Weltkrebstag

Mit glatter Haut gegen Tumore: Prävention rückt bei Krebs-Forschung in den Fokus

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Mammographie bei einer älteren Frau.
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Die Krebsforschung macht gute Fortschritte – und beschreitet dabei auch immer wieder ungewöhnliche Wege.

Die Chancen, von Krebs zu genesen oder zumindest noch lange mit der Krankheit zu leben, sind dank besserer und vielfältigerer Möglichkeiten der Therapie in den letzten Jahrzehnten gestiegen – auch wenn das nicht für alle Tumorarten gilt. Leber- und Bauchspeicheldrüsenkrebs oder bestimmte Hirntumore zum Beispiel führen bis heute meist bald nach der Diagnose zum Tode.

Die Hoffnung auf das eine Medikament, das Heilung für jeden Krebs spricht, hat sich mit der Erkenntnis, wie heterogen Tumore sind, allerdings als Illusion erwiesen. In der Forschung rückt daher die Prävention immer stärker in den Fokus.

Ein weites Feld: Vereinfacht ausgedrückt geht es darum, zu verhindern, dass sich ein Tumor überhaupt erst bildet oder nach seinem Verschwinden durch erfolgreiche Therapie wieder auftritt. Das erschöpft sich nicht allein in Empfehlungen für einen gesunden Lebensstil und die Teilnahme an Früherkennung oder Kontrolluntersuchungen – auch wenn das freilich eine große Rolle spielt.

Daneben gilt es aber vor allem, die molekularen Mechanismen zu verstehen, warum Zellen mutieren, vom Immunsystem nicht ausgebremst werden und Krebs entsteht. Kipppunkte zu erkennen, an denen Prozesse ins Bösartige abdriften. Risikofaktoren zu identifizieren, von außen einwirkende ebenso wie bei der persönlichen Konstitution und genetischen Veranlagung, die manche Menschen anfälliger machen als andere. Oder widerstandsfähiger, um das beliebte Beispiel des früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt zu bemühen, der trotz exzessiven Rauchens das hohe Alter von 96 Jahren erreichte.

Der nächste Schritt wäre es, Mittel und Wege zu entwickeln, unheilvolle Entwicklungen in den Zellen mit möglichst einfachen Tests zu erkennen, aufzuhalten, unter Umständen sogar rückgängig zu machen oder zumindest gegenzusteuern zu können.

Für mehrere Krebsarten gibt es solche Ansätze bereits, sie sind unterschiedlich weit gediehen. Etliche befinden sich noch im Stadium der Grundlagenforschung, andere haben schon die Phase der Studien mit Tieren durchlaufen oder sind auf dem Weg in die klinische Anwendung. Einige Beispiele:

Brustkrebs

Bereits seit November 2023 ist in Großbritannien für Frauen mit „mittlerem Risiko“ ein Medikament zur Vorbeugung von Brustkrebs zugelassen. Was zunächst bestechend klingt, hat indes auch einen Haken: Es handelt sich um einen Arzneistoff, Anastrozol, der die Bildung weiblicher Geschlechtshormone hemmt, deshalb Wechseljahrbeschwerden hervorrufen kann und nur nach der Menopause eingesetzt werden sollte. Anastrozol wirkt, indem es das Enzym Aromatase hemmt, das wesentlich an der Bildung von Östrogen beteiligt ist.

Die vorbeugende Wirkung auf Krebs erklärt sich damit, dass rund 75 Prozent der Tumore in der Brust hormonabhängig wachsen, wie Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienstes, erklärt. Normalerweise wird das Mittel gegeben, um nach Entfernung eines Tumors Rückfällen vorzubeugen. In Deutschland ist es unter dem Handelsnamen Arimidex auf dem Markt.

Risikofaktoren für Brustkrebs gibt es etliche. Susanne Weg-Remers zählt auf: eine frühe erste und späte letzte Menstruation, Rauchen, Alkohol, Bewegungsmangel, erbliche Faktoren (jedes zehnte Mammakarzinom geht auf Veränderungen in Hochrisikogenen zurück), Vorerkrankungen wie Diabetes Typ 2, Bestrahlungen des Brustkorbs im jungen Erwachsenenalter, Kinderlosigkeit, keine Stillzeiten, gutartige Brusterkrankungen mit Entartungsrisiko, röntgendichtes Brustgewebe und – ganz wichtig – das Alter. Nach den Wechseljahren steigt das Brustkrebsrisiko.

Was aber bedeutet „mittleres Risiko“? „Das betrifft eine sehr große Gruppe“, erläutert Weg-Remers. So würden schon alle Frauen über 60 Jahren dazuzählen, nimmt man als Kriterium ein 1,7 prozentiges Risiko, in den nächsten fünf Jahren an Brustkrebs zu erkranken, wie es teilweise gemacht wird. „Das ist sehr niedrig angesetzt“, sagt die Medizinerin.

In Studien zeigte Anastrozol Wirkung: Von knapp 2000 Frauen, die es einnahmen, erkrankten nach fünf Jahren 40 an Brustkrebs, in der Kontrollgruppe 85. Der Effekt hielt auch nach zehn Jahren an – nachdem Anastrozol bereits fünf Jahre abgesetzt war. Weg-Remers hält die Einnahme gleichwohl nur „im Einzelfall“ für sinnvoll und schätzt das Potenzial einer Änderung des Lebensstils als „bei weitem größer“ ein.

Hautkrebs

Die Haut ist in besonders sichtbarer Weise vom Alterungsprozess betroffen. Hier zeigen sich Veränderungen in den ungeliebten, aber harmlosen Falten, in schlaffen Stellen und Pigmentflecken und schlimmstenfalls in der Form von Hautkrebs. Als äußerer Faktor spielt vor allem die Sonneneinstrahlung eine Rolle. Kein geringeres Ziel als die Hautalterung rückgängig zu machen, verfolgt eine Kooperation, die das Deutsche Krebsforschungszentrums (DKFZ) mit dem auf Hautpflege spezialisierten Unternehmen Beiersdorf (unter anderem Nivea) eingegangen ist. Das Projekt setzt bei Vorgängen auf molekularer Ebene an: Um Hautkrebs zu verhindern (und nebenbei Falten zu glätten), soll die epigenetische Uhr zurückgedreht werden, erklärt Manuel Rodriguez-Paredes von der Abteilung Epigenetik beim DKFZ. Auf dass das biologische Alter möglichst weit hinter das chronologische zurückfallen möge.

Dieses Prinzip könnte nicht nur für Hautkrebs, sondern für viele Tumorarten und noch andere altersbedingte Erkrankungen ein wichtiger Schlüssel sein.

Zur Erklärung: Die Epigenetik bezeichnet chemische und strukturelle Veränderungen des genetischen Materials, die aber nicht an der Abfolge der DNA-Bausteine rütteln. Sie werden unter anderem durch den natürlichen Alterungsprozess hervorgerufen. Negativ auswirken können sich laut Manuel Rodriguez-Paredes zuden unter anderem Infektionen, diverse erbliche und neurologische Erkrankungen, Stress, traumatische Ereignisse, dauerhaft schlechter Schlaf und Übergewicht.

Die epigenetische Uhr gilt als Indikator für das biologische Alter und somit als wichtiger Adressat für Therapien gegen altersbedingte Veränderungen, seien sie nun krankhaft oder nicht. Der Schlüssel, solche Behandlungen zu entwickeln, liegt laut Rodriguez-Paredes darin, „die biologischen Prozesse zu verstehen, die die epigenetische Uhr ticken lassen“ – und sie dann auf der Basis dieses Wissens um möglichst viele Jahre zurückzustellen.

Leberkrebs

Eine Tumorart mit besonders schlechter Prognose, deren Inzidenz weltweit zunimmt, ist Leberkrebs. Zu den Risikofaktoren gehören Alkoholkonsum, chronische Infektionen, insbesondere mit Hepatitis B und C, sowie eine durch ungesunde Ernährung ausgelöste Fettleber, von der alleine in Deutschland geschätzt 20 Millionen Menschen betroffen sind. Gemeinsamer Nenner ist immer eine chronische Entzündung der Leber. „Liegt zusätzlich noch eine genetische Disposition vor, geht es schneller“, sagt Ursula Klingmüller von der Abteilung Systembiologie der Signaltransduktion beim DKFZ.

Grundsätzlich vollziehe sich die Entwicklung hin zum Leberkrebs aber schleichend über viele Jahre und sei lange reversibel. Bei Leberkrebs ist Vorbeugung umso dringlicher, da es keine Früherkennung gibt und eine Operation oft nicht den erwünschten Erfolg bringt, weil der Tumor meist viel zu spät erkannt wird.

Vonnöten seien einfache Blutmarker, die auf gefährliche Entwicklungen hinweisen, bevor strukturelle Veränderungen mittels Computertomographie zu sehen sind. Denn die zeigten sich erst, wenn der Tumor schon weit fortgeschritten sei, sagt Ursula Klingmüller. In einem vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt, das sie koordiniert, geht es darum, die molekularen Mechanismen zu verstehen, die zur Entstehung von Leberkrebs führen, und die Kipppunkte zu finden, an denen Veränderungen des Stoffwechsels die Tumorbildung anlaufen lassen.

Ein weiteres Projekt untersucht, wie sich mit Intervallfasten Leberkrebs vorbeugen lässt – wenn man an zwei Tagen in der Woche überhaupt nichts isst. An Mäusen sei das bereits mit Erfolg getestet worden, berichtet Mathias Heikenwälder vom DKFZ und der Universität Tübingen. Essenziell dafür sei, dass in der aktiven Phase tagsüber gefastet werde.

Mit Gewichtsreduzierung hat die Wirkung des Intervallfastens indes nichts zu tun, denn die Gesamtkalorienaufnahme wird dadurch laut Heikenwälder nicht beeinflusst. Und das Ziel der aktuellen Forschung ist es auch nicht, diese nicht leicht durchzuhaltende Form des Fastens zu propagieren, sondern auf Basis der beobachteten Effekte eine medikamentöse Behandlung zu finden – die dann idealerweise mit einer Änderung des Lebensstils hin zu mehr gesunden Nahrungsmitteln einhergehen soll. Zudem unterstützt nach Erkenntnissen der Forschungsgruppe eine Therapie mit Aspirin die Erholung der Leber. Das altbekannte Mittel wirke gegen entzündliche Prozesse in dem zentralen Stoffwechselorgan, erklärt Heikenwälder: „Wenn man die Entzündung wegkriegt, dann geht auch die Fettleber weg.“

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