Interview

100 Jahre Rudolf Chemie: Erweiterungspläne, Krisen und Herausforderungen

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Stammsitz der Firma Rudolf Chemie in Geretsried.
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Ihr 100-jähriges Jubiläum feiert die Firma Rudolf Chemie in diesem Jahr. Zeit für ein Gespräch über Erweiterungspläne, Krisen und Herausforderungen.

Geretsried – Die Firma war eine der ersten, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Geretsried ansiedelte. Am Stammsitz an der Altvaterstraße sind 385 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt, weltweit sind es über 1900. Den runden Geburtstag nahm Redakteurin Doris Schmid zum Anlass, sich mit den Geschäftsführern Wolfgang Schumann, dessen Sohn Dr. Wolfgang Schumann, Dr. Oliver Kusterle und Personalleiter Cédric Duchemin über Erweiterungspläne, Krisen und Herausforderungen zu unterhalten.

Die Firma Rudolf ist nach wie vor ein Familienunternehmen. Betriebsnachfolge ist da immer ein großes Thema. Wann sind Sie in die Firma eingestiegen, Herr Dr. Schumann?

Dr. Wolfgang Schumann: Ich bin 2009 eingestiegen und seit 2010 Geschäftsführer. Mein Bruder Anton war bis 2012 im Unternehmen.

Geschäftsführer Wolfgang Schumann (77)

Wolfgang Schumann: Mein jüngerer Sohn wollte sein eigener Herr bei etwas Neuem sein. Er ist experimentierfreudig, hat Beratungsgesellschaften und ist erfolgreich beteiligt an technischen Textilbetrieben.

Gibt es geschäftliche Berührungspunkte?

Dr. Wolfgang Schumann: Ja, die gibt es.

Sind Sie auch noch aktiv im Geschäft, Herr Schumann?

Wolfgang Schumann: Ich habe nur noch einen kleinen Firmenanteil. Einen Beerdigungsanteil, wie ich ihn intern nenne (lacht). Ich möchte gern als Unternehmer sterben, nicht als Rentner.

Haben Sie, Herr Dr. Schumann, es je bereut, in die Fußstapfen Ihres Vaters getreten zu sein?

Dr. Wolfgang Schumann: Überhaupt nicht.

Wolfgang Schumann: Ich merke jeden Tag, dass mein Sohn Spaß hat. Und das ist entscheidend.

Wie kann sich ein Familienunternehmen in Ihrer Branche auf dem Markt halten?

Wolfgang Schumann: Indem man das Geld in die Firma investiert und nicht privat. Bei uns gibt’s kein Segelboot.

Dr. Oliver Kusterle: Rudolf ist wahrscheinlich eines der letzten Familienunternehmen in unserer Industrie, in dem die Eigentümer noch selbst mit aktiv im Geschäft sind.

Dr. Wolfgang Schumann: Wir sind sehr nah an unserer Kundschaft. Ich habe heute noch Spaß daran, zum Kunden zu gehen.

Cédric Duchemin: Unsere Mitarbeiter sind diejenigen, die die Innovation vorantreiben, sich einbringen und das Vertrauen der Geschäftsführung genießen. Wenn das von der Geschäftsführung und den Eigentümern vorgelebt wird, dann überträgt sich das.

Was ist das Geheimnis Ihres Erfolgs?

Wolfgang Schumann: Wir sind fleißige Leute – alle hier.

Wie haben Sie es geschafft, dass Sie nicht von einem großen Unternehmen geschluckt wurden?

Dr. Wolfgang Schumann: Wir wollen nicht verkaufen, darum schauen wir uns Übernahmeangebote gar nicht an. Wir erhalten öfters sehr direkte Angebote, zu verkaufen. Etwa beim Mittagessen, währenddessen einfach eine Summe genannt wird, bei der man sich fast verschluckt. Das finde ich unmöglich, deshalb erzähle ich das.

Geschäftsführer Dr. Wolfgang Schumann (49)

In den vergangenen Jahrzehnten gab es immer wieder Krisen. Können Sie sich an eine Situation erinnern, wie wir sie jetzt mit Corona und dem Krieg in der Ukraine haben?

Dr. Oliver Kusterle: Mit diesen Verwerfungen der Lieferketten und solchen Preissteigerungen bei den Rohstoffen – das war neu für uns. Ältere Kollegen, die schon seit 30, 40 Jahren bei uns arbeiten, haben mir gesagt, dass auch sie eine Krise in dieser Form noch nicht erlebt haben.

Wie sind Sie bislang durch diese Zeit gekommen?

Dr. Oliver Kusterle: Durch schnelles und flexibles Handeln ganz gut, auch wenn wir die Lieferkettenverwerfungen schon stark gespürt haben. Da kam es auf einmal zu Verzögerungen an unerwarteten Stellen, also bei Dingen, die sonst nie ein Thema sind. Grundchemikalien wie Essig- oder Zitronensäure beispielsweise konnten nicht rechtzeitig geliefert werden. Das hat sich jetzt wieder beruhigt.

Lief die Produktion in den vergangenen Monaten normal?

Dr. Oliver Kusterle: Normal ist etwas anderes, wir haben viel jongliert. Ein Beispiel: Am Anfang der Corona-Krise 2020 mangelte es in der westlichen Welt an Schutzkleidung und Filtern für medizinische Berufe. Es gab einen großen Nachfrageüberhang. Wir haben eine Chemie, die in diesem Bereich eingesetzt wird. Da haben wir schnell reagieren können, um diese Nachfrage zu bedienen. So haben wir länger eine gute Auslastung gehabt. Wir sind durch die Corona-Krise ohne einen Tag Kurzarbeit gekommen. Das war in der Industrie eher selten.

Am Stammsitz arbeiten 385 Menschen. Hatten Sie größere Personalausfälle aufgrund der Pandemie?

Dr. Wolfgang Schumann: Es war schon ein Thema für uns, wie wir die Funktionsfähigkeit im Unternehmen erhalten. Wir haben sehr früh angefangen, in Schichtmodelle zu gehen und die Leute aufzuteilen. Homeoffice gab’s bei uns vorher in der Breite nicht. Dafür waren wir infrastrukturell nicht ausgelegt. Aber das konnten wir relativ zügig ändern. Wir haben es geschafft, immer für unsere Kunden ansprechbar zu sein.

Cédric Duchemin: In Corona-Hochzeiten hatten wir parallel zwölf Covid-Fälle in der ganzen Belegschaft. Was für uns spricht, ist die Tatsache, dass sich die Personen übrigens nicht intern angesteckt hatten, das konnten wir zurückverfolgen. Das zeigt, dass unser Schutzkonzept und auch die Kommunikation sehr gut funktioniert haben. Auch vor unserer 100-Jahr-Feier im Juli hatten wir ein Sicherheitskonzept für unsere Mitarbeiter und die internationalen Gäste, das alle mitgetragen haben.

Was sind die aktuell drei größten Herausforderungen für die Firma Rudolf?

Dr. Wolfgang Schumann: Die Rohstoffverfügbarkeit ist schon ein Riesenthema.

Dr. Oliver Kusterle: Die Energiepreise und damit auch die Verfügbarkeit am Ende. Und die zunehmende Regulierung von Chemikalien in Deutschland und Europa.

Geschäftsführer Dr. Oliver Kusterle (53)

Sie sprechen die neue Chemikalienverordnung an, die die EU im Jahr 2024 einführen möchte.

Dr. Wolfgang Schumann: Das wird dazu führen, dass gewisse Produkte nicht mehr in Europa hergestellt werden, weil es zu teuer ist. Das verhindert weitere Innovation.

Wolfgang Schumann: Die Firma Bayer zum Beispiel hat das Schmerzmittel Aspirin erfunden. Wenn es nicht importiert würde, gäbe es nirgends mehr in Deutschland Aspirin, weil es hier nicht mehr produziert wird. Dabei ist es für ein Land strategisch wichtig, dass es gewisse Produkte selbst herstellt.

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Industrie, und vor allem die Chemieindustrie, ist ein energieintensives Geschäft. Treiben Ihnen die explodierenden Preise die Sorgenfalten auf die Stirn?

Dr. Oliver Kusterle: Wir, aber auch unsere Kunden, benötigen viel Energie. Und unsere Kunden brauchen außerdem viel Gas für ihre Prozesse. Das macht uns Sorgen. Was unsere Lieferanten angeht: Wir hängen wie viele Spezialchemieunternehmen auch von der Großchemie ab. Wenn es so sein sollte, dass Gas dermaßen knapp wird, dass die BASF (ein Chemiekonzern, Anm.d.R.) weniger als 50 Prozent bekommt und wie angekündigt schließen müsste, hätte das große Auswirkungen auf uns. Wir würden eher aus diesem Grund stillstehen als aus Energiemangel. Aber noch ist es nicht soweit.

Jahrelang forschte Rudolf an einem fluorfreien, nachwachsenden Imprägniermittel. 2021 gelang der Durchbruch. Hat es sich schon zum Kassenschlager entwickelt?

Dr. Wolfgang Schumann: Wir sind ausverkauft und hängen mindestens acht, neun Monate mit der Lieferung hinterher. Ich denke, wir sind mittlerweile ein Marktführer in diesem Segment.

Was macht das Produkt so besonders?

Dr. Wolfgang Schumann: In aller Munde ist nachhaltige Chemie. Und genau das ist hier entstanden. Für dieses fluorfreie Produkt haben wir auch eine Riesenförderung vom Bundesumweltministerium bekommen.

Die Firma Rudolf will sich vergrößern: Um ein benachbartes Grundstück an den Stammsitz anzuschließen, soll eine öffentliche Straße, der Dieselweg, zu einer Sackgasse werden. Wie wichtig ist die geplante Erweiterung für den Fortbestand der Firma?

Wolfgang Schumann: Wir müssen wachsen. Wenn wir den Standort hier nicht erweitern können, werden wir woanders wachsen.

Dr. Wolfgang Schumann: Das soll keine Drohung mit Abwanderung sein. Unsere Bitte liegt auf dem Tisch, und es spricht viel für uns, weil wir in Geretsried eine starke Forschung und Entwicklung haben. Und das ist genau das, was wir auf dem Grundstück machen wollen. Es würde uns sehr freuen, wenn wir die Zustimmung bekommen würden.

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Würden Sie Geretsried verlassen, wenn die Erweiterung nicht möglich ist?

Dr. Oliver Kusterle: Wenn gegen uns entschieden werden sollte, bedeutet das nicht das Ende der Firma Rudolf in Geretsried. Wir werden hier weiter bestehen. Aber Wachstum und Impulse müssten woanders stattfinden. Wir sind hier am Limit.

385 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt Rudolf in Geretsried. Wer ist der oder die dienstälteste?

Personalleiter Cédric Duchemin (39) .

Cédric Duchemin: Das ist eine sehr langjährige und verdiente Mitarbeiterin aus der Anwendungstechnik. Sie ist seit 46 Jahren bei uns. Insgesamt haben wir acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit einer Betriebszugehörigkeit zwischen 38 und 46 Jahren. Neben den erfahrenen Kolleginnen und Kollegen setzen wir auch verstärkt auf die Ausbildung in unserem Haus. Im September fangen neun Auszubildende in sechs verschiedenen Ausbildungsprogrammen bei uns an. Zusätzlich bieten wir einen dualen textiltechnischen Bachelor, einen Masterstudiengang und ein Traineeprogramm an, um den Nachwuchs zu stärken.

100 Jahre Rudolf Chemie

Die Chemische Fabrik Rudolf & Co wurde 1922 von Reinhold Rudolf in Warnsdorf gegründet und 1924 von Ernst Schumann aus dem benachbarten Reichenberg übernommen. Zwei Jahre später folgte die Erweiterung jenseits der deutsch-tschechischen Grenze in Zittau. 1942 trat Ernst Schumanns Sohn Wolfgang in die Firma ein. Nach der Vertreibung landete die Familie in Zittau. Vater und Sohn suchten in West-Deutschland nach einer Möglichkeit, die Produktion von Textilhilfsmitteln wieder aufzunehmen. Im Dezember 1945 erhielt die Firma Rudolf eine Arbeitserlaubnis. 1946 begann die Produktion von Textilhilfsmitteln in zwei ehemaligen Bunkern in Geretsried. Es folgten Betriebserweiterungen und 1984 die erste Produktionsstätte in Übersee (Südafrika). Die Firma baute in der Folgezeit weitere Standorte im Ausland auf. Rudolf ist in China, Indonesien, Brasilien, der Türkei, USA, Pakistan und Indien vertreten. Heute produziert die Rudolf-Gruppe in acht Ländern, besitzt 20 Auslandsgesellschaften und 30 Vertretungen weltweit. Das Unternehmen beschäftigt insgesamt über 1900 Mitarbeiter. An der Spitze stehen als Geschäftsführer Wolfgang Schumann, sein Sohn Dr. Wolfgang Schumann, Dr. Oliver Kusterle sowie Dr. Gunther Duschek.

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