Die letzte Jüdin in Ellwangen

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Der Kalte Markt war der wichtigste Viehmarkt, vielleicht sogar Existenzgrundlage für die jüdischen Viehhändler in der Stadt. Als ihnen die Teilnahme an den Viehmärkten untersagt wurde, kam das einem Berufsverbot gleich.
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Das Schicksal von Rosa Heinrich, die den Holocaust überlebte aber Heimat und Besitz aufgeben musste. Teil 3 der Stolperstein-Serie.

Ellwangen. Zehn Stolpersteine werden am Pfingstmontag in Ellwangen verlegt, eine Erinnerung an die Opfer der NS-Diktatur. Was Menschen erleiden mussten, die unter dem Nationalsozialismus verfolgt wurden, aus ganz unterschiedlichen Gründen, ist sehr verschieden. Viel zu viele verloren ihr Leben, manche verloren nur ihr gutes Ansehen, ihre gesellschaftliche Stellung. Rosa Heinrich, geborene Engländer, war Jüdin, die letzte, die Ellwangen verließ, weil es in Deutschland zu gefährlich wurde, weil ihr Leben in Gefahr war.

Barbara Drasch von der Stolpersteininitiative hat das Leben und Schicksal von Rosa Heinrich erforscht und hat dafür Quellen im Stadtarchiv, im Staatsarchiv Ludwigsburg und in Privatarchiven studiert. Geboren wurde Rosa Heinrich am 23. Oktober 1869 als ältestes von fünf Kindern in Hainsfarth/Bayern. 1893 heiratete sie dort den Viehhändler Salomon Heinrich. Die beiden übersiedelte nach Ellwangen, wo zwischen 1894 und 1908 ihre vier Kinder Julius, Selma, Max und Lore geboren wurden. Die Familie wohnte im Sebastiansgraben 27, wo sie ein Haus mit Scheuer und Stall hatten. Zum Anwesen gehörten ein Gemüsegarten, Baumgärten in den Sandäckern sowie Wiesen im Mittelhoffeld.     

Salomon Heinrich starb 1918 und wurde auf dem Ellwanger Judenfriedhof begraben. Rosa musste sich und die jüngste, erst zehnjährige Tochter Lore alleine versorgen, was durch die sich zuspitzende Verfolgung durch das NS-Regime zunehmend schwierig wurde. Vor 1933 war die Familie gesellschaftlich angesehen. Doch seit der Machtübernahme Hitlers wurde es für jüdische Geschäftsleute immer schwieriger, ihrer Arbeit nachzugehen. Weil auch die Kunden von Juden in antijüdische Hetze einbezogen wurden, waren die Mitglieder der jüdischen Gemeinden zunehmend isoliert. Nach der Reichspogromnacht (9. November 1938) wurden Juden durch den willkürlichen Erlass der „Judenvermögensabgabe“ vom Staat ganz offen "abkassiert". Rosa Heinrich sollte 5 400 Reichsmark bezahlen. Das Geld hatte sie nicht, sie war gezwungen ihren gesamten Grundbesitz weit unter Wert an die Stadt Ellwangen zu verkaufen. Noch im selben Jahr verließ sie die Stadt und zog nach Plauen zu ihrem Sohn Max und plante dort ihre Flucht.

Über Rotterdam (laut Schiffskarte Abfahrt am 15. August 1939) erreichten Rosa und Max Heinrich am 26. August 1939 New York. Im Großraum Chicago fanden sie ein sicheres Zuhause. Rosas Tochter Lore war bereits am 1. Oktober 1938 über Southhampton nach New York ausgereist.                     

Rosa Heinrich überlebte mit ihren Kindern Max, Lore und Tochter Selma, welche sich mit Mann und Kindern in Brasilien in Sicherheit bringen konnte, den Holocaust. Ihre beiden Brüdern Jakob und Hugo Engländer wurden beide 1942 in Auschwitz ermordet. Rosa Heinrich starb mit 79 Jahren am 7.12.1948 in Elgin/USA.

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Die Erben von rosa Heinrich, Selma, Max und Lore, erhielten 1965 nach langjährigen juristischen Auseinandersetzungen vom Landesamt für Wiedergutmachung Baden-Württemberg "wegen Schadens an Eigentum und durch Zahlung von Sonderabgaben, Geldstrafen, Bußen und Kosten" eine Entschädigung in Höhe von 1350 DM, welche nach einem späteren Vergleich auf 3600 DM erhöht wurde.

Blick auf den Sebastiansgraben, wo die Familie Heinrich wohnte.
Postkarte von Ellwangen 1938.
Ellwangen um 1938.

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