VonPamela Dörhöferschließen
Die Zahl der Infektionen mit dem Dengue-Fieber steigt weltweit. Rund um den Gardasee tritt die Tropenkrankheit bereits auf. Dort haben die Fälle eine Besonderheit.
Frankfurt – Keine von Mücken übertragene Virusinfektion breitet sich so schnell aus und kommt mittlerweile weltweit so häufig vor wie das Dengue-Fieber. Die Tropenkrankheit wurde kürzlich auch in der italienischen Region Gardasee gemeldet. Das Besondere bei diesem „Lombardei-Cluster“ besteht laut der europäischen Seuchenbehörde ECDC darin, dass es lokal entstanden ist, heißt: Die Betroffenen haben die Infektion nicht von einer Reise mitgebracht, sondern müssen sich vor Ort angesteckt haben. Seit dem 24. August führt das Auswärtige Amt deshalb in seinen Reisehinweisen zu Italien die Ansteckungsmöglichkeit mit Dengue-Fieber auf. Übertragen wird die Infektion von der tagaktiven Tigermücke.
In einigen Ländern Südamerikas und Asiens ist die Situation freilich ungleich dramatischer als in Italien. So verzeichnet Bangladesch derzeit mit rund 120.000 Infektions- und 570 Todesfällen den bisher größten Ausbruch im Land. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) teilte mit, dass Dengue dort nun ebenso wie in Indien endemisch geworden sei — das bedeutet, dass eine Krankheit konstant in einem Gebiet vorhanden ist. Auch in Guatemala wütet die Fiebererkrankung so stark, dass die Regierung den Gesundheitsnotstand ausgerufen hat.
WHO ist wegen Zunahme der Dengue-Fälle besorgt
Bei der WHO ist man wegen der Zunahme der Dengue-Fälle besorgt. Inzwischen sei die Hälfte der Weltbevölkerung einer Ansteckungsgefahr ausgesetzt, sagte Raman Velayudhan, Leiter der WHO-Abteilung für vernachlässigte Tropenkrankheiten, kürzlich. Das Robert Koch-Institut geht von weltweit rund 400 Millionen Infektionen pro Jahr aus. Eine genaue Schätzung fällt jedoch schwer, weil die Erkrankung bei der ersten Infektion häufig unbemerkt bleibt oder nur mit milden Symptomen verbunden ist.
Sebastian Ulbert, Abteilungsleiter für Impfstoffe und Infektionsmodelle am Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig, geht zudem von einer hohen Zahl unterdiagnostizierter Fälle insbesondere in Afrika aus: „Dengue wird dort immer noch häufig mit Malaria verwechselt, wodurch Betroffene die falschen Medikamente bekommen.“
In den armen Ländern des globalen Südens schaffen feucht-heißes Klima sowie das enge Zusammenleben in den Städten und schlechte hygienische Verhältnisse ideale Voraussetzungen für die Vermehrung der Mücken. Warum die Tropenkrankheit nun auch in Südeuropa auftritt, liegt auf der Hand: Wärmere Temperaturen machen es möglich, dass tropische Mücken in immer mehr Regionen außerhalb ihrer angestammten Verbreitungsgebiete überleben und heimisch werden können.
In Italien und Südfrankreich gab es Fälle des Chikungunya-Fiebers
So wurden unter anderem 2017 aus Italien Fälle des ebenfalls von bestimmten Mücken übertragenen Chikungunya-Fiebers berichtet, auch in Südfrankreich gab es schon kleinere Ausbrüche. Bereits in Italien, Griechenland, Frankreich, weiten Teilen des Balkans, in der Türkei und Österreich verbreitet hat sich laut Robert Koch-Institut das West-Nil-Virus, das auch von heimischen Mücken übertragen werden kann, wenn sie vorher ein infiziertes Tier – meist Vögel – gestochen haben. Fachleute rechnen damit, dass das West-Nil-Virus auch in Deutschland bald häufiger vorkommen wird.
Die Erkrankung
Dengue ist eine von Tigermücken übertragene Viruserkrankung, die in den Tropen und Subtropen vorkommt. Die Inkubationszeit beträgt drei bis 14 Tage.
Das Virus kommt in vier Varianten vor. Eine durchgemachte Infektion verleiht lediglich eine Immunität gegen den Virustyp, mit dem man sich angesteckt hat. Bei einer zweiten Infektion mit einer anderen Variante kann die Krankheit dann weitaus schwerer verlaufen.
Bei der ersten Infektion entwickeln viele Menschen keine oder nur leichte Symptome. Typische Beschwerden, die mit der Erkrankung einhergehen, sind plötzliches Fieber sowie starke Kopf-, Muskel-, Knochen- und Gliederschmerzen. Deshalb wird das Dengue-Fieber auch „Breakbone fever“ genannt. Die meisten Betroffenen erholen sich innerhalb weniger Tage wieder. Dengue kann aber auch zu schweren Komplikationen oder sogar zum Tod führen. Es ist in mehreren asiatischen und lateinamerikanischen Ländern eine der Hauptursachen für schwere Erkrankungen und Todesfälle bei Kindern.
Bei einem schweren Verlauf kann es zu starken Bauchschmerzen, anhaltendem, auch blutigem Erbrechen, blutenden Schleimhäuten („hämorrhagisches Dengue-Fieber“), zu schneller Atmung oder in sehr seltenen Fällen zu einem Schock-Syndrom mit starkem Blutdruckabfall durch Flüssigkeitsverlust kommen. (pam)
Für das Dengue-Fieber ist es in Deutschland bislang nicht warm genug
Was Dengue angeht, so sei es in Deutschland bislang nicht warm genug, „dass sich das Virus gut in den Mücken vermehren und dann übertragen werden kann“, sagt Ulbert. Zwar wurden seit einigen Jahren auch in Deutschland stellenweise Tigermücken nachgewiesen. Aber erst wenn über längere Zeit Temperaturen um die 30 Grad herrschten und die Nächte warm seien, könnten die Viren „länger in den Mücken zirkulieren und bei einem Stich dann auch eher auf den Menschen übertragen werden“. Dann könne ein Infizierter „über die Mücke, die ihn sticht, mehrere andere Menschen anstecken“, erklärt Ulbert.
In den südeuropäischen Ländern indes reiche das Klima in der warmen Jahreszeit mittlerweile aus, um Dengue-Viren zu übertragen, sagt Peter Kremsner, Direktor des Instituts für Tropenmedizin, Reisemedizin und Humanparasitologie am Universitätsklinikum Tübingen. Er rechnet indes auch in hiesigen Breiten mit mehr Infektionen: „Grundsätzlich sind die Bedingungen dafür gegeben. Die Mücken fühlen sich hier schon recht wohl.“
Eier der Tigermücke können überwintern
Zwar würden erwachsene Mücken im Spätherbst sterben, ihre Eier jedoch könnten überwintern. Nach Ansicht Kremsners ist die Ausbreitung „fast nicht aufzuhalten“: „Die Viren werden auch über die Alpen kommen.“ Die „hiesige Medizin“ müsse deshalb künftig „viel stärker an eigentlich der Tropenmedizin vorbehaltene Krankheiten denken“, wenn jemand mit Fieber in ein Krankenhaus komme.
Eine spezifische antivirale Behandlung gegen Dengue gibt es zur Zeit nicht, es können nur Symptome wie Gliederschmerzen und Fieber behandelt werden. Um eine Infektion zu vermeiden, raten Fachleute, die Haut mit einem Mückenschutzmittel einzusprühen. Auch zwei Impfstoffe sind zugelassen, beide basieren auf einem abgeschwächten Lebendvirus: Dengvaxia und Qdenga. Bei Dengvaxia vom französischen Pharmakonzern Sanofi gab es allerdings Komplikationen bei gesunden Menschen, die noch nie Dengue hatten. Dieses 2018 zugelassene Vakzin darf deshalb nur Personen im Alter zwischen neun und 45 Jahren verabreicht werden, die in einem Endemiegebiet leben und bereits mit Dengue infiziert waren.
Es gibt zwei Impfstoffe gegen das Dengue-Fieber
Qdenga von japanischen Pharmaunternehmen Takeda wurde in der EU im Dezember 2022 für Erwachsene und Kinder ab vier Jahren zugelassen. Dieser Impfstoff soll besser als Dengvaxia wirken und zu weniger Nebenwirkungen führen. Ulbert weist allerdings auf ein Problem beider Vakzine hin, das damit zu tun hat, dass es vier verschiedene Typen von Dengue-Viren gibt. Die Schutzraten gegen diese variierten „sehr stark“. Weitere Impfstoffe befinden sich in der Entwicklung.
Die Ständige Impfkommission wertet derzeit Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit des Impfstoffs Qdenga aus, erklärt Kerstin Kling, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Robert Koch-Institut. Zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und Globale Gesundheit arbeite man an einer möglichen Impfempfehlung für Reisende in Dengue-Endemiegebiete. (pam)
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