VonKatharina Scholzschließen
Bei der Kommunalwahl am Sonntag, 9. Juni, kandidiert in Aalen eine neue Liste. Drei der Spitzenkandidatinnen und -kandidaten sprechen über ihre Ziele und reagieren auf Kritik.
Aalen. In Aalen tritt eine neue Liste zur Gemeinderatswahl an. 29 Kandidatinnen und Kandidaten stehen auf dem Wahlvorschlag "Vision Aalen". In der Stadt wird diese Liste heiß diskutiert. Viele freuen sich, dass so viele junge Menschen und vor allem so viele Frauen aus ganz unterschiedlichen Berufen zur Wahl antreten.
Kritiker stören sich daran, dass Aalenerinnen und Aalener mit Migrationshintergrund eine eigene Liste aufstellen, anstatt sich bei einem der anderen Wahlvorschläge zu engagieren. Drei der Spitzenkandidaten sprechen über ihre Motivation, wofür sie stehen und äußern sich zur Kritik.
Wer steht hinter der Liste?
"Vision Aalen" tritt in sechs Stadtbezirken für den Gemeinderat Aalen an. Die 29 Kandidaten wohnen in der Kernstadt, in Dewangen, Hofen, Unterrombach-Hofherrnweiler, Unterkochen und Wasseralfingen. Spitzenkandidaten sind die 38-jährige Psychologie-Studentin Seren Yilmaz, die 23-jährige Industriekauffrau Eda Dogan, der 27-jährige Maschinenbau-Ingenieur Ömer-Faruk Demirtas und der 36-jährige Maschinenbau-Ingenieur Murat Göl.
Das Durchschnittsalter der Liste beträgt eigenen Angaben zufolge 30 Jahre. Die Kandidatinnen und Kandidaten kommen aus verschiedenen Berufen, darunter Schüler, Azubis, mehrere Maschinenbau-Ingenieure, ein Wirtschaftsinformatiker, eine Apothekerin und eine Pflegefachkraft. Die Hälfte der Kandidatinnen und Kandidaten sind Frauen. Dazu kommen Göl zufolge 50 bis 60 Unterstützerinnen und Unterstützer, die im Wahlkampf helfen.
Wofür steht "Vision Aalen"?
Es fehle in Aalen an Kindergartenplätzen. "Da muss man kein Politiker sein, um das zu erkennen, es reicht, Vater dreier Kinder zu sein", sagt Göl. Er trainiert im Fußballverein eine Bambini-Mannschaft, also unter Siebenjährige. Auch von den anderen Eltern höre er das immer wieder. "Das erste Problem ist, den Kindergartenplatz zu bekommen, das zweite Problem ist, den Platz bezahlen zu können", sagt er.
Daher möchte sich "Vision Aalen" dafür einsetzen, mehr Kindergartenplätze zu schaffen, und dafür, dass alle sich einen Platz leisten können. Ebenso wolle sich der Wahlvorschlag für mehr bezahlbaren Wohnraum in Aalen einsetzen. Yilmaz fügt hinzu: "Wir möchten das Ehrenamt stärken." Ein weiterer wichtiger Punkt sei, Jugendliche stärker in politische Entscheidungen einzubeziehen.
Wie unterscheidet sich „Vision Aalen“ von den anderen Listen?
Die Themen Kinderbetreuung und bezahlbarer Wohnraum finden sich beinahe durchgängig in allen Aalener Wahlprogrammen. Vereine und Ehrenamt zu stärken, ist zum Beispiel auch im Programm der CDU und der Freien Wähler verankert. Mehrere Wahlvorschläge setzen sich außerdem für mehr Räume oder Angebote für Jugendliche ein. Aber die Forderung, Jugendliche und junge Menschen noch stärker in politische Entscheidungen einzubeziehen, findet sich nach Kenntnisstand der Redaktion in der Form nur bei „Vision Aalen“.
Spielt der Migrationshintergrund eine Rolle?
Der Großteil der Kandidatinnen und Kandidaten auf der Liste hat laut Göl einen Migrationshintergrund. Fast alle seien aber in Aalen geboren und aufgewachsen. "Wir sind alle Aalenerinnen und Aalener", sagt Göl. Demirtas fügt an, dass sein Großvater 1962 nach Aalen gekommen sei. Seine Eltern und er seien in Aalen geboren. "Mehr Aalener kann ich nicht mehr sein", sagt er.
Außer Deutsch und Türkisch spricht er auch Englisch. Mehrere Sprachen zu sprechen, habe keine Nachteile, es sei eine Bereicherung. "Vision Aalen" ist in den sozialen Medien sehr aktiv. Dort fällt auf, dass das allererste Posting unter dem deutschen Text auch eine Übersetzung ins Türkische hat. Die weiteren Postings wurden ausschließlich auf Deutsch verfasst.
Steckt die Milli-Görüs-Bewegung hinter der Liste?
Es fällt außerdem auf, dass viele der Kandidierenden aus dem Umfeld der Aalener Fatih-Moschee kommen, einer Moschee der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG). Die Milli-Görüs-Bewegung wird in Baden-Württemberg vom Verfassungsschutz beobachtet. Laut Verfassungsschutz arbeitet die IGMG daraufhin, "Vorgaben der Religion langfristig politisch-gesellschaftliche Geltung zu verschaffen".
Die IGMG nutze Mittel des Rechtsstaats, um ihre islamistische Agenda voranzubringen, so der Verfassungsschutz. Vergangenes Jahr stand die Aalener IGMG-Moschee in der Kritik, weil dort vor den Präsidentschaftswahlen in der Türkei angeblich Wahlkampf für Recep Tayyip Erdoğan gemacht wurde. Göl, der damals noch Dialogbeauftragter der Moschee war, hatte die Kritik zurückgewiesen.
Als einer der Spitzenkandidaten der Liste "Vision Aalen" bestätigt Göl nun, dass viele der Kandidatinnen und Kandidaten Mitglied im Moschee-Verein seien, sich aber gleichzeitig auch in zahlreichen anderen Vereinen engagierten. Yilmaz nennt es daher "unfair", die Liste nur auf den Moschee-Verein reduzieren zu wollen.
Spielt das Kopftuch eine Rolle?
Die Hälfte der Kandidatinnen und Kandidaten bei "Vision Aalen" sind Frauen. Wie auf einem Wahlkampf-Gruppenfoto zu sehen ist, trägt ein Großteil davon Kopftuch, was manche Kritikerinnen und Kritiker als Zeichen der Unterdrückung von Frauen ansehen. Auf die Frage, inwiefern man als Frau Kopftuch tragen und sich trotzdem für Gleichberechtigung einsetzen könne, antwortet Yilmaz: "Wofür wir stehen, ist der Frauenanteil."
Es sei wichtig, dass noch mehr Frauen in den Gemeinderat gewählt würden. Göl sagt: "Beide gehören zu uns, Frauen mit und ohne Kopftuch." Beides sei auf der Liste vertreten. Yilmaz freut sich darüber, dass das bisher im Wahlkampf noch kein Thema gewesen sei, dass es bisher um Inhalte ginge. Göl sagt: "Wir wollen, dass die Menschen in die Köpfe und nicht auf die Köpfe schauen."
Steht eine eigene Liste im Widerspruch zur Integration?
Auf die Frage, warum die Kandidatinnen und Kandidaten mit einer eigenen Liste antreten, anstatt sich bei den etablierten Parteien wie SPD oder Grünen anzutreten, antwortet Göl, dass die meisten Gemeinderätinnen und Gemeinderäte in Baden-Württemberg über freie Listen in die Gremien gekommen seien.
Bei einer Kommunalwahl sollte es Göls Meinung nach nicht um Parteipolitik gehen, und als freie Liste könnte "Vision Aalen" unabhängig von Parteipolitik handeln. Auf den anderen, etablierten Listen hätten auch schon oft Menschen mit Migrationshintergrund kandidiert. Mit einer Ausnahme – einer Nachrückerin, die für kurze Zeit Teil des Gremiums gewesen sei – sei aber noch nie jemand mit Migrationshintergrund auf einer etablierten Liste in den Gemeinderat gewählt worden.




