Landwirtschaft

Wie Aldi den Bauern den Stall vorschreibt

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Kühe in Anbindehaltung: vom Gesetzgeber zwar erlaubt, vom Lebensmitteleinzelhandel aber nicht mehr akzeptiert.
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Mit seiner Marktmacht zwingt der Lebensmittel-Discounter Aldi Landwirte zum Aufgeben der Anbindehaltung. Die Milchproduktion verschiebt sich nach Norden.

Ellwangen. Die Anbindehaltung von Rindern und Kühen im Ostalbkreis wird wohl abgeschafft, ganz ohne politischen Zwang. Geschafft hat diese Haltungsänderung, die vor allem kleinen und Nebenerwerbslandwirten teure Stallumbauten aufzwingt, letztlich der Discounter Aldi. Der Konzern hat mitgeteilt, dass er sein Angebot an Trinkmilch komplett auf die Qualitätsstufe QM++ umstellen will.

QM ist ein Qualitätsmanagementsystem für Milch, das seit 2011 der Verein QM Milch vergibt. 90 Prozent der deutschen milcherzeugenden Betriebe sind zertifiziert. 2022 wurden die Zusatzmodule QM+ und QM++ analog zu den Tierwohl-Haltungsstufen 2 und 3 eingeführt. In diesen Zusatzmodulen ist Anbindehaltung ausgeschlossen. Die nicht dafür qualifizierten Betriebe finden sich vor allem im Süden.

Anbindehaltung, in unserer Region Standard noch bis weit in die 1990-er Jahre, haben im Ostalbkreis noch circa zehn Prozent der Milcherzeuger, vor allem Kleinbetriebe und Nebenerwerbslandwirte. Ihre Tiere sind in der Regel im Sommer auf der Weide und stehen im Winter angebunden im Stall. Die Besitzer müssen für QM++ ihre Ställe umbauen und unter anderem Boxen schaffen, in denen die Kühe frei laufen können. In der Regel wird auch ein neues Melksystem nötig. Wer diese Investition nicht tätigt, ist bei den Milchwerken, die Trinkmilch produzieren, künftig außen vor und muss schauen, wohin sie noch liefern können. Betriebsaufgaben sind programmiert.

Bei der Rinderfachtagung äußerten am Dienstag (28.11.) Landwirte ihren Unmut über diese Art der Bevormundung. Denn die Politik erlaubt in Deutschland die Anbindehaltung nach wie vor, solange sie das Tierwohl nicht beeinträchtigt, also keine körperlichen Schmerzen und seelischen Schäden verursacht. "Wo bleibt hier eigentlich das Bundeskartellamt", rief ein junger Landwirt.

Aldi setzt die Trends

"Es ist kein Geheimnis, dass Aldi, der führende Discounter, den gesamten Lebensmittel-Einzelhandel vor sich hertreibt", sagte Richard Riester von der Landesanstalt für Landwirtschaft, Ernährung und Ländlichen Raum (LEL) Schwäbisch Gmünd. So zwinge der Discounter auch die Molkereien, den Schritt zum QM++ mitzugehen. Besonders verärgert die Bauern, dass Aldi den hohen Tierwohl-Standard den Verbrauchern ohne preisliche Aufschläge verspricht. Damit sei klar, dass hier ein neuer Standard formuliert wird, den die Erzeuger finanzieren müssen.

Im Ostalbkreis ist die Hohenloher Molkerei (Schwäbisch Hall) wichtigster Milchverarbeiter. Jeden Tag holt die Molkerei an den Höfen 1,14 Millionen Liter ab und vermarktet sie überwiegend als Trinkmilch an den Lebensmittel-Einzelhandel. Ab 1. Januar wird Milch der unterschiedlichen Qualitätsstufen von derHohenloher Molkerei getrennt erfasst. Wie lange das Unternehmen diesen zusätzlichen Aufwand treiben kann, ist ungewiss.

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Es zeichnet sich ab, dass Milchbauern, die den höheren Standard nicht bieten können, bald andere Abnehmer suchen müssen. Zum Beispiel die Milchwerke Crailsheim/Dinkelsbühl, die täglich 400.000 Liter Milch erfassen und zu Käse (Balkankäse, Grillkäse, unter anderem der Marke Gazi) verarbeiten. Dort sei QM aktuell kein Thema. "Das interessiert im ethnischen Markt niemand", meinte deren Geschäftsführer Josef Vögele. Dass Landwirte nun im größeren Stil von der Hohenloher zur Crailsheimer Molkerei wechseln, ist aber unwahrscheinlich.

Streuobstwiesen sind wertvoll für die Natur, doch wer soll sie künftig noch pflegen, wenn die Kleinbauern aufhören?

Zum einen wird Crailsheim seine Produktion nicht wesentlich ausweiten können, zum anderen verursacht die Abholung gerade vieler kleiner Milchmengen erhebliche Kosten. Kleinere Milcherfasser wie etwa die Dorfkäserei von Hannes Gall in Geifertshofen setzen ohnehin auf Bio- oder Premiumqualität.

Folgen für die Landschaftspflege

Noch gar nicht absehbar sind die Folgen für die Landschaftspflege. Denn es sind eben vor allem die Kleinlandwirte, die ungünstige Flächen, Hanglagen, Obstbaumwiesen aktuell noch bewirtschaften und so für den Erhalt der Kulturlandschaft sorgen.

Beim Amt für Landwirtschaft und beim Landschaftserhaltungsverband hofft man, dass die betroffenen Betriebe nicht komplett aufhören sondern nur die Milcherzeugung aufgeben und ihren Betrieb umstellen, zum Beispiel auf Mutterkuhhaltung und Fleischproduktion.

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