VonUlrike Wilpertschließen
Aalener Kindermediziner gehen gegen die von der Kreistagsfraktion der Grünen vorgeschlagene Fusion der Kinderkliniken Aalen und Mutlangen auf die Barrikaden. Das sind die Hauptgründe. Wie Landrat Dr. Joachim Bläse reagiert.
Aalen. Die Kinderärzte im Ostalbkreis sind alarmiert, sie drücken den Notfallknopf. Grund ist die von der Kreistagsfraktion der Grünen angeregte Fusion der beiden bestehenden Kinderkliniken in Aalen und Mutlangen. Sie soll helfen, das Defizit bei den Kliniken zu verringern. Nach Schwäbisch Gmünd und Ellwangen sprechen jetzt auch die Aalener Kindermediziner.
„Uns geht es darum, dass es nicht schon vor dem Bau des geplanten Regionalversorgers zu einer Fusion der Kinderkliniken kommt“, stellt Dr. Thilo Heising klar. Er ist stellvertretender Obmann im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte und niedergelassener Kinderarzt in Wasseralfingen. Gemeinsam mit seiner Aalener Kollegin Monika Toth und Claudia Köditz-Habermann, Vorsitzende des Fördervereins „Freunde der Kinderklinik Aalen“, macht er im Gespräch mit der SchwäPo deutlich, welch drastische Auswirkungen eine vorzeitige Fusion der Kinderkliniken hätte. (Über den Unmut und die Argumente der Kinderärzte in Schwäbisch Gmünd und Ellwangen hat die SchwäPo bereits berichtet.)
Befürchtung der Kinderärzte: Eine Klinikfusion bedeutet noch weniger Betten
„Die zwei größten Knackpunkte sind eine drohende weitere Verringerung der Bettenzahl und ein erhöhtes Risiko bei den Schwangeren.“ Aktuell stehen laut Monika Toth in den Kinderkliniken Mutlangen und Aalen jeweils 30 Betten zur Verfügung. „2017 waren es in Aalen noch 42, 2003 hatten wir hier noch 45 Betten.“ Bei einer Fusion und einer weiteren Schrumpfung der Bettenzahl gebe es im Umkreis keine Kinderklinik mehr, die man innerhalb von 30 Minuten anfahren könne. Toth: „Bei einer schweren Krankheit eines Kindes kann so ein Transport höchst gefährlich sein.“ Schon während einer großen Krankheitsphase im Vorjahreswinter, so Toth weiter, hätten die Kollegen stundenlang telefonieren müssen, um für die kleinen Patienten ein freies Klinikbett zu finden. „Schlussendlich mussten wir einige unserer schwer erkrankten Patienten ambulant versorgen, weil keine Betten mehr frei waren.“
Thilo Heising: Erhöhtes Risiko für Schwangere hätte dramatische Folgen
Der zweite große Knackpunkt, so Thilo Heising, sei das erhöhte Risiko für die Schwangeren bei einer Zusammenlegung der Kinderkliniken, weil dann am Standort ohne Klinik die Geburtshilfe-Versorgung stark reduziert werden würde. „Eine moderne Geburtshilfe aber ist ohne eine Kinderklinik vor Ort schlichtweg undenkbar.“ Gerade bei Notfällen und Risikoschwangerschaften komme es darauf an, sehr schnell reagieren zu können. Und wenn es in Aalen oder Mutlangen keine Kinderklinik mehr gebe, könnte man auch keine kleinen Patienten mehr aus dem weiteren Umkreis, wie Nördlingen, versorgen.
Das hätte dramatische Folgen insofern, als dass es zwischen Nördlingen und Schwäbisch Hall, Ansbach und Nürnberg keine Kinderklinik mehr gebe, ergänzt Monika Toth.
AG Kinderkliniken hat Positionspapier an den Landrat adressiert
Diese und weitere Sorgen und Ängste hat die Aktionsgruppe Kinderkliniken im Ostalbkreis bereits auf einem Positionspapier öffentlich gemacht und es am vergangenen Sonntagabend an Landrat Dr. Joachim Bläse, die Mitglieder des Kreistags und die Leitung der Kliniken Ostalb gemailt. „Denn eine funktionierende Kindermedizin ist Teil der Grundversorgung“, betont Heising. „Und sie ist zudem auch ein Standortfaktor, den große Firmen im Ostalbkreis für ihre Fachkräfte haben wollen.“
Die Antwort des Landrats Dr. Joachim Bläse
Nach unserer Veröffentlichung der ersten Proteststimmen aus Schwäbisch Gmünd gab Landrat Dr. Joachim Bläse am Mittwoch in der Diskussion um die Kinderkliniken eine öffentliche Stellungnahme ab. Darin heißt es: Es werde derzeit im Rahmen der Erarbeitung eines gesamthaften Medizinkonzepts für die Kliniken Ostalb geprüft, welche Optionen es für die klinische Versorgung von Kindern gibt. „Vor dem Einstieg in die politische Beratung werden wir selbstverständlich auch die Sprecher der niedergelassenen Kinderärzte über den Vorstand der Kliniken Ostalb in die Diskussion einbeziehen.“ Der Landrat versichert, alle Bedenken und Anregungen sorgfältig abwägen und in die politische Diskussion einbringen zu wollen. Eine Entscheidung soll vom Kreistag voraussichtlich im ersten Halbjahr getroffen werden, heißt abschließend.
Eine Unterschriftenliste der AG Kinderkliniken ist im Internet unter www.kinder-lungen.de und www.schmetzer-heising.de abrufbar. Die AG Kinderkliniken wollen die Liste rechtzeitig vor der geplanten Ausschusssitzung im Kreistag an den Landrat übergeben.
„Die Gesundheitsversorgung ist für uns das zentrale Zukunftsthema“, heißt es in einer Stellungnahme der Grünen am Freitag. Das gelte ganz besonders für die Kleinsten in der Gesellschaft. Man sehe aber die Gefahr, „dass durch die schwierigen äußeren Rahmenbedingungen, wie durch eine mögliche Erhöhung der Mindestfallzahlen, die pädiatrische Versorgung im Kreis generell in Frage gestellt wird“. Das dürfe „auf keinen Fall passieren“. Daher habe die Fraktion den Vorschlag gemacht. Man sei im Dialog mit den Kinderärztinnen und - Ärzten und habe erneut ein Gesprächsangebot gemacht mit dem Ziel, „dass wir gemeinsam Möglichkeiten erarbeiten, wie wir die bestmögliche Versorgung unserer Kinder auch in Zukunft sicherstellen können“. Dies wollen man im Prozess erreichen.

