VonMarco Blanco Uclesschließen
Nach einigen anderen Ländern testet nun auch Deutschland mit 50 Unternehmen die Vier-Tages-Woche. Experten klären über Vor- und Nachteile auf.
Einen Tag mehr frei pro Woche? Was für viele Arbeitnehmer jahrelang ausschließlich Träumereien darstellte, könnte in der Zukunft tatsächlich wahr werden. Denn nach anderen Ländern wie Island, Spanien oder Großbritannien testen nun auch 50 deutsche Unternehmen ein halbes Jahr lang die Vier-Tage-Woche. Die Resultate werden anschließend von der Universität Münster unter die Lupe genommen. Der Wunsch danach ist in der Bevölkerung auf alle Fälle vorhanden. In einer Befragung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung gaben über 80 Prozent der Menschen an, sich eine Viertagewoche zu wünschen.
Expertin erklärt: Menschen sehnen sich nach mehr Freizeit
Laura Venz ist Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie. Im Gespräch mit tagesschau24 betonte sie, dass sich die Menschen besonders nach mehr Zeit für außerberufliche Dinge sehnten: „Wir wollen eigentlich nicht unser gesamtes Leben der Arbeit opfern, sondern es soll auch noch etwas darüber hinaus geben.“ Viele deutsche Arbeitnehmer denken laut einer Langzeitstudie über einen Jobwechsel nach.
Die Vier-Tage-Woche wird in zwei unterschiedlichen Modellen praktiziert. In Belgien beispielsweise können die 40 Stunden Arbeitszeit auf vier statt fünf Tage – zehn statt acht Stunden täglich – aufgeteilt werden. Die zweite Variante ist die Reduzierung von 40 auf 32 Stunden Arbeitszeit in der Woche, meistens bei gleichbleibenden Gehältern. So wurde es größtenteils bei Modellversuchen in Spanien oder Großbritannien getestet. Auf der Insel probierten 61 Unternehmen mit rund 2.900 Mitarbeitern sechs Monate lang das neue System aus – 56 von ihnen behielten es auch nach der Testphase bei. Laut der Studie waren die Mitarbeiter ausgeglichener und gesünder. Sogar die Produktivität habe sich erhöht.
Genau bei dieser gesteigerten Produktivität sieht Laura Venz die größte Problematik in einigen Branchen, was die Vier-Tage-Woche betrifft: „Denken wir an die gewünschte Arbeitszeitverkürzung bei den Lokführern, die die GDL ja jetzt eingefordert hat. Natürlich kann ein Lokführer trotzdem nur einen Zug auf einer bestimmten Strecke fahren oder führen. Und dementsprechend ist es dort nicht möglich, die Produktivität exakt aufrechtzuerhalten“, sagte sie im Gespräch mit tagesschau24. Ein weiteres Beispiel seien Berufe in der Pflege.
Die grundsätzliche Skepsis in vielen Unternehmen kann Venz verstehen: „Ich verstehe komplett, dass da erst mal alle Alarmglocken angehen.“ Gleichzeitig betonte die Expertin: „Wir haben einen Markt, in dem das Angebot an Arbeitsplätzen sehr groß ist, beispielsweise im Bereich der Pflege.“ Eine Vier-Tage-Woche könnte diese Berufe natürlich attraktiver machen. Künftig könne es gut sein, dass Arbeitgeber sich durch das Angebot einer Vier-Tages-Woche versuchen würden, von der Konkurrenz am Arbeitsmarkt abzuheben.
Teilzeitarbeit als Alternative möglich
Was gilt bei einer Beschäftigung in Teilzeit? Das Modell ist seit 2001 fest integriert in der deutschen Arbeitswelt. Arbeitgeber sind grundsätzlich dazu verpflichtet, offene Stellen auch als Teilzeitstellen auszuschreiben, wenn es möglich, die jeweiligen Aufgaben in Teilzeit zu erledigen. Natürlich müssen Teilzeitarbeitende im Vergleich zu Vollzeitbeschäftigten Abstriche beim Gehalt machen. Wie viel weniger verdient wird, hängt von mehreren Faktoren ab.
Handelt es sich um ein Unternehmen mit mindestens 15 Mitarbeitern und ist der Arbeitnehmer bereits mindestens sechs Monate dort angestellt, muss der Arbeitgeber dem Wunsch nach Teilzeitarbeit nachkommen. Der Wunsch danach muss mindestens drei Monate vor Beginn des neuen Arbeitsmodells schriftlich beim Unternehmen geäußert werden – beispielsweise per E-Mail. Das berichtet das Online-Portal „Haufe“.
Um die Anfrage abzulehnen, muss der Arbeitgeber innerhalb eines Monats absagen und betriebliche Gründe dafür liefern. Diese könnten sein: Die Reduzierung der Arbeitszeit beeinträchtigt die Organisation, den Arbeitsablauf oder die Sicherheit des Unternehmens wesentlich. Auch die Verursachung unverhältnismäßig hoher Kosten kann als Grund für eine Absage angeführt werden. Häufig jedoch können Arbeitgeber diese Gründe nicht ausreichend belegen: „Die Chancen eine Klage gegen die Ablehnung Ihres Teilzeitantrags zu gewinnen, sind aus meiner Erfahrung sehr gut“, betont Tanja Ruperti, Berliner Anwältin für Arbeitsrecht.
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