VonGerhard Königerschließen
Weil Aldi Konsummilch nur noch in der Qualitätsstufe ++ verkaufen will, muss die Milch separat erfasst werden. Derzeit läuft bei der Hohenloher Molkerei die Zertifizierung der Landwirte.
Ellwangen/Schwäbisch Hall Die "Haltungswechsel"-Ankündigung des Aldi-Konzerns, künftig Produkte der niedrigen Tierwohlstufen aus den Regalen zu nehmen, sorgt unter Landwirten für Aufruhr. Sie werfen dem Konzern vor, Imagepflege auf Kosten der Bauern zu betreiben. Besonders betroffen sind die Milchviehbetriebe, weil Aldi schon ab April 2024 Konsummilch der Eigenmarken nur noch in der Qualitätsstufe QM++ verkaufen will. Wessen Kühe noch angebunden sind, bekommt dieses Label nicht.
Das sind auch Bauern auf der Ostalb, wo viele an die Hohenloher Molkerei in Schwäbisch Hall liefern. 68 Prozent ihres Umsatzes macht diese Molkerei mit Konsummilch, beliefert Aldi, Lidl, Edeka und andere Handelsketten. Wie will die Hohenloher Molkerei ihre Produktion so schnell den Vorgaben des Lebensmitteleinzelhandels anpassen?
Ein Ortsbesuch in Schwäbisch Hall, wo der geschäftsführende Vorstand Martin Boschet und der Vorstandsvorsitzende Manfred Olbrich in Kampfstimmung sind. Der "Haltungswechsel" des Aldi-Konzerns begünstige Molkereien im Norden und Osten der Republik, wo der Strukturwandel in der Landwirtschaft viel weiter fortgeschritten ist. Dort gebe es kaum noch Höfe mit Anbindehaltung. QM++ sei für die Mitbewerber dort kein Problem.
Für die Hohenloher Molkerei schon. Ein Drittel der Milchviehbetriebe in Baden-Württemberg hat die Kühe angebunden, in Bayern noch mehr und auch im Ostalbkreis ist die Anbindehaltung verbreitet, erklärt Dr. Markus Albrecht, vom Milchprüfring Baden-Württemberg.
Weil jeder Milchlieferant der Genossenschaftsmolkerei auch Mitglied ist, wird die Abnahme der Milch garantiert. "Wir holen die Milch unserer Bauern selbstverständlich auch weiterhin ab", sagt Boschet. Man habe den genossenschaftlichen Auftrag, über die Haltungsmethoden hinweg.
Seit Juli läuft das Audit der Bauernhöfe, das bedeutet, es wird genau geprüft, wer die Vorgaben für welches Tierwohllabel erfüllt. Zuständig ist Sara Hackspacher, die im Dialog mit den Bauern steht. Von 766 Lieferanten seien aktuell 368 eingestuft, 208 mit QM++, 47 mit QM+ und 72 mit QM. Die QM++-Betriebe stehen für 231,3 Millionen Kilogramm Milch. Insgesamt erfasst die Molkerei über 400 Millionen Kilogramm.
Boschet ist zuversichtlich, dass der Anteil von QM++ in den nächsten Monaten noch steigen wird und dass die Menge ausreicht, um weiterhin den Lebensmitteleinzelhandel zu beliefern. "Wir nehmen die Herausforderung an und werden unsere Märkte verteidigen", verspricht der Molkereichef. Ab Januar werde QM++ getrennt erfasst. Man werde die Touren der Milchlaster entsprechend anzupassen, die Milch sortenrein verarbeiten. Für Milch unter dem Standard QM++ habe die Molkerei genügend andere Vermarktungsmöglichkeiten.
Womit man schon bei den Erzeugerpreisen wäre. Die Hohenloher Molkerei zahlte in den vergangenen Jahren deutlich über dem Bundesdurchschnitt, 2022 waren es bis zu 59,14 Cent je Kilogramm. Boschet glaubt, dass die Auditierung der Molkerei neue Chancen eröffnet, um auch künftig gute Preise zahlen zu können. "Tierwohl ist in Deutschland ein gesellschaftliches Thema und der Lebensmitteleinzelhandel reagiert darauf", sagt er. Indem sich die Molkerei darauf einstelle, bleibe sie im Geschäft.
Und die Landwirte, die ihre Ställe umbauen müssen, wenn sie keine Preisabschläge hinnehmen wollen? "Viele sehen jetzt, dass es oft gar nicht so schwierig ist, die Anforderungen zu erfüllen. Bauern sind Praktiker, sie finden Lösungen, das machen sie jeden Tag", glaubt Boschet. Nötig sind unter anderem Laufboxen und eine Öffnung der Stallwand. Es zeige sich aber auch: wer in der Vergangenheit in den Hof investiert hat, profitiere jetzt. Wer nicht investiert hat, tue sich schwer.



