VonGerhard Königerschließen
über die Work-Life-Balance in der Landwirtschaft.
Wie im Märchen fühlt man sich als Bauernsohn bisweilen, wenn man mit Menschen über Landwirtschaft spricht, die noch nie einen Kuhstall von innen gesehen haben. Die „Landidylle“, die in manchen Köpfen herumspukt, hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Es gab sie auch noch nie. Wahrscheinlich wurde sie überhaupt erst von Landwirten erfunden, vielleicht ein Marketinggag, als im Alpenraum die Heuübernachtung als Einnahmequelle entdeckt wurde.Ich erinnere mich an viel Hektik und Ärger, wenn wieder eine Maschine kaputt ging, das Vieh den Tierarzt brauchte und das Wetter wieder nicht zur Ernte passte. Die guten Vorabendserien liefen immer zur Stallzeit und wenn die Lehrer in der Schule über den Güllegestank schimpften, der von den Feldern herüberwehte, machte man sich ganz klein. Landwirtschaft ist ein Knochenjob, mit dem in Deutschland nur wenige reich werden, aber viele arm, obwohl sie ungefähr so viel arbeiten wie ein Topmanager. Wenn man mit dem Traktor Autoschlangen hinter sich herzieht, wenn bei Nacht der Maishäcksler dröhnt, wenn der Wind den Stallduft in die Wohnzimmer treibt, erntet man im besten Fall Unverständnis, nicht selten böse Anrufe und Strafanzeigen. Die Zahl der Burnout-Fälle unter Landwirten in Deutschland ist 4,5-mal so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung, sagt eine Studie von 2022.Wenn sich junge Leute wie Hannes Gall trotzdem für diesen Beruf entscheiden, weil sie in der Arbeit als Landwirt eine besondere Wertigkeit entdecken, dann macht das Hoffnung und sollte von der Politik und der Gesellschaft nach Kräften unterstützt werden.
https://www.schwaebische-post.de/ostalb/ostalbkreis/von-wegen-wachse-oder-weiche-92411806.html
