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Der Torjubel von Merih Demiral im Spiel gegen Österreich spaltet die türkischstämmigen Ostälbler: Für die einen ist es ein Symbol, für die anderen eine Provokation.
Schwäbisch Gmünd / Aalen. Nach seinem Wolfsgruß im Achtelfinale erhält Merih Demiral seine Strafe. Die UEFA sperrt den türkischen Innenverteidiger für zwei EM-Spiele. Damit wird er das Viertelfinale gegen die Niederlande sowie ein mögliches Halbfinale verpassen. Damit Demiral noch einmal ins Turnier eingreifen kann, müsste die Türkei ins Finale kommen.
Laut UEFA habe Demiral „die allgemeinen Verhaltensgrundsätze nicht eingehalten, die grundlegenden Regeln des guten Benehmens verletzt, Sportereignisse für Kundgebungen nicht-sportlicher Art genutzt und den Fußballsport in Verruf gebracht“, berichtet das Portal kicker.
Die türkischstämmigen Ostälbler haben zum sogenannten „Wolfsgruß“ von Nationalspieler Merih Diemiral bei der Fußball-EM unterschiedliche Meinungen: Während der Aalener Cemal Isin den umstrittenen Torjubel aufs Schärfste verurteilt, kann der Gmünder Ibrahim Aslan nicht verstehen, dass daraus „ein so großes Thema gemacht wird“.
Stürmer Onur Mutlu: „Ich würde so nicht jubeln“
Onur Mutlu ist Stürmer in der Verbandsliga. Und damit fürs Toreschießen verantwortlich. Er sagt aber deutlich: „Ich würde so einen Torjubel nicht machen.“ Denn: „Politik gehört nicht in den Sport.“ Der Deutsch-Türke der TSG Hofherrnweiler sagt allerdings auch, dass der „Wolfsgruß“ aus der türkischen Mythologie stamme und „zum Volk der Türken gehört. Wie der Adler zu Deutschland oder der Bär zu Russland.“
Ibrahim Aslan: Diskussion ist "völlig unangebracht gerade"
Das ist der Grund, weshalb Ibrahim Aslan wenig Verständnis für die gesamte Diskussion zeigt. „Das alles ist völlig unangebracht gerade.“ Der „Wolfsgruß“ habe nichts mit Politik, einer Partei oder gar Rassismus zu tun. „Stattdessen ist das seit tausenden Jahren ein Symbol der Türken. Damit zeigen viele in unserem Land, dass sie Türken sind“, sagt der Vorsitzende der türkisch-islamischen Gemeinde Ditib in Schwäbisch Gmünd.
Und fügt hinzu, dass „niemand etwas dafür kann, dass dieses Symbol auch von einer Partei genutzt wird“. Aslan kann sich generell nicht vorstellen, dass der Jubel von Demiral einen politischen Hintergrund gehabt habe. „Nur wenige Türken sind Anhänger dieser Partei. Merih Demiral würde dann ja alle anderen türkischen Fans verlieren. Das will er ganz sicher nicht.“
Murat Göl von „Vision Aalen“ lehnt Extremismus generell ab
Murat Göl ist die umstrittene Geste während des Spiels gar nicht aufgefallen. „Ich habe erst am nächsten Tag davon erfahren“, sagt die Vertrauensperson der Partei „Vision Aalen“. Der „Wolfsgruß“ habe in der Türkei unterschiedliche Bedeutungen. Was der in der Türkei geborene und aufgewachsene Fußballer damit bezwecken wollte, „kann ich nicht beurteilen“. Göl stellt allerdings klar, dass er und die „Vision Aalen“ jede Form von Extremismus ablehnen würden. „Das spaltet unsere Gesellschaft und verhindert ein friedliches Zusammenleben.“
Solche Gesten haben bei einer EM nichts zu suchen
Überhaupt kein Verständnis für den Torjubel hat der Aalener Cemal Isin. Der in der Türkei geborene Deutsche findet es „nicht in Ordnung“, wie Demiral seinen Treffer gefeiert hat. Der Aufsichtsrat des VfR Aalen kritisiert generell den „aggressiven Auftritt der türkischen Fangemeinde bei dieser EM“.
Beim „Wolfsgruß“ von Demiral wünscht sich Isin entsprechende Konsequenzen. „Die Gesetzgebung sieht nichts vor, aber die UEFA muss etwas tun. Sie muss diesen Spieler sperren, denn das hat bei einer Fußball-EM nichts zu suchen.“ Jeder wisse, dass die „Grauen Wölfe“ rechte Nationalisten seien. „Nicht umsonst werden sie in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet.“ Der Aalener stellt klar, dass „Gesten mit religiöser oder politischer Gesinnung bei Sportveranstaltungen generell nichts zu suchen haben“.
Richtig, nichts am #Wolfsgruß ist versteckt. Seine Botschaft ist rechtsextrem, steht für Terror, Faschismus. Darüber zu diskutieren, ist ermüdend. @UEFA muss Konsequenzen ziehen.https://t.co/LsJo3MSvC1
— Cem Özdemir (@cem_oezdemir) July 3, 2024
Ibrahim Aslan: Cem Özdemir ist kein Experte
Dass sich Bundesagrarminister Cem Özdemir (Grüne) auf X fragt, „warum das Zeichen des Symbols des Grauen Wolfes nicht auch bei uns längst verboten ist“, dazu sagt Ibrahim Aslan: „Cem Özdemir ist kein Experte für irgendetwas, das mit der Türkei zu tun hat“.
Der „Wolfsgruß“ und die „Grauen Wölfe“
Der „Wolfsgruß“ ist ein Symbol der „Grauen Wölfe“. So werden die Anhänger der rechtsextremistischen „Ülkücü-Bewegung“ genannt. In der Türkei ist die ultranationalistische MHP ihre politische Vertretung und Bündnispartnerin der islamisch-konservativen AKP von Präsident Recep Tayyip Erdogan.
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