„Globe at Night“

Lichtverschmutzung lässt Sterne verschwinden – „Geschwindigkeit ist dramatisch“

  • schließen

Eine neue Studie zeigt, dass die Lichtverschmutzung schneller zunimmt als von Fachleuten erwartet. Es geht nicht nur um die Beobachtung des Nachthimmels.

Potsdam – Wer heute bei Dunkelheit zum Himmel hinaufschaut, sieht deutlich weniger Sterne als die Menschen noch vor einigen Jahren. Schuld daran ist die sogenannte Lichtverschmutzung – Licht, das den Himmel erhellt und astronomische Schönheiten wie das Band der Milchstraße in vielen Regionen nahezu unsichtbar macht. Wer heute die Milchstraße sehen möchte, muss häufig in abgelegene Regionen mit dunklem Himmel fahren.

Und die Lichtverschmutzung nimmt immer weiter zu – sogar massiver, als von Fachleuten erwartet. Das zeigt eine neue Studie, an der neben Forschenden vom Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ) in Potsdam, der Ruhr-Universität Bochum und vom NOIRLab der National Science Foundation (NSF) auch zahlreiche Bürgerwissenschaftlerinnen und Bürgerwissenschaftler mitgewirkt haben.

Lichtverschmutzung nimmt drastisch zu – Projekt „Globe at Night“

Für die Studie, die im Fachjournal Science veröffentlicht wurde, haben die Forschenden mehr als 50.000 Himmelsbeobachtungen aus den Jahren 2011 bis 2022 ausgewertet. Die Teilnehmenden am Projekt „Globe at Night“ betrachteten ihren Nachthimmel und gaben in einem Online-Formular an, welche von acht Sternkarten am besten zu dem passte, was sie am Nachthimmel sahen. Jede Karte zeigte den Himmel unter verschiedenen Graden an Lichtverschmutzung.

„Die Beiträge der einzelnen Menschen wirken zusammen wie ein globales Sensornetz, das uns einen ganz neuen Forschungsansatz ermöglicht“, erklärt Studien-Erstautor Christopher Kyba vom GFZ und der Ruhr-Universität Bochum in einer Mitteilung.

Himmelsleuchten stört den Blick zum Himmel

Vor allem das künstliche Leuchten des Nachthimmels stört den Blick zum Himmel. Es handelt sich um eine Form der Lichtverschmutzung, die nicht nur die Astronomie stört, sondern auch gravierende Auswirkungen auf die Umwelt hat, wie Constance Walker, Mitautorin der Studie und Leiterin des Projekts „Globe at Night“ betont.

Viele Verhaltensweisen und physiologische Prozesse von Lebewesen sind von Tages- und Jahreszeiten bestimmt – und werden damit vom Licht beeinflusst. „Das Himmelsleuchten beeinträchtigt sowohl tag- als auch nachtaktive Tiere und zerstört außerdem einen wichtigen Teil unseres kulturellen Erbes“, sagt Walker.

Weltraum-Newsletter

Abonnieren Sie den kostenlosen Weltraum-Newsletter und bleiben Sie auf dem Laufenden.

Studie zu Lichtverschmutzung: 6,5 Prozent mehr Helligkeit in Europa

Das Ergebnis der Studie: Für Europa ergibt sich 6,5 Prozent mehr Hellligkeit pro Jahr, für Nordamerika sind es sogar 10,4 Prozent mehr Licht, das den Nachthimmel erhellt. „Die Geschwindigkeit, mit der Sterne für Menschen in städtischen Umgebungen unsichtbar werden, ist dramatisch“, fasst Kyba zusammen. Die Geschwindigkeit dieser Entwicklung der Lichtverschmutzung hatten die Forschenden nicht in diesem Maße erwartet. Beim Blick auf Satellitendaten hatte sich sogar das Gegenteil angedeutet: Demnach hatte die künstliche Helligkeit in Europa um 0,3 Prozent und in den USA um 0,8 Prozent pro Jahr abgenommen.

Auch das Licht einer weit entfernten Stadt kann den Nachthimmel noch beeinträchtigen. (Archivbild)

Auch LEDs haben einen Einfluss auf das Himmelsleuchten

Doch der Blick, den Satelliten von oben auf die Erde werfen, ist ein anderer, als der Blick von unten an den Nachthimmel, erläutert Kyba. „Satelliten reagieren am empfindlichsten auf Licht, das nach oben gen Himmel gerichtet ist. Aber es ist horizontal abgestrahltes Licht, das den größten Teil des Himmelsleuchtens ausmacht.“ Werbung oder Fassadenbeleuchtung, die häufiger, größer oder heller würden, könnten einen großen Einfluss haben, ohne dass man das auf Satellitenbildern sieht.

Planeten, Sterne und ein Komet – Das können Sie am Sternenhimmel im Februar sehen

Am Sternenhimmel im Februar ist noch das auffällige Sternbild Orion zu sehen – im April verabschiedet es sich vom Nachthimmel. (Archivbild)
Am Sternenhimmel im Februar ist noch das auffällige Sternbild Orion zu sehen. (Archivbild) © imago/Imaginechina-Tuchong
Das Sternbild Löwe ist das Leitsternbild des Frühlingshimmels. (Künstlerische Darstellung)
Doch das Sternbild Löwe – das Leitsternbild des Frühlingshimmels – ist um 22 Uhr im Osten bereits vollständig aufgegangen. (Künstlerische Darstellung) © imago/StockTrek Images
Wer die langen und dunklen Nächte im Winter genutzt hat, um den Sternenhimmel zu beobachten, der wird eines im Februar merken: Die Zeit der langen, dunklen Nächte nähert sich langsam ihrem Ende.
Wer die langen und dunklen Nächte im Winter genutzt hat, um den Sternenhimmel zu beobachten, der wird eines im Februar merken: Die Zeit der langen, dunklen Nächte nähert sich langsam ihrem Ende. © imago/Leemage
Während die Sonne am 1. Januar in Frankfurt noch um 8.24 Uhr aufging, geht sie am 1. Februar bereits um 8.00 Uhr auf, Sonnenuntergang war zu Jahresbeginn um 16.32 Uhr, am 1. Februar geht die Sonne in Frankfurt erst um 17.17 Uhr unter. Innerhalb eines Monats wird der helle Tag so mehr als eine Stunde länger.
Während die Sonne am 1. Januar in Frankfurt noch um 8.24 Uhr aufging, geht sie am 1. Februar bereits um 8.00 Uhr auf, Sonnenuntergang war zu Jahresbeginn um 16.32 Uhr, am 1. Februar geht die Sonne in Frankfurt erst um 17.17 Uhr unter. Innerhalb eines Monats wird der helle Tag so mehr als eine Stunde länger. © Imago/Denis Kozhevnikov
Der Planet Venus ist im Februar als Abendstern am Himmel zu sehen. Sie wird im Laufe des Monats immer heller und prominenter. (Archivbild)
Der Planet Venus ist im Februar als Abendstern am Himmel zu sehen. Sie wird im Laufe des Monats immer heller und prominenter. (Archivbild) © imago/Karina Hessland
Am 22. Februar „treffen“ sich die Planeten Jupiter und Venus am Abendhimmel mit der schmalen Mondsichel. Jupiter und Venus bleiben noch mehrere Tage lang nah beieinander – am 2. März überholt Venus den größten Planeten des Sonnensystems. (Archibild)
Am 22. Februar „treffen“ sich die Planeten Jupiter und Venus am Abendhimmel mit der schmalen Mondsichel. Jupiter und Venus bleiben noch mehrere Tage lang nah beieinander – am 2. März überholt Venus den größten Planeten des Sonnensystems. (Archibild) © Imago/Lorenzo Di Cola
Auch der Planet Mars ist im Februar noch am Himmel zu sehen – seine Helligkeit nimmt jedoch stetig ab und er erscheint kleiner als zuvor. Auch die Plejaden, die auf diesem Bild zu sehen sind, sind im Februar am Himmel zu bewundern. (Archivbild)
Auch der Planet Mars ist im Februar noch am Himmel zu sehen – seine Helligkeit nimmt jedoch stetig ab und er erscheint kleiner als zuvor. Auch die Plejaden, die auf diesem Bild zu sehen sind, sind im Februar am Himmel zu bewundern. (Archivbild) © imago/VWPics
Der Komet C/2022 E3 (ZTF) ist im Januar und Februar 2023 am Nachthimmel zu sehen.
Der Komet C/2022 E3 (ZTF) ist im Januar und Februar 2023 am Nachthimmel zu sehen. © AFP/NASA/Dan Bartlett
Wer die Position des Kometen C/2022 E3 (ZTF) um den 1. Februar 2023 herum finden will, muss wissen, wie man den Polarstern am Himmel findet. Dazu sucht man den Großen Wagen und verlängert die hintere Achse des Sternbilds fünfmal. (Archivbild)
Wer die Position des Kometen C/2022 E3 (ZTF) um den 1. Februar 2023 herum finden will, muss wissen, wie man den Polarstern am Himmel findet. Dazu sucht man den Großen Wagen und verlängert die hintere Achse des Sternbilds fünfmal. (Archivbild) © imago/Imaginechina-Tuchong
Genau wie das Wintersechseck ist der hier abgebildete Große Wagen kein von der Internationalen Astronomischen Union (IAU) festgelegtes Sternbild. Es ist ein Asterismus – ein präzise definiertes Sternenmuster, das kein Sternbild ist, aber häufig genutzt wird. Der Große Wagen ist nur ein Teil des Sternbilds Großer Bär.
Genau wie das Wintersechseck ist der hier abgebildete Große Wagen kein von der Internationalen Astronomischen Union (IAU) festgelegtes Sternbild. Es ist ein Asterismus – ein präzise definiertes Sternenmuster, das kein Sternbild ist, aber häufig genutzt wird. Der Große Wagen ist nur ein Teil des Sternbilds Großer Bär. © IMAGO/Panthermedia
Am 5. Februar 2023 steht der kleinste Vollmond des Jahres am Himmel. Nur einen Tag zuvor hat der Mond mit einem Abstand von 406.476 Kilometern seinen erdfernsten Punkt des Jahres erreicht. Der Neumond am 20. Februar befindet sich mit einem Abstand von 358.267 Kilometern in Erdnähe – diese Konstellation kann Springfluten nach sich ziehen. (Archivbild)
Am 5. Februar 2023 steht der kleinste Vollmond des Jahres am Himmel. Nur einen Tag zuvor hat der Mond mit einem Abstand von 406.476 Kilometern seinen erdfernsten Punkt des Jahres erreicht. Der Neumond am 20. Februar befindet sich mit einem Abstand von 358.267 Kilometern in Erdnähe – diese Konstellation kann Springfluten nach sich ziehen. (Archivbild) © IMAGO/imagebroker
Das Wintersechseck besteht aus den sechs Sternen Sirius, Prokyon, Kastor, Kapella, Aldebaran und Rigel (von links unten im Uhrzeitersinn).
Das Wintersechseck besteht aus den sechs Sternen Sirius, Prokyon, Kastor, Kapella, Aldebaran und Rigel (von links unten im Uhrzeitersinn). © imago/Leemage
Castor und Pollux sind die beiden „Kopfsterne“ des Sternbilds Zwilling. (Künstlerische Darstellung)
Castor und Pollux sind die beiden „Kopfsterne“ des Sternbilds Zwilling. (Künstlerische Darstellung) © imago/StockTrek Images
Sirius ist unübersehbar im Sternbild Großer Hund. Doch im April verabschiedet sich der helle Stern vom Nachthimmel.
Sirius ist unübersehbar im Sternbild Großer Hund. © imago/Leemage

Und auch eine Umstellung der Beleuchtung könnte daran beteiligt sein: Statt orangefarbenen Natriumdampflampen kommen vermehrt weiße LEDs zum Einsatz. Doch die strahlen auch blaues Licht aus, wofür die menschlichen Augen nachts empfindlicher sind. „Blaues Licht wird in der Erdatmosphäre eher gestreut, trägt also stärker zum Himmelsleuchten bei“, weiß Kyba.

Auswirkungen der Lichtverschmutzung können dramatisch sein

Für irdische Himmelsguckerinnen und Himmelsgucker könnten die Auswirkungen in den kommenden Jahren dramatisch sein: Bei einer Helligkeitszunahme von 9,6 Prozent pro Jahr – dem aktuell ermittelten weltweiten Durchschnitt – sind bald noch weniger Sterne zu sehen. Kyba fasst zusammen: „Wenn die Entwicklung so fortschreitet, wird ein Kind, das an einem Ort geboren wird, an dem 250 Sterne sichtbar sind, dort an seinem 18. Geburtstag nur noch 100 Sterne sehen können.“

Die Grade der Lichtverschmutzung werden an diesem Bild deutlich gemacht. Während in der hell erleuchteten Stadt kaum noch Sterne zu sehen ist, gibt es auch noch wenige Orte, an denen der Sternenhimmel und das Band der Milchstraße in seiner vollen Pracht zu bewundern sind. (Künstlerische Darstellung)

Die Daten des Projekts „Globe at Night“, die für die Studie ausgewertet wurden, repräsentieren 19.262 Standorte weltweit, davon 3699 Orte in Europa und 9488 Orte in Nordamerika. „Hätten wir eine breitere Beteiligung, könnten wir Trends für andere Kontinente und möglicherweise sogar für einzelne Staaten und Städte ermitteln“, erklärt Walker und startet einen Aufruf: „Das Projekt ist noch nicht abgeschlossen, also schauen Sie heute Abend ruhig mal rein und sagen Sie uns, was Sie sehen!“ (tab)

Rubriklistenbild: © imago images/Cavan Images

Kommentare