größte Sorge, die die Fachleute aktuell umtreibt: Wenn sich erst einmal die für den Erreger sehr empfänglichen Pinguine das Virus einfangen, könnte das Ökosystem zusammenbrechen.

Auch Timm Harder beobachtet die neuen Wege von H5N1 mit Sorge. „Dass sich Säugetiere nach Aufnahme infizierter Vögel mit diesem Vogelgrippevirus anstecken können, ist schon beunruhigend“, sagt der Leiter des nationalen Referenzlabors für Aviäre Influenzaviren am Friedrich-Loeffler-Institut (FLI). Die Vogelgrippe beschäftigt sein Team schon lange. „Bislang landete das Virus bei Säugetieren immer in einer Sackgasse“, erklärt der Wissenschaftler. „Infektionsketten, bei denen der Erreger von Säuger zu Säuger weitergereicht wurde, gab es hierzulande nicht.“

Es mehren sich allerdings die Hinweise, dass sich sogar das geändert haben könnte. Der Subtyp 2.3.4.4b hat in den vergangenen Monaten eine weitere Hürde genommen. Er befällt erstmals auch Wiederkäuer, und das in großem Stil. In den USA haben sich bis April dieses Jahres nachweislich mindestens 33 Rinderherden in acht Bundesstaaten mit dem Vogelgrippevirus infiziert.

Fachleuten gibt dieser Ausbruch Rätsel auf. Wie genau sich das Vogelgrippevirus innerhalb der Herden überträgt, sei noch unklar, sagt Harder. Es gebe Hinweise darauf, dass die Milch infizierter Kühe hochgradig viruslastig sei. Der Erreger könnte über Melkgeräte oder Handschuhe der Farmbelegschaft weitergegeben werden, über Tiertransporte – aber auch eine Übertragung über die Atemwege sei nicht ausgeschlossen. Gesundheitsbehörden rufen dazu auf, keine Rohmilch zu verzehren, weil das Virus darin überlebensfähig bleibt.

Eine Infektion bei einem Menschen und bei mehreren Katzen sei im Zusammenhang mit dem jüngsten Ausbruch bislang ebenfalls bekannt geworden. Hierzulande gibt es bislang allerdings keine Hinweise auf eine Infektion von Milchkühen, anderen Säugern oder gar Menschen mit genau diesem Virusstamm. Direkte Flugrouten von möglicherweise infizierten Wildvögeln zwischen Europa und den Ausbruchsorten in den USA gibt es auch nicht.

Fachleute verweisen aber darauf, dass das Milchkuhvirus theoretisch über menschlichen Reiseverkehr hierher gelangen könnte. „Auch wenn noch aussagekräftige Daten zu den Ausbrüchen fehlen, ist klar, dass das keine gute Entwicklung ist“, sagt Harder. „Jeder Übersprung auf einen neuen Säugetierwirt ist etwas, das noch auf den Turm obendrauf kommt.“ Das sei das eigentlich Belastende an der Situation. Das Geschehen weite sich weltweit immer mehr aus – wodurch das Virus mehr mutieren könne. Und immer mehr Spezies seien betroffen. „Das Virus kriecht so auch immer mehr an den Menschen heran.“

Bislang schätzen Gesundheitsbehörden das Erkrankungsrisiko für Menschen als gering ein. Es kommt zwar ab und an zu Ansteckungen – bei Menschen, die intensiv Kontakt mit infizierten Vögeln oder Geflügel hatten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) berichtet von bislang 13 nachgewiesenen Infektionen bei Menschen mit der 2.3.4.4b-Variante. Berücksichtigt man weitere Virenstämme, sind seit 2003 nachgewiesenermaßen 888 Menschen an der Vogelgrippe erkrankt, 463 davon verstarben. Die meisten Fälle wurden im asiatisch-pazifischen Raum bekannt.

Große Ausbrüche und Infektionsketten unter Menschen gab es bislang aber nicht. Fachleute halten es auch für unwahrscheinlich, dass das in naher Zukunft passiert. Denn Menschen können sich nicht so einfach anstecken.

Das Potenzial für große Infektionswellen trägt das Vogelgrippevirus aber in sich. „Es gibt keine Garantie dafür, dass nicht doch irgendwo und irgendwann eine Variante entsteht, für die wir Menschen empfänglicher sind“, sagt Harder. Würde sich die Vogelgrippe irgendwann unter Menschen breitmachen, wäre man nicht komplett unvorbereitet – wie bei Corona. „Wir könnten auf eine ganze Serie an Impfstoffkandidaten zurückgreifen.“ In Deutschland werde gerade bereits intensiv darüber diskutiert, ob man Geflügel per Impfung vor dem Vogelgrippevirus schützen sollte. „In Frankreich hat man damit gute Erfahrungen gemacht.“

Einer Seeschwalbe könne man aber nicht mal eben so im Abstand von sechs Wochen zwei Impfungen injizieren. „Wir müssen aber auch für Wildvögel nach wirksamen und vor allem leichter zu verabreichenden Impfstoffen suchen“, fordert Harder. Ködervakzine könnten ein Ansatz sein, mit denen sich Tiere quasi selbst immunisieren. Bei Wildschweinen und der Impfung gegen Schweinepest funktioniere das gut. Für Wildvögel sei allerdings in absehbarer Zeit kein entsprechender Impfstoff zu erwarten.

Und so bleibt Vogelforscher Florian Packmor im Wattenmeer relativ hilflos. Er hoffe darauf, dass der Erreger mit der Zeit harmloser wird – ähnlich wie bei Corona. Er vernetze sich mit Experten und Expertinnen aus Virologie und Tiermedizin, im In- und Ausland, mache bei den örtlichen Behörden auf den Ernst der Lage aufmerksam. Ebenso poche er darauf, dass möglichst keine Brücken zwischen Geflügel und Wildvögeln riskiert werden, weil so noch gefährlichere Mutationen entstehen könnten.

Die Brandseeschwalben auf der Insel Minsener Oog hat Packmor aber im Blick. Die ersten Eier haben die verbliebenen Vögel nach dem großen Ausbruch vor zwei Jahren gelegt. Packmor hat Kameras in den Dünen aufgestellt. Sind tote Tiere zu sehen, sprintet sein Team los, um die Kadaver zu entfernen. Die lebenden Vögel sollen sich nicht bei den toten anstecken. Ob das klappt – keiner weiß das so genau.

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