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Mit über 5.000 Briefen protestiert der Betriebsrat des Motorenbauers Rolls-Royce Power Systems gegen einen Bundeswehr-Beschluss. Auch andere Unternehmen in Baden-Württemberg sind davon betroffen.
Stuttgart/Friedrichshafen - In Baden-Württemberg hat mit dem „tödlichsten Unternehmen Europas“, Heckler & Koch, der wichtigste Hersteller von Handfeuerwaffen seinen Sitz. Motoren und andere Komponenten für Militärfahrzeuge werden aber ebenfalls im Bundesland gefertigt. Der Motorenbauer Rolls-Royce Power Systems (RRPS) mit Sitz in Friedrichshafen (Bodenseekreis) produziert unter anderem Panzermotoren. Unternehmen wie Daimler Truck oder die Zulieferer ZF und Mahle stellen Komponenten für die Rüstungsindustrie her. Genau das könnte nun zum Problem werden.
Die zehn größten Unternehmen aus Baden-Württemberg




Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (faz) vor einigen Tagen berichtete, will der Bund einen Auftrag für den Nachfolger des Transportpanzers „Fuchs“ nach Möglichkeit an den finnischen Rüstungskonzern Patria Oyj vergeben. Bislang wird dieses Fahrzeug vom Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall gefertigt; die Motoren stammen von Rolls-Royce Power Systems, die Schaltgetriebe von der ZF Friedrichshafen, die Achsen von Daimler Truck und die Kühlanlagen von Mahle. Betriebsrat und Mitarbeiter der Unternehmen wollen den Bund deshalb zum Umdenken bewegen.
Rolls-Royce Power Systems-Betriebsrat will Kanzler Scholz mit Briefaktion zum Umdenken bewegen
Der Transportpanzer „Fuchs“ der Bundeswehr wird seit Anfang der 1960er Jahre entwickelt und hatte bereits früh deutliche Beziehungen zur Industrie in Baden-Württemberg. Der Autobauer Daimler-Benz, heute Mercedes-Benz, erhielt beispielsweise den Auftrag für eine erste Erprobung des Fahrzeugs. Mit dem geplanten Switch von Rheinmetall zu Patria als Hersteller der nächsten Generation des Transportpanzers würden aber einige der größten Konzerne des Bundeslandes Aufträge verlieren. Der Betriebsrat des Motorenbauers Rolls-Royce Power Systems will Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) mit mehr als 5.000 Briefen zum Umdenken bewegen, an denen sich auch Mitarbeiter der anderen genannten Unternehmen beteiligten.
Wie die faz berichtete, sei der Wortlaut der Briefe an den Kanzler, die zum Zeitpunkt des Artikels noch nicht abgeschickt waren, mehr als deutlich. Der Bund würde beabsichtigen, „den seit vier Jahrzehnten in der Nutzung befindlichen, verlässlichen Fuchs durch ein in sämtlichen, relevanten Kategorien minderwertiges Fahrzeug aus Finnland zu ersetzen“, heißt es darin. Wie die Schwäbische aktuell berichtet, seien die insgesamt 5.800 Briefe, in denen plädiert wird, bei der Panzer-Technik auch in Zukunft auf made in Germany zu setzen, inzwischen beim Bundeskanzleramt in Berlin eingetroffen.
Auch „Auswirkungen auf Arbeitsplätze und Umsatz“ bei der ZF Friedrichshafen möglich
Im Falle einer Entscheidung für Patria soll der Nachfolger des „Fuchs“ offenbar auf dem Mannschaftstransportwagen 6x6 der Finnen basieren und mit einem Motor von Scania aus Schweden angetrieben werden. Dem Bericht der Schwäbischen zufolge gehe RRPS-Betriebsratschef Thomas Bittelmeyer davon aus, dass eine Vorentscheidung längst gefallen sei. „Wir beschaffen Material für unsere Bundeswehr im Ausland? Das darf nicht sein“, kritisierte er. Die Briefaktion an Bundeskanzler Scholz kommt – mit Rückendeckung des Vorstands – federführend von Bittelmeyer, Mitarbeiter der ZF Friedrichshafen haben sich aber ebenfalls daran beteiligt.
„Würde sich Deutschland vom Fuchs abwenden, gäbe es auch keine Exportaufträge mehr und viele Arbeitsplätze im deutschen wehr- und maschinenbautechnischen Mittelstand wären akut gefährdet“, zitiert die Zeitung eine Passage aus einem der Briefe, die alle einen identischen Wortlaut haben. Allein bei Rolls-Royce Power Systems hängen 100 Arbeitsplätze am „Fuchs“ und die ZF nannte „Auswirkungen auf Arbeitsplätze und Umsatz im Geschäftsfeld Verteidigungstechnik“, gab aber keine konkreten Zahlen an. Eine offizielle Entscheidung für den Nachfolger des Transportpanzers „Fuchs“ steht weiterhin aus.
BW24 hatte bereits über das „Sturmgewehr-Debakel“ bei der Bundeswehr berichtet, bei dem der Großauftrag für die Standardsturmgewehre ursprünglich an Haenel aus Thüringen vergeben werden sollte. Letztendlich ging er aber doch wieder an die Waffenschmiede Heckler & Koch, die das G36 seit 1959 herstellt.
Rubriklistenbild: © Robert Hack/Rolls-Royce Power Systems


