VonJulian Baumannschließen
In Baden-Württemberg gibt es mehrere Rüstungsunternehmen, darunter laut Kritikern auch „Europas tödlichstes Unternehmen“.
Oberndorf am Neckar - Neben Großkonzernen wie Airbus, Rheinmetall oder Thyssenkrupp, gibt es auch in Baden-Württemberg einige namhafte Unternehmen der Rüstungsindustrie. Diehl Defence mit Sitz in Überlingen am Bodensee hat jüngst von der Bundesregierung die Freigabe für Waffenlieferungen an Saudi-Arabien erhalten. Rolls-Royce Power Systems baut unter anderem Großmotoren für Panzer und Kriegsschiffe. Das „tödlichste Unternehmen Deutschlands“ oder „Europas tödlichstes Unternehmen“, wie es ein Rüstungsgegner basierend auf umfangreichen Recherchen nennt, hat seinen Sitz ebenfalls in Baden-Württemberg und gerät seit Jahren immer wieder in die Kritik.
Das Unternehmen Heckler & Koch mit Sitz in Oberndorf am Neckar im Kreis Rottweil gilt als wichtigster Waffenhersteller der Bundesrepublik. Die Firma beliefert sowohl die Bundeswehr und weitere Armeen von NATO-Staaten als auch zahlreiche Polizeien und andere Sicherheitskräfte. Heckler & Koch hatte zuletzt aufgrund des Ukraine-Krieges einen Aufschwung erlebt. Den inoffiziellen Beinamen „tödlichstes Unternehmen Deutschlands“ verdankt die schwäbische Waffenschmiede dem Freiburger Rüstungsgegner und Friedensaktivisten Jürgen Grässlin.
Heckler & Koch wird von Rüstungsgegner als „Europas tödlichstes Unternehmen“ bezeichnet
Heckler & Koch produziert in Oberndorf am Neckar ein breites Sortiment aus Handfeuerwaffen und Infanteriegeschütz, darunter das Standardsturmgewehr G36 der Bundeswehr und alle aktuellen Dienstwaffen der deutschen Polizei. Die Waffen von HK werden in 88 Länder importiert. Besondere Kritik muss das Unternehmen seit den 1980er Jahren aber immer wieder einstecken, weil die Produkte in Ländern und Staaten auftauchen, gegen die eigentlich ein Embargo besteht. Im Jahr 2012 hatte der Spiegel darüber berichtet, dass Friedensaktivisten unter Leitung von Jürgen Grässlin die HK-Fabrik in Oberndorf am Neckar, der „Stadt der Waffen“, symbolisch einbetonieren wollten.
| Name | Heckler & Koch AG |
|---|---|
| Gründung | 29. Dezember 1949 |
| Sitz | Oberndorf am Neckar, Baden-Württemberg |
| Branche | Rüstungsindustrie |
| Produkte (Auswahl) | G36, P10, P30, MP5 |
| Mitarbeiter | 1.042 |
| Umsatz | 305 Millionen Euro (2022) |
Der in Lörrach geborene Rüstungsgegner engagiert sich bereits seit 1983 gegen Waffentransfers von Heckler & Koch und hatte den Terminus „Europas tödlichstes Unternehmen“ geprägt. Im Jahr 2010 stellte er gegen den schwäbischen Waffenproduzenten eine Strafanzeige. Das Unternehmen soll Sturmgewehre des Typs G36 in die Unruheprovinzen Chiapas, Chihuahua, Guerrero und Jalisco in Mexiko geliefert haben, was die Rüstungsexportrichtlinien der Bundesregierung untersagen. Heckler & Koch selbst hatte diese Lieferungen im Jahr 2013 laut der Wochenzeitung der Freitag zugegeben. Das Oberlandesgericht Stuttgart verurteilte das Unternehmen im Jahr 2019 zu einer Strafzahlung von 3,7 Millionen Euro.
Waffenschmiede Heckler & Koch bemüht sich in jüngerer Zeit um einen Imagewandel
Die Behauptung, Heckler & Koch sei „Europas tödlichstes Unternehmen“, untermauerte Jürgen Grässlin im Laufe der Jahre mit detaillierten Recherchen, die er mitunter in Buchform publizierte. Demnach würden 95 von 100 Opfern von innerstaatlichen Konflikten auf das Konto von Herstellern von Handfeuerwaffen gehen. Allein die Waffen aus Oberndorf am Neckar würden täglich rund 100 Menschen das Leben kosten. „Heckler & Koch ist das tödlichste Unternehmen in der Historie der Bundesrepublik Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg“, hatte Grässlin laut dem Deutschlandfunk erklärt.
Laut seinen Recherchen hätten Heckler & Koch und die Lizenznehmer mehr als zwei Millionen Tote zu verantworten. Einer anderen Angabe Grässlins zufolge sei das G3 und sein Ableger HK33 in vielen Konflikten die häufigste Schusswaffe nach dem AK47. Statistisch gesehen werde alle 14 Minuten ein Mensch mit einer Waffe von Heckler & Koch getötet. Die Waffenschmiede selbst hatte die Anschuldigung als nicht überprüfbar zurückgewiesen und darauf verwiesen, dass Zahlen darüber, wie viele Menschen durch die Waffen beschützt und gerettet würden, ebenso nicht nachgewiesen werden könnten.
Anmerkung der Redaktion: Dieser Text ist bereits in der Vergangenheit erschienen. Er hat viele Leserinnen und Leser besonders interessiert. Deshalb bieten wir ihn erneut an.
In jüngerer Vergangenheit ist Heckler & Koch bemüht, das Image aufzupolieren. Auf der Website des Unternehmens wird beispielsweise betont, dass die Produkte dem Schutz der NATO-Staaten und der EU dienen. „Wir rüsten Sicherheitskräfte aus, die unseren Frieden und unsere Demokratie schützen“, wird CEO Jens Bodo Koch zitiert. So ganz wird dem Unternehmen der Imagewandel aber nicht abgenommen. Als Heckler & Koch im Jahr 2021 15.000 Euro für die Flutopfer spenden wollte, lehnte eine Hilfsorganisation die Spende aufgrund von „ethischen Bedenken“ ab.
Rubriklistenbild: © IMAGO / sepp spiegl


