Sie thront auf dem Kalvarienberg hoch über der Stadt und hat eine ganz besondere Bedeutung. Am Freitag haben die Tölzer Schützenkompanie, der Verein der Zimmerleute und einige hundert Bürger das 300-jährige Bestehen der Leonhardikapelle mit einer würdigen Feierstunde begangen.
Bad Tölz – Die Zahl 300 leuchtete am steilen Kalvarienberg-Hang hinaus ins Isartal als Zeichen eines besonderen Jubiläums: Seit 300 Jahren gibt es die Leonhardikapelle auf dem „Hechenberg“. Einst wurde sie von Tölzer Zimmerleuten erbaut. Deren heutige Nachfahren nahmen die runde Jahreszahl nun zum Anlass für eine würdige Feierstunde. Im Marschschritt angeführt vom Tölzer Spielmannszug und der Schützenkompanie sowie den Mitgliedern des Vereins der Tölzer Zimmerleute nahm auch eine stattliche Anzahl an Leonhardifahrern am Freitagabend vor der Kapelle Aufstellung.
Der dortige Gottesdienst erinnerte zudem an die Gefallenen der Mordweihnacht 1705. Der Volksaufstand gegen die österreichischen Besatzer und der Ansturm auf die Landeshauptstadt hatten mit einem grauenvollen Gemetzel geendet, bei dem viele Aufständische im Kampf gegen die weit überlegenen Kaiserlichen ihr Leben ließen. Beteiligte Tölzer Zimmerleute für den Fall ihrer glücklichen Heimkehr die Errichtung einer Kapelle gelobt haben.
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„Es war ein patriotischer Kampf, in den die Heimatverteidiger seinerzeit zogen“, unterstrich Georg Melf, aktueller Vorsitzender der Zimmerer, in seinem Rückblick auf die Geschichte der Leonhardikapelle, die untrennbar mit der Geschichte seines Vereins verbunden ist. 1661 mit dem Zweck der Versorgung kranker und verunfallter Kameraden und deren Familien gegründet, ist das Verbündnis heute der zweitälteste Verein in Tölz.
Um das Kirchlein bauen zu können, seien seinerzeit über mehrere Jahre hinweg unter anderem „Auflagegelder und sonstige Gefälle“ gesammelt worden, berichtete Melf. Nachdem die Österreicher abgezogen und die erforderlichen Genehmigungen erteilt worden waren, konnte mit Unterstützung von Hand- und Spanndiensten der Tölzer Bürgerschaft 1718 schließlich das Gelübde eingelöst werden. Der schmerzhaften Muttergottes geweiht, wurden in der Kapelle außerdem auch der heilige Joseph, Johannes der Täufer sowie Leonhard besonders verehrt. Letzterer sei zu größerer Bedeutung gekommen, so Melf, als 1743 eine Viehseuche gewütet habe und immer mehr Wallfahrer mit der Bitte um Verschonung und um Segen für die Tiere das kleine Gotteshaus auf dem Kalvarienberg aufsuchten.
Dass es – obwohl zum Abriss freigegeben – die Säkularisation unbeschadet überstand, dafür hätten die Zimmerleute die Kapelle sogar bewacht. „Und es ist nichts vom Inventar weggekommen.“
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Nach einer Restaurierung im Jahr 2004 mit ebenfalls vielen Unterstützern sei ihr zuletzt eine einmalige Ehrung zuteil geworden: „Zusammen mit der Tölzer Leonhardifahrt zählt sie jetzt zum Weltkulturerbe. Was kann man mehr erreichen?“
Zur Totenehrung und dem Lied vom guten Kameraden, das eine Bläsergruppe intonierte, donnerten drei Gewehrsalven der Gebirgsschützen in die hereinbrechende Dunkelheit der milden Sommernacht. Pfarrer Peter Demmelmair appellierte an die zahlreichen Gottesdienstbesucher, sich von der Glaubenskraft der Vorfahren anstecken zu lassen. „Auch wenn heute vieles hinterfragt und angezweifelt wird, sollten wir standhaft sein und vertrauen.“
Seitlich vor der Leonhardikapelle hatten die Zimmerleute sogar ihre Fronleichnams-Tragfigur aufgebaut, die ebenso wie das Altarbild die schmerzhafte Muttergottes darstellt und vom Verein neues Engagement verlangt: Nun bedarf nämlich diese Figur einer Restaurierung.
Rosi Bauer