VonJulian Baumannschließen
In Deutschland sind noch einige imposante Burgen erhalten, die älteste noch bewohnte steht jedoch in Baden-Württemberg. Direkt am Ufer des Bodensees.
Stuttgart/Meersburg - In Baden-Württemberg steht nicht nur das zweitgrößte Barockschloss Europas, auch viele imposante Burgen sind im Ländle zu bestaunen. Die Monumente aus dem Mittelalter dienen inzwischen größtenteils als Touristenmagnete und beliebte Ausflugsorte, in denen man ein Stück der deutschen Geschichte nacherleben kann. Dennoch gibt es auch in Deutschland noch Burgen und Schlösser, in denen nach wie vor Menschen leben. Die älteste noch bewohnte Burg Deutschlands steht im Süden Baden-Württembergs, manchen Quellen zufolge ist sie sogar die einzige noch bewohnte Burg der Bundesrepublik.
Das Leben im Mittelalter war bekanntermaßen alles andere als gemütlich. Durch mittelalterlich geprägte Serien- und Filmerfolge wie dem Herrn der Ringe oder Game of Thrones, hat sich der ein oder andere vielleicht schon mal vorgestellt, wie es wäre, in einer Burg zu leben. In der Meersburg, in der gleichnamigen Kleinstadt am Bodensee, leben bis zum heutigen Tag Menschen, was das oftmals auch „Alte Burg“ genannte Bauwerk zur ältesten bewohnten Burg Deutschlands macht.
Meersburg am Bodensee: Über der Unterstadt trohnt die älteste bewohnte Burg Deutschlands
Die Stadt Meersburg wird häufig an prominenter Stelle genannt, wenn es um die schönsten Städte Deutschlands geht. Auch in der BW24-Liste über einige der schönsten Kleinstädte in Baden-Württemberg, darf die zwischen Friedrichshafen und Überlingen gelegene Gemeinde nicht fehlen. Zum Erscheinungsbild der Stadt trägt die Meersburg, die über der Unterstadt thront, maßgeblich bei. Über die Entstehung der Burg gibt es mehrere Theorien und Legenden. Eine besagt, dass das Bauwerk im 7. Jahrhundert vom Merowinger-König Dagobert I. erbaut wurde, der zu dieser Zeit nachweislich am Bodensee residierte.
Den Titel der ältesten noch bewohnten Burg Deutschlands trägt die Meersburg aufgrund der Annahme, dass an selbiger Stelle zuvor eine Anlage gestanden habe, die jedoch zerstört wurde, worauf im frühen 12. Jahrhundert die heutige Burg errichtet wurde. Seitdem wurde die Meersburg niemals zerstört oder großflächig beschädigt und ist deshalb in keinem Teil der Anlage eine Ruine, was ihren besonderen authentischen Reiz bis zum heutigen Tag ausmacht. Besonders ist auch die Geschichte der ehemaligen Bewohner der Burg, zu denen unter anderem eine berühmte Schriftstellerin gehörte.
Geschichte der Meersburg: Von Bischöfen bis zur berühmten Dichterin Annette von Droste-Hülshoff
Die Meersburg war seit Mitte des 13. Jahrhunderts im Besitz der Fürstbischöfe von Konstanz, unter denen die Stadt florierte. In dieser Zeit wurde die Befestigungsanlage zwar immer wieder belagert, größere Schäden trug das Bauwerk dadurch aber nicht davon. Anfang des 18. Jahrhunderts errichteten die Bischöfe gegenüber der Meersburg das heutige „Neue Schloss“ als Wohnsitz, wodurch die Burg selbst zunächst nur noch zu Verwaltungszwecken diente. Nach der Säkularisation (der Entziehung kirchlicher Besitztümer, Anm. d. Red.) fiel die Meersburg an das spätere Großherzogtum Baden.
Als einer der ersten prominenten Bewohner kaufte Jospeh von Laßberg, ein Sammler von mittelalterlichen Schriften und Büchern, die Meersburg im Frühjahr 1838. Er rettete die Anlage damit vor dem Verfall und zog mit seiner Frau und seinen Kindern im September des Jahres in die Burg. Im Jahr 1841 zog die jüngere Schwester von Laßbergs Ehefrau, Annette von Droste-Hülshoff, in die Burg. Die berühmte Schriftstellerin und Dichtern lebte die letzten acht Jahre ihres Lebens in der Meersburg und schrieb dort einen bedeutenden Teil ihrer Lyrik, darunter auch ein Gedicht über die Burg selbst:
Auf der Burg haus‘ ich am Berge,
Unter mir der blaue See,
Höre nächtlich Koboldzwerge,
Täglich Adler aus der Höh‘,
Und die grauen Ahnenbilder
Sind mir Stubenkameraden,
Wappentruh‘ und Eisenschilder
Sopha mir und Kleiderladen.
(Annette von Droste-Hülshoff, Altes Schloss, erste Strophe)
Meersburg heute: Burgmuseum für die Öffentlichkeit und Wohnsitz in Privatbesitz
Anette von Droste-Hülshoff starb im Jahr 1848 auf der Meersburg und einige Jahre später verstarb auch Joseph von Laßberg, sodass das Bauwerk an seine Erben ging. Die Zwillingstöchter verkauften die Burg schließlich im Jahr 1877 an Carl Mayer von Mayerfels einen Altertumssammler, der ein Mittelaltermuseum einrichtete und sie ein Jahr später für Besucher öffnete. Nach von Mayerfels‘ Tod ging die Burg zunächst an seine Erben und deren Erben, bevor seine Schwester, Ottilie Naeßl, das Bauwerk übernahm. Bis heute ist die Meersburg, neben dem für Besucher zugänglichen Burgmuseum, der Wohnsitz der Nachfahren.
Die älteste noch bewohnte Burg Deutschlands kann im Rahmen eines selbstständigen Rundgangs entdeckt werden, der nicht nur einen Eindruck des Lebens im Mittelalter vermittelt, sondern auch Zugang zu einer Gedenkstätte für Annette von Droste-Hülshoff bietet. „Der Rundgang führt durch die Räume, in denen die berühmte deutsche Dichterin gelebt und gearbeitet hat und wo sie am 24. Mai 1848 verstarb“, schreibt die Stadt Meersburg auf ihrer Seite. Zudem sind auf Anfrage auch Sonderführungen für Gruppen durch die Burg möglich. Neben der Meersburg gibt es noch einige weitere imposante Burgen in Baden-Württemberg, die einen Besuch wert sind.
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