Konkrete Verhandlungen laufen

Ausweitung des MVV-Verbunds: Ein Landkreis, ein Tarif

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Einheitliches Netz, einheitlicher Fahrplan und ein Tarif: Momentan gehört nur der Landkreis-Norden zum MVV-Verbund. Das soll sich ändern. Auch die Nachbarlandkreise hätte Landrat Josef Niedermaier gerne mit im Boot.
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Momentan liegt nur der nördliche Teil von Bad Tölz-Wolfratshausen im MVV-Gebiet. Das soll sich ändern. Und am besten sollen auch die Nachbarlandkreis dem Verbund noch mit beitreten.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Es ist das erklärte Ziel von Landrat Josef Niedermaier: die Erweiterung des MVV-Gebiets auf den ganzen Landkreis. Momentan ist nur der Norden Mitglied im Münchner Verkehrsverbund und profitiert von den günstigeren und einheitlichen Tarifen im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Sinnvoll wäre, wenn im Zuge der Erweiterung auch Miesbach und Weilheim-Schongau mit ins Boot geholt würden. Das wäre wichtig mit Blick auf die Kochelseebahn und die Bayerische Oberlandbahn, die beide Bereiche in den Nachbarlandkreisen queren, bevor sie MVV-Gebiet erreichen. Gerade aber auch mit Blick auf die dringend notwendigen Ost-West-Busverbindungen wäre ein einheitliches Netz mit einheitlichem Fahrplan und Tarif hilfreich.

„Unser gemeinsames Ziel ist die Verkehrswende im Oberland“

Während die Weilheimer Landrätin Andrea Jochner-Weiß abwinkt, sieht es mit dem Nachbarn im Osten deutlich besser aus. Bei einem Gespräch mit MVV-Geschäftsführer Bernd Rosenbusch am Donnerstag haben der Miesbacher Landrat Wolfgang Rzehak (Grüne) und Amtskollege Niedermaier (FW) eine „klare Absichtserklärung“ für einen 100-prozentigen Beitritt beider Landkreise zum Verbund abgegeben, berichtet Niedermaier.

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„Unser gemeinsames Ziel ist die Verkehrswende im Oberland“, sagt der Miesbacher Landrat. „Da sind wir uns absolut einig.“ Und diese Verkehrswende könne nur gelingen, wenn mehr Leute öffentlich statt mit dem Auto fahren, sagt Niedermaier. Die Mitgliedschaft im MVV könne helfen, den ÖPNV attraktiver zu machen. Denn es seien weniger die Ticketpreise, sondern vielmehr das komplizierte Tarif- und Fahrplansystem, das viele Menschen abhalten würde, auf Bus und Bahn umzusteigen, glaubt Rzehak.

Anfang 2019 wollen die beiden Landräte ihre jeweiligen Kreisgremien zum Thema befragen und die politische Absicht mit einem Beschluss dokumentieren. „Da muss jeder Farbe bekennen“, so Rzehak.

Am spannendsten ist die Frage nach den Kosten

Mit am spannendsten erwartet werden wohl die Kosten. Laut einer groben Schätzung rechnet Rzehak für Miesbach mit einem Defizit-Betrag von 2,2 bis drei Millionen Euro. Der größte Teil davon entfalle aber auf den Schienen-Personennahverkehr, für den der Freistaat zuständig ist. Rzehak will bei der Staatsregierung darauf pochen, dass die angekündigte finanzielle Unterstützung tatsächlich kommt. „Ich gehe davon aus, dass das nicht nur ein Wahlversprechen war.“

Doch auch wenn der Freistaat die Defizite auf der Schiene ausgleicht, wird Bad Tölz-Wolfratshausen nach der Ausweitung des MVV-Gebiets auf den ganzen Landkreis deutlich mehr Geld für den ÖPNV ausgeben müssen. Derzeit sind es pro Jahr rund 1,4 Millionen Euro, die zum Großteil in die MVV-Buslinien in den nördlichen Landkreis fließen.

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Der Grund liegt im System. Im MVV, in dem acht Landkreise, die Stadt München und der Freistaat zusammengeschlossen sind, werden alle Linien gemeinwirtschaftlich ausgeschrieben. Einfach ausgedrückt: Der Landkreis sagt, von wo nach wo und wie oft Busse fahren sollen. Der MVV schreibt die Linien im Auftrag des Landkreises europaweit aus. Der Unternehmer mit dem besten Angebot erhält den Zuschlag und bekommt monatlich seine Betriebskosten überwiesen. Im Gegenzug erhält der Kreis die Einnahmen aus den Fahrkartenverkäufen. „Zu 95 Prozent rentieren sich die Buslinien nicht“, sagt Matthias Schmid, ÖPNV-Experte am Landratsamt. Nur einige wenige würden so viele Einnahmen bringen, dass die Kosten gedeckt werden können. Bei allen anderen bleibt ein Defizit, das der Kreis ausgleichen muss.

Im Landkreis-Süden gibt es das so meistens nicht. Dort fährt der Regionalverkehr Oberbayern (RVO) eigenwirtschaftlich. Das heißt, das Unternehmen schaut, wo sich Busverbindungen rentieren könnten, beantragt dafür bei der Regierung von Oberbayern eine Konzession und fährt auf eigene Rechnung. Auch die Ticketpreise legt das Unternehmen fest. „Der MVV-Tarif ist natürlich günstiger als der Beförderungstarif vom RVO“, sagt Schmid. Für den Kreis ist dieses System allerdings finanziell besser, denn am Ende bleibt für ihn kein Defizit. Dafür muss er in Kauf nehmen, dass entlegene Ziele selten oder gar nicht angefahren werden und sich die Linie am Schülerverkehr und Tourismus orientieren. Will er das anders haben, muss der Kreis auch dafür bezahlen.

Wann kommt der Beitritt? Vielleicht 2022

Viele Fragen sind derzeit offen – auch weil es in den 22 Jahren seit Abschluss des MVV-Gesellschaftervertrags noch nie eine Erweiterung um ganze Landkreise gab. Müssen neue Mitglieder Gesellschafter werden und genau wie die alten eine Einlage zahlen? Was passiert mit den an den RVO auf Jahre vergebenen, eigenwirtschaftlichen Linien? Wie schnell kann die Erweiterung vollzogen werden? Rzehak nennt hier Ende 2022 als Ziel, gibt sich aber vorsichtig. „Vielleicht dauert es auch ein bis zwei Jahre länger.“ Sehr viel länger sollte es allerdings nicht dauern, denn die Neuausschreibungen von BOB und Kochelseebahn stehen an – und die sollten bereits im MVV-Tarif erfolgen.

Der MVV bereitet einen Großversuch zur Einführung eines Streckentarifs vor. Ab März 2020 sollen 10 000 MVV-Gelegenheitsfahrer an einem Großversuch teilnehmen.

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