2027 soll er weltweit werden

TDL-Initiatoren im großen Interview: „Wir wollen einen Aufbruch erzeugen“

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Die TDL-Macher im Interview mit der Drehscheibe: Markus Knall (l.) und Meinolf Ellers.

Welche Grundidee steckt hinter dem Tag des Lokaljournalismus? Das verraten uns die Initiatoren Markus Knall, Chefredakteur von Ippen.Media, und Meinolf Ellers, Mitinitiator von DRIVE bei der dpa.

Der Tag des Lokaljournalismus findet bereits zum zweiten Mal statt. Voriges Jahr war er noch auf die Lokalredaktionen der Ippen-Gruppe beschränkt – in diesem Jahr öffnet er sich der ganzen Branche.

In Kooperation mit der Drehscheibe

Dieses Interview erschien in der aktuellen Ausgabe der Drehscheibe. Die ganze Drehscheibe finden Sie zum Download auf tag-des-lokaljournalismus.de.

Welche Erkenntnisse nehmen Sie aus der ersten Runde mit, Herr Knall?

Knall: Wir haben erkannt, wie groß das Bedürfnis in der Branche ist, die Bedeutung des Lokaljournalismus für das Funktionieren von Gesellschaften zu zeigen. Traffic und Umsatz sind wichtige Aspekte des Berufes – aber nicht die Gründe, aus denen wir Journalisten geworden sind. Wir haben einen gesellschaftlichen Auftrag. Das spürt man im Tagesgeschäft, aber an so einem Tag noch einmal viel deutlicher: Lokaljournalismus ist eine Aufgabe, die trotz aller disruptiven Veränderungen eine nachhaltige Bedeutung hat.

Warum lohnt sich eine Teilnahme?

Knall: Vieles verändert sich gerade durch künstliche Intelligenz. Journalistinnen und Journalisten fragen sich: Was ist meine Zukunftsperspektive? Was hat noch Bestand? Am Tag des Lokaljournalismus können Redaktionen zeigen, wozu sie gebraucht werden – und zwar nicht nur jede einzelne, sondern wir als Branche. Das tun wir orchestriert zusammen.

Ellers: Journalismus wird gerade zwischen Plattformen und der Creator Economy aufgerieben. Es besteht die Gefahr, dass gerade Lokaljournalismus für die jüngeren Zielgruppen unsichtbar wird – in einer Zeit, in der wir unsere Gesellschaft dringend zusammenhalten müssen. Es geht deshalb auch darum, Lokaljournalismus neu zu denken: Wir sind nicht nur die, die gedruckte Zeitungsseiten füllen und sie dann digitalisieren. Man erreicht uns heute über verschiedene Kanäle. Auch in sozialen Medien ist Lokaljournalismus verlässlich.

Diese Erfahrung sollen besonders junge Menschen und Familien in diesem Jahr machen?

Ellers: Ja, weil wir sie verlieren. Ein Beispiel: In einem großen regionalen Zeitungshaus beträgt das Durchschnittsalter der Print-Abonnenten 75 Jahre, das der E-Paper-Abonnenten 67. Wenn wir also über jüngere Menschen sprechen, reden wir eigentlich über Menschen, die 50 Jahre alt und jünger sind. Es gibt viele, die sich für lokale Themen interessieren, die aber Lokaljournalismus in neuen Formen brauchen, die ihren Gewohnheiten entsprechen. Wir wollen einen Aufbruch erzeugen und diesen Menschen zeigen: Auch für euch können wir überraschend sein. Ihr erlebt Lokalzeitungen völlig neu. Wenn das gelingt, haben wir viel erreicht.

Welche Besonderheiten bringen speziell junge Zielgruppen mit sich?

Ellers: Social Media ist Teil ihrer Sozialisation. Sie stellen uns vor vollkommen neue Herausforderungen. Lokalredakteure in meiner Generation waren stolz auf tolle Texte. Bei Menschen unter 30 Jahren müssen wir uns aber klar sein, dass nur eine kleine Elite klassische Zeitungstexte überhaupt noch liest. Auch den anderen müssen wir ein Angebot machen – zum Beispiel mit knackigen Videos, die mit den Beiträgen der Creator mithalten können. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir dazu noch einiges lernen. Wir wollen deshalb auch in unsere eigenen Mannschaften ein Signal senden und sie ermutigen: Probiert etwas aus, experimentiert! Wir müssen uns der Herausforderung stellen, dass die Unter-30-Jährigen anders ticken.

Knall: Die Presse ist in der Verfassung geschützt, weil wir Relevanz für sehr viele Menschen haben. Diese Relevanz muss immer wieder erneuert werden. Lokalmedien sind der Definition nach für die Menschen einer Region zuständig – für jeden, der dort lebt, egal welcher Weltanschauung. Sie haben damit eine ausgleichende Wirkung. Das ist eine besondere, relevante Aufgabe. Deshalb soll es am Tag des Lokaljournalismus darum gehen, über Abonnentinnen und Abonnenten hinaus viele Menschen zu erreichen – junge besonders gerne, aber auch alle anderen.

Der 5. Mai steht unter dem Motto „Raus aus den Redaktionen, rein ins Leben“. Warum ist es wichtig, Präsenz zu zeigen?

Knall: Man stelle sich eine KI-Welt vor, in der Menschen nicht mehr unterscheiden können, was wahr und was fake ist. Entscheidend wird dann die Frage: Vertraue ich dem Absender einer Nachricht? Lokale Medien haben die höchsten Vertrauenswerte aller Mediengattungen in Deutschland. Dieses Vertrauen entsteht einerseits durch unsere lange Historie, andererseits durch die physische Nähe. Leserinnen und Leser können uns persönlich ansprechen und direkt zur Rechenschaft ziehen. Wenn an diesem Tag tausende Journalistinnen und Journalisten auf der Straße sind und mit tausenden Menschen Kontakt haben, dann legitimieren wir damit unsere Rolle in der Gesellschaft.

Wie wichtig ist in Zeiten wie diesen der Zusammenhalt in der Branche?

Knall: Einer der Anlässe für den Tag des Lokaljournalismus war die Studie „Wüstenradar“ der Hamburg Media School vor eineinhalb Jahren. Sie hat sich mit der Versteppung in Deutschland, dem Verschwinden von Lokalzeitungen und möglichen Lösungen beschäftigt. Die klare Aussage der Forscher war: Ihr müsst besser kooperieren und zusammenarbeiten. Das ist die Metaaussage des 5. Mai: Wir rücken zusammen.

Welche Zukunftsperspektive gibt es für den Tag des Lokaljournalismus?

Ellers: Die beiden Weltverbände der Nachrichtenmedien unterstützen die Initiative bereits. Auf dem World Congress of News Media, der gleichzeitig in Berlin stattfindet, haben wir ein Panel zur Zukunft des Lokaljournalismus. Markus Knall wird dort vom hoffentlich beeindruckenden Ergebnis des Tages erzählen. Unser Wunsch ist es, 2027 unsere Kolleginnen und Kollegen weltweit einzuladen und einen „Local Journalism Day“ zu veranstalten.

Interview: Josephine Macfoy

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