Verlagerung ins Ausland

Würth, Kaufland und Co.: Warum es Unternehmen aus Baden-Württemberg nach Bulgarien zieht

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Große Firmen aus Baden-Württemberg siedeln sich zunehmend in Bulgarien an. Was für das europäische Land von Vorteil ist, schadet der heimischen Wirtschaft.

Stuttgart/Sofia - Im Zuge des Ukraine-Krieges sind die Kosten für Rohstoffe, Personal und Energie ins Unermessliche gestiegen. In Deutschland ist der hohe Kostendruck ganz besonders zu spüren, laut Stihl-Beiratschef Nikolas Stihl ist die Bundesrepublik inzwischen „teurer als die Schweiz“. Das macht sich auch in der Wirtschaft in Baden-Württemberg zunehmend bemerkbar, da Unternehmen aus Kostengründen ganze Produktionsschritte ins europäische Ausland verlagern oder Zukunftstechnologien gleich dort ansiedeln. Der IG Metall-Gesamtchef hatte bereits deutlich vor einer solchen Auslandverlagerung gewarnt, da das natürlich auch die Arbeitsplätze betrifft.

Ein begehrtes Ziel für die Neuansiedlungen der Unternehmen aus Baden-Württemberg ist vor allem Osteuropa. Autozulieferer ZF Friedrichshafen hat beispielsweise mit der Produktion von Komponenten für E-Autos in Serbien begonnen und Eberspächer baut eine neue Fabrik für E-Auto-Heizungen in Bulgarien. Der Esslinger Traditionshersteller ist allerdings nicht das einzige Unternehmen aus Baden-Württemberg, das sich in jüngerer Zeit in Bulgarien angesiedelt hat.

Unternehmen aus Baden-Württemberg siedeln sich in Bulgarien an – niedrige Löhne und Steuern

Die IG Metall kämpft aktuell um den Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg und vor allem um die Arbeitsplätze. Da durch die Inflation die Personalkosten deutlich angestiegen sind, bauen aktuell aber einige Firmen entweder Stellen ab, oder verlagern sie ins Ausland. Batteriekonzern Varta hat nach BW24-Information den geplanten Stellenabbau abgeschlossen, will aber weitere 150 Vollzeitstellen ins Ausland verlagern. Gerade Bulgarien kommt mit den niedrigsten Löhnen und Steuern in Europa für eine Verlagerung oder Neuansiedlung besonders infrage, zumal das europäische Land aktiv um solche Ansiedlungen wirbt.

Ansiedlungen deutscher Unternehmen in der „Trakia Economic Zone“ in Plovdiv (Auswahl):

Unternehmen Branche Stadt (Hauptsitz) Bundesland
Würth Electronics Elektroindustrie Künzelsau Baden-Württemberg
Osram Halbleiterhersteller München Bayern
Liebherr Maschinenbau Bulle/Kirchdorf an der Illner Schweiz/Baden-Württemberg
DB Schenker Logistik Essen Nordrhein-Westfalen
Intrama Verpackungsindustrie Bremen Bremen
Winterhalter Gewerbliche Spüllösungen Meckenbeuren Baden-Württemberg
Kaufland Einzelhandel Neckarsulm Baden-Württemberg
Mecalit Kunststoffverarbeitung LichtenauBaden-Württemberg
Willi Elbe Automotive Automobilindustrie Rippershausen Thüringen
Spinner Elektroindustrie München Bayern

(Quelle: industrial-zones.com)

In Plovdiv, der nach der Hauptstadt Sofia zweitgrößten Stadt Bulgariens, wurde die sogenannte „Trakia Economic Zone“ errichtet. Das Industriegebiet mit einer Fläche von über 10.500 Quadratkilometern ist eines der größten Wirtschaftsprojekte des Landes und konnte bereits mehrere große Unternehmen anlocken. Darunter beispielsweise den Vollsortimenter Kaufland, den Schraubengiganten Würth und auch das Familienunternehmen Liebherr, das seinen Sitz inzwischen zwar in der Schweiz hat, allerdings in Kirchdorf an der Iller in Baden-Württemberg gegründet wurde. In Sofia, das sich immer mehr zum Hightech-Standort entwickelt, haben beispielsweise auch Bosch und Festo mit Hauptsitz in Esslingen große Standorte.

Kaufland ist nur eines vieler Unternehmen aus Baden-Württemberg, die sich inzwischen in Bulgarien ansiedeln. (Symbolfoto)

Geringe Löhne und niedrige Steuern sind allerdings nicht die einzigen Kriterien, die für Bulgarien sprechen. Bereits im Rahmen der Corona-Pandemie und erneut durch den Ukraine-Krieg hatten die Unternehmen aus Baden-Württemberg mit unterbrochenen Lieferketten und stark gestiegenen Rohstoffpreisen zu kämpfen. Weil die Lieferungen aus Russland aufgrund der Sanktionen eingestellt und solche aus der Ukraine aufgrund der Kampfhandlungen schwer zu bekommen sind, wird Bulgarien immer mehr zur Drehscheibe Europas und punktet dabei auch mit einer guten Verkehrslage. Laut dem Handelsblatt sind es von Plovdiv per Lastwagen rund 400 Kilometer in die türkische Metropole Istanbul und etwa 300 an den griechischen Hafen Thessaloniki.

Bulgarien profitiert von Ansiedlungen, die eigene Wirtschaft nicht

Für die europäische Wirtschaft ist der Umstand, dass sich die global aktiven Unternehmen aus Baden-Württemberg statt nach China oder Taiwan zunehmend wieder auf das europäische Nachbarland fokussieren, eine gute Nachricht. Für die eigene Wirtschaft dagegen weniger, da der Fachkräftemangel durch Auslandsverlagerungen – inklusive der Arbeitsplätze – noch weiter verschärft wird, obwohl die Unternehmen in Baden-Württemberg ohnehin bereits mit weniger Personal planen.

Baden-Württemberg bemängelt bereits seit langem, dass das wirtschaftsstarke Bundesland gegenüber anderen Regionen in Europa benachteiligt werde. „Das gefährdet unser Innovationscluster, einschließlich der Arbeitsplätze“, hieß es in einem „Impulspapier“ von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU).

Rubriklistenbild: © Ralf Rottmann/Imago

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