VonJulian Baumannschließen
Die ZF Friedrichshafen schließt im kommenden Jahr das Werk im niedersächsischen Damme und baut 200 Stellen ab. Ansonsten gilt in der Region aber offenbar ein Kündigungsschutz bis 2026.
Friedrichshafen - Beim zweitgrößten Autozulieferer aus Baden-Württemberg – und nach Umsatz auch Deutschlands – ist aktuell einiges in Bewegung. Die ZF Friedrichshafen ist auf der IAA in München vertreten und wurde unter anderem von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) besucht. Letzterer bescheinigte dem Stiftungskonzern vom Bodensee „gut dabei“ zu sein. Dennoch stellt die Transformation die ZF vor große Herausforderungen und auch die Neustrukturierung innerhalb des Konzerns hat Auswirkungen auf die weltweiten Standorte.
Made in #THELÄND. Alles am Auto kann elektrifiziert werden - auch Stoßdämpfer und Lenkung. Beim Besuch auf der #IAA23 gut zu sehen. Vorteil: Kürzere Bremswege und eine höhere Reichweite. pic.twitter.com/yKtETTbkIF
— Winfried Hermann (@WinneHermann) September 7, 2023
Die ZF hatte im vergangenen Jahr einen deutlichen Umsatzrückgang zu verkraften gehabt und deshalb ein Sparprogramm angekündigt. Der Betriebsrat befürchtete sogar einen regelrechten Kahlschlag beim großen Autozulieferer, für die meisten der deutschen Standorte der ZF wurden jedoch sogenannte Zielbilder vereinbart. Auch in der Region um den Dümmer See in Niedersachsen – in der die ZF gleich fünf Standorte betreibt – gilt ein Kündigungsschutz bis 2026. Wie mehrere Medien übereinstimmend berichten, soll das Werk in Damme dennoch geschlossen werden.
ZF Friedrichshafen: Werk in Damme soll im August 2024 geschlossen werden – 200 Stellen werden abgebaut
Bereits im Jahr 2019, noch vor der Corona-Pandemie, hieß es, die ZF Friedrichshafen werde das Werk in Damme, das zur Division Pkw-Fahrwerktechnik gehört, Ende 2023 schließen. Wie unter anderem der Norddeutsche Rundfunk (NDR) aktuell berichtet, hat der Konzern nun aber bekannt gegeben, den Standort erst im August 2024 zu schließen. Grund für die Schließung sind in diesem Fall aber nicht die wirtschaftlichen Herausforderungen oder die Zusammenführung der Divisionen für Pkw-Fahrwerktechnik und Aktive Sicherheitstechnik zu einer neuen und im Markt einzigartig umfassenden Division Chassis Solutions, die der Konzern im Juni am Hauptsitz im schwäbischen Friedrichshafen verkündet hatte.
| Name | ZF Friedrichshafen AG |
|---|---|
| Gründungsjahr | 1915 |
| Hauptsitz | Friedrichshafen, Baden-Württemberg |
| Branche | Automobilzulieferer, Mobilitätssysteme |
| Geschäftsbereiche | Automobilzulieferer, Antriebs- und Fahrwerktechnik, E-Mobilität, Automatisierungstechnik, Industrietechnik, Nutzfahrzeugtechnik |
| Mitarbeiterzahl | 164.869 (Stand: 2022) |
| Produktionsstandorte | 168 in 32 Staaten |
| Hauptentwicklungsstandorte\t | 19 in neun Ländern |
| Umsatz | 43,8 Milliarden Euro (2022) |
| Geschäftsführung\t | Holger Klein (Vorstandsvorsitzender), Heinrich Hiesinger (Aufsichtsratsvorsitzender) |
| Anteilseigner | 93,8 Prozent Zeppelin Stiftung (Stiftungsträger ist die Stadt Friedrichshafen), 6,2 Prozent Dr. Jürgen und Irmgard Ulderup Stiftung |
Stattdessen läuft in Damme schlicht der Mietvertrag aus, da die ZF den Standort nur angemietet und der Eigentümer bereits 2019 Eigenbedarf angemeldet hatte. Geplant war, dass der schwäbische Autozulieferer Stück für Stück aus den Räumlichkeiten auszieht, beispielsweise wurden einige Produktionsschritte auch bereits an andere Standorte in der Region verlagert. Mit der Schließung im August 2024 sollen laut NDR aber auch 200 Vollzeitstellen abgebaut werden. Dieser Stellenabbau wird laut Peter Holdmann, Leiter der Division Pkw-Fahrwerktechnik, ausschließlich durch Aufhebungsverträge und Vereinbarungen zur Altersteilzeit erfolgen.
ZF in Niedersachsen: Teile der Belegschaft können an andere Standorte verlegt werden – auch im Ausland
Für weitere 100 Angestellte des ZF-Werks im niedersächsischen Damme könnte bei der Schließung eine Versetzung an die Standorte Wagenfeld und Diepholz eine Möglichkeit sein. Zudem sollen weitere Teile der Belegschaft ins Ausland verlagert werden, da die Zusammenführung der beiden Divisionen nicht nur deutsche Werke, sondern auch solche in den USA betrifft. Die ZF hatte trotz deutlich besserer Zahlen im ersten Halbjahr 2023 angekündigt, weiterhin alle Standorte auf den Prüfstand stellen zu wollen, um Kosten einzusparen. Der Autozulieferer prüft unter anderem den Verkauf einer Sparte, wovon auch ein Standort nahe Stuttgart betroffen sein könnte.
Die Transformation zur E-Mobilität und der Fokus auf die Software ist für die ZF, und auch für die schwäbischen Konkurrenten Bosch und Mahle, aufgrund der jahrzehntelangen Ausrichtung auf den Verbrennungsmotor nicht ganz einfach. Die Betriebräte der großen Autozulieferer baten deshalb bereits in Berlin um Staatshilfen. Um Produktionskosten einzusparen, die aufgrund der stark gestiegenen Preise für Energie, Rohstoffe und Personal ebenfalls hoch liegen, verlagern die Zulieferer Teile der Fertigung zunehmend ins Ausland, was die IG Metall in Baden-Württemberg stark kritisiert. Zumindest vor betriebsbedingten Kündigungen sind die Mitarbeiter von Bosch, ZF und Mahle aber vorerst sicher.
