In Gaißach wurde einst eine Kapelle unter das Patronat der heiligen Corona gestellt. Eine Spurensuche.
Gaißach – Corona – dieser Name des sich schnell verbreitenden Virus’ beherrscht aktuell den Alltag und macht vielen Menschen Angst. Es gibt aber auch eine Heilige, die diesen Namen trägt und als Schutzpatronin gegen Seuchen gilt. In Gaißach wurde einst eine Kapelle unter das Patronat der heiligen Corona gestellt. Dieses kleine Gotteshaus, das etwa um 1470 im spätgotischen Stil mit einem kleinen Turm erbaut wurde, gibt es längst nicht mehr. Und aus dem Sprachgebrauch überwiegend verschwunden sind auch die einst zugeordneten Flurnamen „Koronafeld“ und „Kapellfleck“ – die beiden Areale befinden sich nordöstlich vom Dorf Gaißach. Eine Spurensuche.
Die Verehrung der heiligen Corona ist in Niederösterreich, Böhmen und Altbayern seit dem 14. Jahrhundert überliefert. In der hiesigen Region jedoch stand das Wirken der Märtyrerin, die wegen ihres Glaubens laut Legende im zweiten Jahrhundert an zwei herabgebogene Palmen gebunden und bei deren Emporschnellen zerrissen worden sein soll, nicht so sehr im Vordergrund. Oberbayernweit verzeichnete man außer der Gaißacher Coronakapelle nur eine weitere in Arget sowie eine St. Viktor und Corona-Nebenkirche zu Unterzarnham in der Pfarrei Mittergars (Kreis Wasserburg). Letztere beiden sind bis heute erhalten geblieben.
Geschichtsträchtig war indes das Umfeld der Gaißacher Kapelle: Östlich angrenzend an das Koronafeld liegen Grabhügel aus der Hügelgräberbronzezeit (1600 – 1300 v. Chr.). Die Kapelle selbst aber thronte mehr dorfwärts auf einem gefälligen Platz mit schönem Rundblick. Die Existenz der Gaißacher Coronakapelle belegt unter anderem eine Pergamenturkunde aus dem Jahr 1493, die im örtlichen Pfarrarchiv aufbewahrt ist. Der aus dem „Mair“-Hof in Steinbach/Wackersberg stammende Geistliche Rat Anton Bauer (1901 – 1986), der zugleich ein leidenschaftlicher Historiker war, äußerte in seinen diesbezüglichen Forschungs-Aufzeichnungen die Vermutung, dass die Corona-Verehrung hier etwa mit der Einsetzung eines eigenen Vikars in Gaißach anno 1479 aufgeblüht sein könnte, oder dass sie möglicherweise von heimischen Flößern aus der Wiener Gegend in den Isarwinkel „mitgebracht“ worden ist. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts jedenfalls, so ist bei Bauer nachzulesen, wurden zusätzlich zu Renovierungsarbeiten an und in der Kapelle 1673 die zwei „Glöckl“ im Spitzturm ersetzt: Eine hat man in München neu gießen lassen, eine weitere wurde der „Hauptkirche“ St. Michael abgekauft – die Pfarrkirche soll in ihrem Kern ebenfalls der Spätgotik entstammen.
Knapp 60 Jahre später aber klagte der seinerzeitige Pfarrvikar Anton Christl über die eingetretene Baufälligkeit der Kapelle und ersuchte um eine oberhirtliche Genehmigung für einen Neubau, der aus eigenen Mitteln finanziert werden konnte. „Das neue Kirchlein bekam noch zwei Seitenaltäre, der eine zu Ehren von St. Anna, der andere zu Ehren des heiligen Leonhard“, heißt es dazu in einer Niederschrift. Als Handwerker waren unter anderem der angesehene Wessobrunner Baumeister und Stukkateur Josef Schmuzer sowie für die figürliche Ausgestaltung höchstwahrscheinlich die Tölzer Bildhauerfamilie Fröhlich zum Einsatz gekommen. Außerdem wurden die Orgeln der Nebenkirche St. Corona und der Pfarrkirche St. Michael gegenseitig ausgetauscht. Der Corona-Turm allerdings hatte schon früher ersetzt werden müssen. Am 19. September 1735 weihte der Freisinger Bischof Johann Ferdinand Freiherr von Pödigheim die neue Kapelle, die jetzt im Stil des Rokoko erstrahlte. Dass der zuletzt rege Zulauf an Wallfahrern nun ausblieb, erklärte man sich später damit, dass zeitgleich die Verehrung des Seitenaltarbildes der „Mutter der schönen Liebe“ in der Pfarrkirche und der Statue der „Schmerzhaften Mutter zum abbrennten Kreuz“ in Puchen stark im Kommen war.
Überhaupt sollte der neuen Kapelle kein übermäßig langes Dasein mehr beschieden sein: Im Zuge der Säkularisation wurde sie 1803 auf die Liste der entbehrlichen Kirchen gesetzt und 1804 durch einen Blitzschlag schwer beschädigt. Damit war das Ende besiegelt.
Nachdem „die Stiftungen ebenso wie die sakralen und liturgischen Gegenstände zur Pfarrkirche überführt und die Altarreliquien gesichert“ worden waren, kamen die verbliebenen Gerätschaften und Materialien zur Versteigerung. Im Dezember 1807 erfolgte der Abbruch. Aus dem Versteigerungserlös wurden 100 Gulden für den seinerzeit angeordneten Schulhaus-Neubau im Ortsteil Mühl verwendet.
Und was erinnert heute noch an die Coronakapelle? Laut mündlicher Überlieferung sind in einigen Gaißacher Familien Heiligenfiguren aus der Nebenkirche erhalten geblieben. Die spätgotische Corona-Statue, die ebenfalls zur Pfarrkirche überführt worden war, gilt als verschollen. In St. Michael noch in Gebrauch ist dagegen der sogenannte Corona-Kelch aus dem 18. Jahrhundert mit einem eingelegten Emaille-Medaillon, auf dem die Patronin abgebildet ist. Überdies gibt es ein Gemälde der Heiligen auf dem Oberteil des Marienaltars in der Pfarrkirche sowie im nördlichen Eingang ein auf Holz gemaltes Tryptichon, das die Michaels- und im Hintergrund schemenhaft die Coronakirche zeigt.
Die heilige Corona, deren Namensfest am 14. Mai begangen wird, ist etwas in Vergessenheit geraten. Vielleicht denken in aktueller Zeit manche Gläubigen wieder häufiger an sie. (Rosi Bauer)
Quellen
Die Angaben stammen aus der Datensammlung der Gaißacher Chronik aus der Festschrift „175 Jahre Erhebung des Vikariats Gaißach zur Pfarrei“ sowie aus dem Tölzer Stadtarchiv.
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