Bürokratie und Kontrollen: Was Landwirte in die Verzweiflung treibt

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Die Muttersauen im "Liegekessel": Die Haltungsbedingungen und die Tiergesundheit werden kontrolliert vom Landwirtschafts- und Veterinäramt.
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Wer Ackerbau und Viehhaltung betreibt, braucht Adnova, Fiona, Hit und vor allem gute Nerven. Andreas und Alois Brenner haben alles. Der sechste Teil unserer Bürokratieserie.

Ellwangen-Engelhardsweiler. Die Landwirte beklagen seit Jahren schon wuchernde Bürokratie. Immer mehr Stunden müsse der Betriebsleiter vor dem Computer verbringen, wertvolle Zeit, die ihm auf dem Feld und im Stall fehlt. Was genau da alles gemeldet und dokumentiert werden muss, erklären Andreas, Alois und Ingrid Brenner vom Lautenhof, ein Biolandbetrieb mit Schweinehaltung, den wir ein Jahr lang begleiten.

Die Nutztierhaltung gehört in Deutschland zu den am besten kontrollierten Branchen, was damit zusammenhängt, dass der Gesetzgeber den Verbraucherschutz insgesamt sehr wichtig nimmt. Seit 1994 hat zudem der Umweltschutz und seit 2002 der Tierschutz Verfassungsrang. Und da auch die EU unter dem Stichwort "Greening"entsprechende Ziele formuliert hat, die in nationales Recht überführt werden, wuchern die Dokumentationspflichten auf den Höfen.

Ingrid Brenner ist für die Buchhaltung auf dem Lautenhof zuständig. Ohne Computer geht da längst nichts mehr. Sie muss knapp ein Dutzend Programme und Datenbanken bedienen können.

Bürokratie im Stall

Jedes Schwein, das auf den Hof kommt (Geburt oder Kauf) und ihn verlässt (Schlachtung oder Verkauf), muss im hofinternen Bestandsregister aufgezeichnet werden. Zusätzlich ist die Registrierung in der Tierhalterdatenbank HIT vorgeschrieben. Analog muss jedes Tier eine Ohrmarke tragen, Ferkel müssen in den ersten drei Wochen markiert werden. Verlässt ein Schwein den Hof, ist es nachverfolgbar bis in die Fleischtheke, so das Versprechen an den Verbraucher.

Die Pflege der Tiere wie der Datenbank ist nicht ganz harmlos: Computer stürzen ab, Ohrmarken werden abgerissen, Ferkel sterben vorzeitig oder werden krank. Wenn der Tierarzt kommt und kranke Tiere behandelt, ist die nächste Dokumentation fällig: Tag, Tier, Menge, Person werden festgehalten, Antibiotika in einer eigenen Datenbank. Erlaubt ist nur, was vom Biolandverband freigegeben ist. Bei jeder Behandlung gibt es einen Behandlungs- und Abgabebeleg. Kurios: Sind über einen längeren Zeitraum keine Medikamente nötig, muss trotzdem gemeldet werden, eine "Nullmeldung".

Im Ferkelstall toben sich die "Halbstarken" aus. Jedes Tier ist mit Ohrmarke und in der Datenbank "HIT" registriert.

Bürokratie in der Scheune

Der Landwirt muss über die Warenströme in seinem Betrieb genau Buch führen. Futter, Kraftfutter, Stroh und Einstreu, alles muss für die Steuerprüfung mit Belegen und Rechnungen abgeheftet und in der Adnova-Datenbank hinterlegt werden. Auf dem Biohof prüft zusätzlich noch Bioland, dass die Vorgaben eingehalten werden, mit denen Bioland seine Produkte vermarktet. Wird Futter für die Schweine zugekauft, muss es beispielsweise vom Biolandbauern kommen.

Bürokratie auf dem Feld

"Fiona" nennt sich die Datenbank des Amts für Landwirtschaft, die mit einem Geoinformationssystem hinterlegt ist. Quadratmetergenau sind die Flächen des Lautenhof in der Schlagkartei erfasst mit Angabe der Kulturen, Zwischenfrüchte, Stilllegung, Begrünung. Will der Landwirt düngen, muss er erst den Bedarf nachweisen. Der Stickstoff- und Phosphorbedarf muss errechnet werden anhand der Gaben vom Vorjahr und der geernteten Mengen. Pflicht sind zusätzlich Bodenproben und Analysen in regelmäßigen Intervallen.

Und alles wird kontrolliert

Das alles wird kontrolliert, und zwar sehr genau. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, schließlich fließen öffentliche Gelder. Allerdings kosten auch die Kontrollen wertvolle Zeit und manche könnte man sich sparen. "Als Biolandbetrieb müssen wir strengere Standards erfüllen als konventionell wirtschaftende Betriebe. Trotzdem kommt neben dem Biolandkontrolleur auch noch der staatliche für das QS-Kennzeichen", sagt Alois Brenner. Zudem mache der Ton die Musik. Kontrolleure, die mit der Absicht auf den Hof kommen, einen Schwindel aufzudecken, seien eben schwer auszuhalten.

Überwacht künftig der Satellit?

Besonders die Kontrollen auf dem Feld sind aufwendig und zeitraubend. Deshalb sollen sie künftig ein Stück weit automatisiert werden: Ein Satellit fotografiert das Feld und erkennt, was dort wächst. Bei Unklarheiten kommt eine Reklamation und der Landwirt muss mit dem Handy geolokalisierte Fotos aufnehmen und hochladen.

Die Bauern vom Lautenhof sind grundsätzlich für Kontrollen, weil sie den Labels und Kennzeichen erst einen Wert geben. Eine Erleichterung wäre es jedoch, wenn doppelte Kontrollen und Datenerhebungen entfallen würden.

Alle Artikel zur Serie finden Sie auf unserer Bürokratie-Themen-Seite.

Warum "bio" nicht gleich "bio" ist

In Deutschland gibt es über 100 unterschiedliche Bio-Labels und Öko-Siegel. Vorgeschrieben ist für alle verpackten biologischen oder ökologischen Produkte das EU-Bio-Zeichen mit der Kontrollnummer „DE-Öko-007...“, das vergeben wird, wenn im Stall und auf dem Feld die EU-Vorgaben eingehalten werden. Verbände wie Naturland, Demeter, Bioland und andere haben jedoch strengere Richtlinien, weshalb sie ihre Produkte zusätzlich mit eigenen Logos kennzeichnen.

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