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Sternengucker weltweit hoffen auf ein Himmelsspektakel durch den Kometen Tsuchinshan-ATLAS (C/2023 A3). Eine neue Studie könnte diese Hoffnungen zerstören.
Update vom 18. Juli, 10.50 Uhr: Die Studie, die zeigen soll, dass der Komet Tsuchinshan-ATLAS (C/2023 A3) möglicherweise zerbricht, bevor er gut am Himmel zu sehen ist, wird von manchen Kometen-Beobachtenden inhaltlich kritisiert. Der Studienautor habe bestimmte Effekte vernachlässigt, so die mehrfach geäußerte Meinung.
Ein Kometenbeobachter hat sich beispielsweise die aktuelle Lichtkurve des Kometen C/2023 A3 angeschaut und kommt zu einem anderen Ergebnis als die Studie: „Insgesamt würde ich zu dem Schluss kommen, dass sich der Komet derzeit in einem gesunden Zustand befindet und hoffentlich bis zum Perihel so bleibt“, schreibt er.
Was ist mit Komet Tsuchinshan-ATLAS (C/2023 A3) los?
Erstmeldung vom 11. Juli 2024: Frankfurt – Der Komet Neowise, der im Sommer 2020 zeitweise mit bloßem Auge am Himmel zu sehen war, hat die Hoffnungen auf eine Wiederholung geweckt. Und die könnte im Herbst bevorstehen: Der Komet Tsuchinshan-ATLAS (C/2023 A3) könnte dann ohne Hilfsmittel am Himmel zu sehen sein. Entdeckt wurde er bereits 2023 und schien alle Voraussetzungen für das erhoffte Spektakel zu erfüllen. Eine aktuelle Studie dämpft jedoch diese Hoffnungen.
| Name: | C/2023 A3 (Tsuchinshan-ATLAS) |
|---|---|
| Typ: | langperiodischer Komet |
| Entdeckung: | 9. Januar 2023 |
| Geschwindigkeit: | 56.000 km/h |
| größte Annäherung an die Sonne (Perihel): | 28. September 2024 |
| geringster Abstand zur Sonne: | 58 Millionen Kilometer |
| größte Annäherung an die Erde: | 13. Oktober 2024 |
| geringster Abstand zur Erde: | 70,5 Millionen Kilometer |
| Quelle: Minor Planet Center der IAU |
Komet Tsuchinshan-ATLAS (C/2023 A3) soll vor seiner großen Show zerbrechen
Der Astronom Zdenek Sekanina schreibt in seiner noch nicht von Fachleuten geprüften Arbeit, die bisher nur auf dem Preprint-Server ArXiv veröffentlicht wurde: „Aufgrund seiner bisherigen und aktuellen Leistung wird erwartet, dass der Komet zerfällt, bevor er das Perihel erreicht“. Mit „Perihel“ gemeint ist der Punkt in der Flugbahn des Kometen, der der Sonne am nächsten ist. Gerade um diese größte Annäherung an die Sonne herum sollte der Komet von der Erde aus besonders gut sichtbar sein.
Sekanina führt mehrere Argumente für seine Annahme an, dass der Komet Tsuchinshan-ATLAS (C/2023 A3) zerfällt. Eines davon ist, dass der Komet, der direkt aus der Oortschen Wolke im äußeren Bereich des Sonnensystems stammt, etwa 160 Tage vor seiner größten Annäherung an die Sonne nicht heller wurde. Gleichzeitig gab es einen „dramatischen Abfall“ in der Staubproduktion des Himmelskörpers, so der Astronom. Ein weiteres Indiz, das die Studie nennt: Die Flugbahn des Kometen scheint von einer „nicht gravitativen Beschleunigung“ beeinflusst zu sein. Dies geschieht beispielsweise, wenn der Kern des Kometen auseinander gesprengt wird.
Kometenschweif ähnelt einem „Regentropfen“ und ist „ungewöhnlich schmal“
Darüber hinaus weist Sekanina auf die ungewöhnliche Form des Kometenschweifs hin: Sie ähnelt einem „Regentropfen“ und ist „ungewöhnlich schmal“, so der Astronom. Sein Fazit: „Diese Beweise deuten darauf hin, dass der Komet in eine fortgeschrittene Phase der Fragmentierung eingetreten ist, in der immer mehr trockene, zerbrochene, feuerfeste Feststoffe in dunklen, porösen Klumpen exotischer Form zusammenbleiben, die nicht mehr nachweisbar sind, während sie sich allmählich im Weltraum verteilen.“
Kometen sind jedoch unberechenbare Himmelskörper, deren Verhalten schwer vorherzusagen ist. Bestes Beispiel ist der Komet Ison, von dem im Jahr 2013 eine große Helligkeit erwartet wurde. Allerdings zerbrach er, als er sich der Sonne näherte und enttäuschte die Erwartungen. Doch was den aktuellen Komete Tsuchinshan-ATLAS angeht, gibt es offenbar noch Hoffnung – schließlich gibt es in der Astronomie das Sprichwort „Kometen sind wie Katzen – sie haben Schweife und tun, was sie wollen“. Nick James, der Leiter der Kometenabteilung der British Astronomical Association, äußert sich gegenüber dem Portal spaceweather.com ermutigend: „Für mich sieht das nicht wie ein Komet aus, der zerbricht.“
Vielleicht überlebt Tsuchinshan-ATLAS (C/2023 A3) auch die Annäherung an die Sonne
Der Experte betont jedoch auch, dass Sekanina in der Branche „sehr respektiert“ ist und seine Studie Bedeutung hat. Gleichzeitig weist James auf die schwierige Vorhersage von Kometen hin und betont: „Es mag unklug sein, bei einer Vorhersage über einen Kometen von ‚unvermeidlich‘ zu sprechen! Aber es ist definitiv eine überprüfbare Theorie und ein weiterer guter Grund, diesen Kometen bei jeder Gelegenheit zu beobachten.“
Tatsächlich ist der Komet bereits heller als Magnitude 10 und kann schon mit mittelgroßen Amateurteleskopen gesehen werden. Das bedeutet: Sollte der Komet tatsächlich zerbrechen, werden es viele Astronomen bemerken. Die Hoffnung, dass Tsuchinshan-ATLAS für ein Spektakel am Herbsthimmel sorgt, stirbt jedoch zuletzt. (tab)
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