Nationaler Gedenktag in Ellwangen: Was ist, wenn die KI Ausschwitz und den Holocaust erklärt?

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Schülerinnen und Schüler der beruflichen Schulen lasen aus den Erinnerungen von Ausschwitz-Überlebenden udn zeigten dazu Fotos aus dem "Ausschwitz-Album", das von SS-Soldaten angelegt wurde.
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Dr. Michael Hoffmann spricht im Kreisberufsschulzentrum zum Gedenken an die NS-Opfer "Über den Sinn von lokaler Erinnerungskultur in Zeiten von KI".

Ellwangen Die Erinnerung daran, was dort Menschen angetan wurde, droht sich 80 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz grundlegend zu verändern. Es gibt kaum noch lebende Zeitzeugen, in den nächsten Jahren werden die letzten Menschen gestorben sein, die den Holocaust selbst erlebten. Gleichzeitig wächst die Nutzung von KI-Systemen rasant und die Wahrscheinlichkeit, dass diese Technologie die KZ-Überlebenden ablösen wird, wenn es darum geht, Geschichte zu übermitteln, ist groß.

Vor diesem Hintergrund analysierte Dr. Michael Hoffmann, Geschichtslehrer am Peutinger Gymnasium und Leiter des Kompetenzzentrums für Geschichtliche Landeskunde im Unterricht (ZSL), was KI in diesem Zusammenhang kann und was nicht. "Wir müssen die Erinnerung zukunftsfähig machen", sagte er: Nur so könne man auch in Zukunft, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt, aus der Geschichte der NS-Diktatur lernen.

Fluch und Segen von KI

Gleichzeitig zeigten Umfragen unter Schülerinnen und Schülern, dass die Unterhaltung mit der KI zum Standard werde. Wie man mit Hilfe von digitalen Medien Akteur der lokalen Erinnerungskultur bleiben kann, zeigte Hoffmann unter anderem mit der Vernetzung der Stolperstein-Aktionen auf. Die Shoah-Foundation hat 58.000 Zeitzeugeninterviews digitalisiert. Mit KI können jetzt Schulklassen auf die Ton- und Filmaufnahmen zugreifen und Fragen stellen, die ein Avatar auf der Basis aller Interviews beantwortet.

"Aber wohin führt das?", fragte sich Hoffmann und sah die digitale Aufarbeitung von Geschichtswissen um die Bauernkriege mit lebensecht wirkenden Avataren als Negativbeispiel. "Sollen uns künftig wirklich virtuelle Personen, die Häftlinge nachahmen, durch die Gedenkstätten führen?"

Halluzinieren und Manipulieren

Hoffmann wies auf die Gefahr hin, dass allzu unterhaltsam aufbereitetes Geschichtswissen zu Bagatellisierung und Anmaßung führen kann und nur noch konsumiert werde, ohne sich wirklich einzufühlen. Bei KI-Systemen komme die Gefahr des "Halluzinierens" hinzu, wenn die Maschine erfundene oder verfälschte Inhalte herausgibt. Zu dieser technisch bedingten Falschinformation komme die Gefahr, dass Regierungen über die Betreiber der Systeme allein durch die Auswahl der Trainingsdaten und der Algorithmen ganz gezielt geschichtliche Überlieferung verfälschen können.

Gedenkorte besuchen und mit echten Überlieferungen beschäftigen

Als Beispiel präsentierte der Redner Antworten der KI auf Fragen zum Ellwanger NS-Opfer Max Reeb und zu den Kämpfen um Crailsheim 1945, die sachlich grundlegend falsch beantwortet waren. Echte Emphatie könne man nur entwickeln, wenn man sich der Geschichte über die historischen Quellen nähere oder indem man Gedenkorte besuche und sich mit echten Überlieferungen beschäftige.

Dr. Michael Hoffmann spricht über lokale Erinnerungskultur in Zeiten von KI.

Kritisch Hinterfragen und gesunder Menschenverstand

Der Schuldezernent im Landratsamt, Karl Kurz, und Oberbürgermeister Michael Dambacher warnten in ihren Grußworten, dass aktuelle Entwicklungen zur Gefahr von Demokratie, Frieden und Freiheit werden könnten. Kritisches Hinterfragen und gesunder Menschenverstand seien unverzichtbar, um zu erkennen, wo Fakten verdreht und Hetze und Lüge verbreitet werden.

"Ihr macht euch schuldig, wenn ihr euch nicht dafür interessiert", das Zitat der KZ-Überlebenden Esther Bejarano nannte Lea Frei von der Fachschaft Geschichte-Gemeinschaftskunde als Antrieb für die Arbeit der Schülerinnen und Schüler von Techma und GLP, die Berichte von KZ-Überlebenden vorlasen und dazu Fotos des "Ausschwitz-Album" zeigten. Mit einfühlsamer Klaviermusik umrahmten Mathis Ott und Thomas Eyring die Veranstaltung.

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