Die Corona Krise stellte vor allem Wohneinrichtung für Menschen mit Behinderung vor immense Probleme. Auch die Mitarbeiter sind unter den aktuellen Umständen einem hohen Risiko ausgesetzt.
Bad Tölz/Geretsried – Knapp 300 Beschäftigte der gemeinnützigen Oberland-Werkstätten sind seit Mitte März im Zwangsurlaub. Wie berichtet mussten diese ihren Betrieb aufgrund der Corona-Epidemie einstellen. Die unumgängliche Entscheidung trifft die Lebenshilfe mit voller Wucht: 115 der betroffenen Menschen mit Behinderung leben nämlich nicht bei Angehörigen, sondern in den Tölzer und Geretsrieder Wohneinrichtungen. Dort müssen sie jetzt rund um die Uhr betreut werden.
Ihre teilstationären Einrichtungen, sprich Kindertagesstätte, Förderschule, Heilpädagogische Tagesstätte und Förderstätte für schwerst mehrfach behinderte Erwachsene, hat die Lebenshilfe bereits vor Wochen geschlossen. In den vollstationären Wohnheimen muss die Arbeit jedoch weitergehen.
Zwangsurlaub in den Oberland-Werkstätten
Der eigentlich nötige Sicherheitsabstand lässt sich dabei nicht umsetzen. „Unsere Bewohner leben auf sehr engem Raum zusammen“, sagt die Tölzer Leiterin Manuela Cott.
Den Mitarbeitern macht diese Situation zu schaffen. „Auch wenn wir professionell Zuversicht ausstrahlen, haben wir dennoch alle unbeschreibliche Angst vor einer Infektionswelle in unserer Einrichtung“, gesteht Cott. Die Einrichtung benötige dringend Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel. Noch seien alle gesund, doch dieser Mangel sei für das Personal nervenaufreibend. „Händeringend warten wir in dieser Hinsicht auf Unterstützung“, so die Einrichtungsleiterin. Beim Landratsamt habe man den Bedarf angemeldet und bereits Zusagen erhalten, „doch noch warten wir darauf“.
Sicherheitsabstand lässt sich in Wohnheimen nicht umsetzen
Unterstützt würden die Wohnheime aktuell von einigen Kollegen aus den geschlossenen Lebenshilfe-Einrichtungen. „Für diese wertvolle Hilfe sind wir sehr, sehr dankbar“, sagt Manuela Cott.
Die absolute Notlage und die Ängste der Angestellten bestätigt auch Monika Lauber, Leiterin der Geretsrieder Wohnstätte am Wünschelwald, wo schwerst mehrfach behinderte Menschen leben: „Uns fehlt es auch an allem, ihren Mundschutz müssen sich unsere Mitarbeiter selber nähen.“ Natürlich stünden die Bewohner jetzt unter Quarantäne. „Aber wir sind außerhalb des Dienstes draußen bei unseren Angehörigen“, erklärt Lauber die Situation.
Dass diese für die Beschäftigten schwierig ist, weiß auch Lebenshilfe-Geschäftsführer Franz Gulder. „Ihr vorbildlicher Einsatz ist aller Ehren wert“, betont er. Man sei jetzt darum bemüht, dass möglichst viele der untergebrachten Bewohner vorübergehend wieder zu ihren Angehörigen gehen, denn: „Das Ansteckungsrisiko ist in einer Einrichtung naturgemäß höher als im viel kleineren Kreis der Familie.“ Bisher sei dies allerdings erst in sehr wenigen Fällen möglich gewesen.
Mitarbeiter müssen sich Mundschutz selber nähen
Seitens der Vorstandschaft haben sich Prof. Martin Lechner und sein Stellvertreter Bernd Angermann per Schreiben direkt an die Beschäftigten gewandt, ihnen Unterstützung zugesichert und ihnen Hochachtung und Dank zum Ausdruck gebracht: „Sie sorgen sich jetzt um Ihre ‚Schützlinge‘, und hier passt dieses überkommene Wort wieder.“ Die Angestellten seien „an vorderster Front tätig und haben ein ungleich höheres Risiko zu tragen, und es bedarf dafür großen Mutes“. Die Vorstände stünden „in engem Kontakt mit der Geschäftsführung, bewerten Tag für Tag die Lage neu und versuchen, die richtigen Entscheidungen zu treffen“.
Im Juni wollte die Lebenshilfe-Kreisvereinigung eigentlich ihr 50-jähriges Bestehen feiern. Auch dazu äußern sich Lechner und Angermann: „Die Jubiläumsfeiern haben wir erst mal auf unbestimmte Zeit verschoben, nicht zuletzt, um Sie von unnötigen Vorbereitungsarbeiten zu entlasten.“
Rainer Bannier