Studie

Klimawandel: Fachleute sehen „Alarmstufe Rot“ für die Erde

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Hitzewellen, ausgetrocknete Flussbetten, Überschwemmungen und Fluten, Waldbrände – das Jahr 2022 hielt weltweit einige Klimakatastrophen bereit.
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Ein internationales Forschungsteam will mit einer neuen Studie vor der UN-Klimakonferenz auf die Lage des Weltklimas aufmerksam machen.

Corvallis – In weniger als zwei Wochen treffen sich Vertreterinnen und Vertreter von mehr als 190 Staaten der Erde zur UN-Klimakonferenz (COP27) im ägyptischen Scharm asch-Schaich. Rechtzeitig vorher hat nun ein internationales Forschungsteam im Fachjournal BioScience einen aktuellen Statusbericht zur Lage des Weltklimas veröffentlicht. Angesichts von Dürren, Überschwemmungen und anderen Klimakatastrophen im laufenden Jahr, warnen die Forschenden: „Auf dem Planeten Erde herrscht jetzt ‚Alarmstufe Rot‘. Die Menschheit befindet sich eindeutig in einer Klimakrise.“

Das Team um William Ripple und Christopher Wolf von der Oregon State University in Corvallis hat bereits 2020 ein Modell von 35 Indikatoren – die sogenannten „planetaren Vitalzeichen“ veröffentlicht, die für den Zustand der Erde stehen. Darin werden beispielsweise der Pro-Kopf-Energieverbrauch, das Wirtschaftswachstum oder Flug-Passagierzahlen als Indikatoren für das Ausmaß menschlicher Aktivität genutzt, die das Klima beeinflussen. Andere Werte – unter anderem Messwerte zur Ozeanerwärmung oder die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre – zeigen die Folgen dieser Aktivitäten auf das Klima. „Insgesamt befinden sich 16 der 35 Variablen, die wir beobachten, auf einem Rekordhoch“, heißt es in der Studie.

Forschende warnen vor Klimawandel: „Alarmstufe Rot“

Drei der wichtigsten Treibhausgase – CO₂, Methan und Lachgas – erreichten demnach im Jahr 2022 neue Rekorde, was ihre Konzentration in der Atmosphäre angeht. Im März 2022 erreichte die CO₂-Konzentration 418 ppm (Teile pro Million) – die höchste jemals aufgezeichnete monatliche globale Durchschnittskonzentration. Weiterhin ist das Jahr 2022 auf dem Weg, eines der wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen zu werden. Die Wärme der Ozeane befindet sich ebenfalls auf einem Rekordhoch.

Die Studie wirft auch einen Blick auf Katastrophen, die „zumindest teilweise mit dem Klimawandel zusammenhängen“. Ihre Zahl tendiere „steil nach oben“. Die Forschenden schreiben, die Zahl der extrem heißen Tage habe sich seit 1980 fast verdoppelt. Weltweit gingen etwa 500.000 Todesfälle zwischen 2000 und 2019 auf das Konto der Hitze. Steigende Temperaturen würden außerdem das Risiko erhöhen, dass Klima-Kipppunkte ausgelöst werden – beispielsweise könnte Permafrost auftauen, das Amazonas-Waldsterben weitergehen oder Krankheiten und Konflikte auftreten. Zuvor hatten Forschende bereits gezeigt, dass eine Folge des Klimawandels neue Pandemien sein könnten. Auch gefährliche Bakterien könnten so aus dem Permafrost aufgetaut werden.

Liste der Klimakatastrophen im Jahr 2022 ist lang

In einer Tabelle führen die Forschenden „Klimakatastrophen im Jahr 2022“ auf – die Liste ist lang. Sie erwähnt zahlreiche europäische Flüsse, die wegen großer Hitze im Sommer 2022 kaum noch oder gar kein Wasser mehr führten, Rekordfluten in Australien, Dürre in Kenia, Somalia und Äthiopien, eine Hitzewelle im östlichen Südafrika, tödliche Fluten in Pakistan, Hitzewellen in zahlreichen Ländern und auch heftige Hurrikans wie Ian in Florida. „Sehen Sie sich all diese Hitzewellen, Brände, Überschwemmungen und massiven Stürme an“, betont Ripple. „Das Schreckgespenst des Klimawandels steht vor der Tür und hämmert kräftig.“

Die Gletscher schmelzen – So verändert der Klimawandel die Erde

Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben.
Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben. © dpa/NASA/AP
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer.
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer. © Felipe Dana/dpa
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen.
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen. © Urs Flueeler/dpa
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen.
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen. © Oscar Vilca/INAIGEM/afp
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden.
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden. © Urs Flueeler/dpa
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination.
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination. © Johannes Eisele/afp
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser.
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser. © Jonathan Nackstrand/afp
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt.
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt. © Fabrice Coffrini/afp
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien.
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien. © Peter Parks/afp
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten.
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten. © imago/Xinhua
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.  © NASA Earth Observatory/Jesse Allen und Robert Simmon/United States Geological Survey/dpa
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen.
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen. © Kay Nietfeld/dpa

Klimakrise: Forschende warnen bereits seit vielen Jahren

Die Klimakrise, vor der die Forschenden warnen, ist nichts Neues: In den vergangenen Jahren haben zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dazu geäußert und gewarnt. „Wie die Zunahme der jährlichen Klimakatastrophen zeigt, befinden wir uns jetzt in einer großen Klimakrise und einer globalen Katastrophe, die noch viel schlimmer werden könnte, wenn wir so weitermachen wie bisher“, schreiben die Forschenden und betonen: „Anstatt die Hoffnung zu verlieren, müssen wir die ökologische Überschreitung in gerechter Weise abbauen und unverzüglich massive Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels und zur Anpassung daran ergreifen.“ Nur so könne man die kurzfristigen Schäden begrenzen, die Natur erhalten, unsägliches menschliches Leid vermeiden und künftigen Generationen die Chance geben, die sie verdienen.

Mitautor Saleemul Huq sieht es so: „Der Klimawandel ist kein alleinstehendes Problem. Um weiteres unsägliches menschliches Leid zu vermeiden, müssen wir die Natur schützen, die meisten Emissionen fossiler Brennstoffe eliminieren und sozial gerechte Klimaanpassungen unterstützen, wobei der Schwerpunkt auf einkommensschwachen Gebieten liegt, die am meisten gefährdet sind.“ (tab)

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