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Laut einer Umfrage bewerten viele Familienunternehmen aus Baden-Württemberg den Standort Deutschland als Nachteil und richten sich deshalb immer mehr auf das Ausland aus.
Stuttgart - Laut einer aktuellen Umfrage der Stiftung Familienunternehmen bewerten mehr als 60 Prozent der deutschen familiengeführten Firmen den Wirtschaftsstandort Deutschland mit den Schulnoten 4, 5 oder sogar 6. Die in München ansässige und in Stuttgart eingetragene Lobbyorganisation hat für die Umfrage 1.200 deutsche Familienunternehmen nach ihrer Bewertung von Deutschland als Investitionsstandort befragt und kommt zu einem verheerenden Ergebnis. „Die Daten zeigen: Die Bürokratie treibt die Familienunternehmen ins Ausland“, macht Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung, laut einer Mitteilung deutlich. „Ihnen kommt das Vertrauen in den Standort gerade abhanden.“
Als einer der wirtschaftsstärksten Standorte Deutschlands sind viele Familienunternehmen in Baden-Württemberg ansässig. Neben den sieben größten Familienunternehmen in Baden-Württemberg gibt es viele starke Mittelständler, die aktuell ebenfalls mit hohen Kosten und der Inflation zu kämpfen haben und sich deshalb immer mehr dem Ausland zuwenden. Gerade Bulgarien wird für Unternehmen aus Baden-Württemberg immer lukrativer. Dass Deutschland für die traditionsreichen Unternehmen im Südwesten immer mehr zum Standortnachteil wird, ist allerdings nicht gänzlich neu.
Hohe Kosten und Fachkräftemangel in Deutschland: Unternehmen wenden sich europäischem Ausland zu
In der Autoindustrie, speziell bei den großen Zulieferern, lässt sich eine Verlagerung von Produktionsschritten oder gleich eine Neuansiedlung von Zukunftstechnologien im europäischen Ausland seit einiger Zeit feststellen. Die IG Metall sorgt sich deshalb um den Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg und rief zum Handeln auf. Gründe für die Verlagerung sind zum einen die hohen Kosten für Energie, Rohstoffe und Personal und zum anderen auch der Fachkräftemangel. Deutschland sei inzwischen sogar „teurer als die Schweiz“, hatte Stihl-Beiratschef Nikolas Stihl bereits erklärt. Der Traditionshersteller aus Waiblingen will dennoch am Standort festhalten.
Die Gründe für eine Auslandsverlagerung sind aus wirtschaftlicher Sicht aber auch für Stihl nachvollziehbar. „Da bedarf es schon einer sehr engen Bindung eines Familienunternehmens wie Stihl, dass überhaupt noch hier investiert wird“, hatte Stihl-CEO Michael Traub kürzlich dem Handelsblatt gesagt. In der Mitteilung zur Umfrage der Stiftung Familienunternehmen wird unter anderem Matthias Lapp, Chef des Stuttgarter Kabelkonzerns Lapp zitiert. „In Ludwigsburg tätigen wir gerade die größte Investition der Unternehmensgeschichte“, erklärte er. Der Stuttgarter Kabelkonzern transferiert sein Logistikzentrum aktuell nach Ludwigsburg und baut den dortigen Standort massiv aus.
Familienunternehmen zieht es nach Polen, Indien, China und in die USA – laut Umfrage
Sowohl Gerätehersteller Stihl, der aktuell ein eigenes Werk für Elektromotoren am Hauptsitz in Waiblingen hochzieht, als auch Lapp mit der Investition in Ludwigsburg, halten demnach weiter am Standort Baden-Württemberg fest. Angesichts der stark gestiegenen Kosten und dem massiven Fachkräftemangel ist das aber nur eine Frage der Zeit. „In der Familie sind wir uns einig: Sollten sich die Rahmenbedingungen hier nicht ändern, wird das unsere letzte große Investition in Deutschland gewesen sein“, macht Matthias Lapp deutlich. Auch Ventilatoren-Spezialist EBM-Papst setzt aufgrund des Fachkräftemangels zunehmend auf Nachwuchskräfte aus dem Ausland.
Zudem wird auch der Umstand, dass es in Baden-Württemberg an freien Gewebeflächen mangelt, als Standortnachteil gesehen. „Das einstige Wirtschaftsvorzeigeland Baden-Württemberg wird abgehängt“, sagte FDP-Politiker Erik Schweickert und erklärte, dass dringend gehandelt werden müsse, ansonsten würde das nächste Tesla oder Intel woanders hingehen. Laut den Ergebnissen der Umfrage der Stiftung Familienunternehmen stehen bei den deutschen Familienunternehmen in den nächsten fünf Jahren vor allem die Länder Polen, Indien, China und USA ganz oben. Als Grund nennen die Firmen zum einen die „Erschließung neuer Märkte“, zum anderen aber auch „weniger staatliche Regulierungen“.
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