VonGerhard Königerschließen
Hannes Gall bewirtschaftet den elterlichen Biohof mit 35 Milchkühen. Das reicht um im Vollerwerb davon zu leben.
Bühlerzell-Geifertshofen
Manchmal muss man den Landkreis verlassen, um auf ungewöhnliche Geschichten zu stoßen. Der Wurzelhof bei Geifertshofen (Kreis Schwäbisch Hall) ist ein solches Beispiel. Hier her hatte das ÖkoNetz BW mit der Bio-Musterregion Rems-Murr-Ostalb zum Hofgespräch geladen. Eine ganze Reihe von Interessierten konnte hier erleben, dass man als Landwirt die Spirale des "immer größer, immer mehr" nicht unbedingt mitgehen muss. Man kann auch mit einer kleineren Landwirtschaft existieren, das zeigt der 27-jährige Hannes Gall, der den Milchviehbetrieb von den Eltern übernommen hat und im Vollerwerb bewirtschaftet.
Sein Vater Wolfgang setzt bereits seit 1995 auf den ökologischen Anbau. Mit dem Verband Bioland stellte er die Milchproduktion um und beliefert seitdem die Käserei Geifertshofen mit zertifizierter Heumilch. Für die Käseproduktion sind die Inhaltsstoffe der Milch wichtiger als die Menge, deshalb grast auf den ausgedehnten Weiden des Wurzelhof Braunvieh der Rasse "Brown Swiss".
70 Hektar bewirtschaftet Hannes Gall, 14 Hektar sind Ackerland mit Kleegras oder Futtergetreide, 5 Hektar Wald und 50 Hektar Wiesen und Weiden. Eigentlich mehr als genug für 35 Kühe plus Nachzucht. Doch weil für die Heumilch keine Silage in Frage kommt, sondern ausschließlich das getrocknete Gras, braucht der Betrieb diese Flächen. "In einem so trockenen Jahr haben wir nur einen Schnitt", sagt Vater Wolfgang Gall und ist froh über jeden Hektar.
Zusammen mit dem Sohn hat der Landwirt die Hofstelle saniert und umgebaut. Im alten Anbindestall sind heute die trockenstehenden Kühe, daneben ist der Tretmiststall für die komplette Herde. Die Investition war überschaubar, weil außer der Entmistung und der Raufe keine teuren Einbauten nötig waren. Die Kühe treten den Kot von der leicht geneigten Liegefläche auf die Mistbahn, wo per Seilzug ausgemistet wird.
Die größte Investition der letzten Jahre war die ausgefeilte Heubelüftung: Auf dem Wurzelhof wird das Gras eingebracht, bevor die feinen Blattanteile ganz trocken sind und abfallen. Die Resttrocknung besorgt ein elektrisches Belüftungssystem, angetrieben von einem Dieselaggregat. Warmluft steigt vom Bodenkanal auf, durchdringt das Heu und wird am Dach wieder abgesaugt, die Feuchtigkeit wird abgeschieden, die Wärme geht zurück in den Kreislauf. Sensoren überwachen die Trocknung, eine Wärmebildkamera zeigt Hitzenester. Ein moderner Krangreifer dient zur Beschickung und Entnahme.
Warum so viel Aufwand für das Raufutter? Weil gutes Heu die Voraussetzung für die Heumilchproduktion ist. "Heu mit allen Blattanteilen bringt pro Kuh eine Leistungssteigerung von 500 Liter pro Jahr", versichert Hannes Gall. Noch wichtiger als die Milchmenge sind die besseren Milchinhaltsstoffe dieser Fütterung und das insgesamt gesündere Vieh. Die Inhaltsstoffe machen einen wichtigen Teil des Milchpreises aus: im Winter 72 bis 75 Cent pro Liter, im Sommer 65 bis 66 Cent.
Der Junglandwirt, der nach dem Agrargymnasium Landmaschinenmechaniker gelernt und dann den Landwirtschaftsmeister gemacht hat, braucht für die Heuernte auch keine extrateuren Maschinen. Der größte Traktor hat 135 PS, das reicht für Mähwerk und Ladewagen.
Die neue Förderstruktur der GAP (gemeinsame Agrarpolitik) bietet kleineren und ökologisch produzierenden Betrieben mehr Fördermöglichkeiten. Das zeigte Martin Haugstätter von der Demeter Beratung, der die neuen Richtlinien vorstellte. Hannes Gall generiert die Hälfte des Betriebsgewinns über Förderungen und Ausgleichszahlungen. Die Milchproduktion auszuweiten, ist für ihn keine Option: "Diese Größe gefällt mir, ich will nicht mehr." Was er sich vorstellen könnte: in die Selbstvermarktung einsteigen, Rindfleisch und Masthähnchen verkaufen, bio versteht sich. Den Schlachtschein hat er schon gemacht.
https://www.schwaebische-post.de/ostalb/ostalbkreis/kuhkuscheln-und-heubaden-92428058.html






