Andi Potschacher spricht über Probleme

Zwieselalm steht vor dem Aus: Familie unternimmt letzten Versuch - „Unser Herz hängt daran“

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Die malerische Zwieselalm ist vor allem unter den Einheimischen beliebt. Almwirt Andi Potschacher steht aber vor großen Problemen.
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Obwohl sich immer mehr Menschen in den Bergen aufhalten, steht die Zwieselalm bei Bad Reichenhall kurz vor dem Aus. Andi Potschacher und seine Familie führen als letzten Versuch neue Öffnungszeiten im Sommer ein. Sie hängen sehr an ihrer Alm und haben noch Hoffnung, dass die Wende gelingt. Doch eins ist klar: So wie es bisher gelaufen ist, kann es nicht mehr weitergehen. Das sind die Hintergründe für das drohende Aus.

Bad Reichenhall - Sie gehört zu den letzten bewirteten Almen in der Region, die ohne Fahrweg auskommen muss und rein privat geführt wird. Vor allem unter den Einheimischen gilt sie als beliebtes Wanderziel am Fuße des Zwiesels (1782 Meter), dem höchsten Berg im Staufengebirge. Schon seine Eltern Grazi und Brigitte und davor der Onkel seines Vaters betrieben die Alm, wie Andi Potschacher erzählt. „Ich war schon im Alter von einem Jahr dort oben, ich bin da aufgewachsen. Natürlich hänge ich sehr daran“, macht er klar. 2018 übernahm er die Alm zusammen mit seiner Familie, doch in den vergangenen Jahren spitzte sich die Lage immer weiter zu.

„Wir sind eine Alm in Privatbesitz und auf Hubschrauber-Versorgung angewiesen: Das gibt es selten und unterscheidet uns sehr von anderen Hütten“, erklärt er. Allein der Hin- und Rückflug des Helikopters kostet eine Pauschale in Höhe von 400 Euro, plus 150 Euro für jede Rotation vor Ort (fünf Flugminuten/800 kg Last pro Flug). In den Vorjahren unter den alten Öffnungszeiten musste die Versorgung über den Hubschrauber etwa viermal im Jahr in Anspruch genommen werden. Das sollte heuer deutlich weniger werden, glaubt Potschacher.

Malerischer Anblick.

Schweißtreibendes Schleppen

Zusätzlich gibt es noch circa 20 freiwillige Träger, die immer wieder kostenlos über den Mulisteig Getränke oder Sonstiges zur Alm hochtragen. Bei bis zu 35 Kilogramm eine mühsame und schweißtreibende Arbeit, weiß der Wirt, doch es geht nicht anders: „Ich kann mit dem Auto nur bis zum Mulisteig fahren, ansonsten gibt es keine andere Option.“ Als dritte Hilfsoption kommen die Gebirgsjäger der Bundeswehr infrage, die ebenfalls Versorgungsgüter mit ihren Tragtieren hochtragen. Auch das kostet viel Geld, da es jedes Jahr einen neuen umständlichen Vertrag braucht und sie nicht immer verfügbar sind. 

Alle Versuche seit 2015, den Bestandsweg etwas auszubauen, damit man ihn mit einem kleinen Quad befahren und den Weg besser pflegen könnte, wurden von den zuständigen Behörden gnadenlos abgelehnt, erzählt der Almwirt. Seit 2024 lässt er das Abwasser mit dem Helikopter hinunterfliegen. „Ich baue dort oben sicherlich keine Kleinkläranlage für 100.000 Euro, die dann nicht richtig funktioniert und für die ich noch hohe Folge- und Wartungskosten bezahlen muss“, so Potschacher. „Wir tragen privat die Verantwortung und müssen genau schauen, ob sich das lohnt. Zu uns kommen viele Einheimische, aber nicht so viele Touristen wie etwa zum Jenner.“

Andi Potschacher übernahm die Alm von seinen Eltern Grazi und Brigitte.

Der Geldbeutel sitzt nicht mehr locker

Allein wegen dieser Kosten - Erneuerung der Photovoltaikanlage, Stromaggregat, Personal, Wasser, Trinkwasseraufbereitung kommen noch dazu - müssten die Potschachers in ihrer Alm eigentlich ganz andere Preise verlangen. „Sobald wir erhöhen, gehen die Einnahmen zurück. Wir merken das sofort“, bestätigt Tochter Christina. „Es sind zwar viel mehr Leute am Berg, aber sie kehren weniger in den Almwirtschaften ein, als es noch früher der Fall war.“ Und wenn, dann nur für ein Getränk, weil viele ihre Brotzeit selbst mitnehmen. „Das Leben wird teurer und wir merken, dass die Bereitschaft nicht mehr da ist, bei uns Geld auszugeben“, sagt sie.

Ihr Vater bestätigt, dass es diese Entwicklung seit der Pandemie gibt. Und dann kommen noch die Auflagen dazu, die ihn immer wieder an seine Grenzen bringen. Ein Beispiel: die Berghütte Kaiser-Wilhelms-Haus, die direkt neben der Alm liegt und ihm auch gehört. „Das Übernachtungshaus lasse ich so stehen, wie es ist. Seit der Brandkatastrophe in Schneizlreuth an Pfingsten 2015 müsste ich hierfür den Brandschutz nachweisen“, erklärt der 56-Jährige.

Denkmalschutz verhindert Modernisierung

Das Problem ist, dass die Berghütte genauso wie die Alm denkmalgeschützt ist. „Eine Modernisierung, noch dazu an dieser Stelle: Das ist unbezahlbar“, betont Potschacher. Deshalb verzichten er und seine Familie schon seit Jahren auf Übernachtungen. Zudem sei gar nicht klar, ob diese eine „Rettung“ darstellten, denn: Einerseits wären dann die Besucher länger anwesend und würden vermutlich mehr Geld für Speisen und Getränke ausgeben. „Aber wir bräuchten auch mehr Personal und jemanden für die Arbeit dort oben zu finden ist schwierig“, erklärt der Wirt.

Seine Tochter schildert, dass auch das Wasser zunehmend zum Problem wird. „Es wird immer trockener und unsere Quelle lässt immer mehr nach. Eigentlich müssten die Tanks bauen, um Regenwasser zu sammeln“, sagt sie. Auch hier zeigt sich das Problem Auflagen: Allein die Gutachten zur Wasserqualität verschlingen mehrere Tausend Euro.

„Da fühle ich mich verarscht“

„Hier oben ist noch niemand am Quellwasser gestorben“, betont ihr Vater. „Das Wasser wird schon seit zwölf Jahren gefiltert und UV-bestrahlt. Aber wenn ich dann vom Umweltbundesamt aufgefordert werde, eine Risikoanalyse zum Quelleinzugsgebiet wegen chemischer Schadstoffe bei einem Gutachter zu beauftragen, da hört es bei mir auf. Wir reden hier von einer Alm unter einem Gipfel mitten in der Natur, da fühle ich mich verarscht“, macht er seinem Ärger Luft.

Der Ausblick in Richtung Bad Reichenhall, Lattengebirge und Untersberg.

Selbst die Erwartungshaltung mancher Gäste hat sich verändert. „Wir sind eine Alm mit Holzofen. Manche meinen, bei uns gibt es Wiener Schnitzel, Eiscreme und Maracuja-Schorle“, schildert Christina. Ein warmes Gericht am Tag, Brotzeit: Den meisten Besuchern reicht das auch, doch manche kommen mit den falschen Ansprüchen hierher. „Wenn wir ihnen aber erklären, dass wir keinen Fahrweg haben, sind viele regelrecht geschockt. Dann gibt es auch Verständnis.“

Wenn die gesamte Freizeit für das Hobby draufgeht

Sie selbst hätte sich das durchaus vorstellen können, irgendwann einmal die Zwieselalm von ihrem Vater zu übernehmen und weiterzuführen. „Auch wenn ich weiß, was das bedeutet: Im Sommer opfert man seine komplette Freizeit dafür auf“, betont sie. Denn schließlich machen sie das als „Hobby“ und aus Leidenschaft, alle gehen hauptberuflich anderen Jobs nach. „Doch bei all den Problemen überlegt man sich das fünfmal, ob man das wirklich möchte.“

Die goldenen Zeiten der 70er- und 80er-Jahre mit ordentlichen Gewinnen sind vorbei.

Andi Potschacher

Auch ihr Vater macht keinen Hehl daraus, dass die Familie an ihre Grenzen gekommen ist und sich deswegen für die verkürzten Öffnungszeiten entschieden hat. Er selbst hat seine Stunden im Hauptberuf aufgestockt, seine Frau hat sich eine Festanstellung gesucht. „Die goldenen Zeiten der 70er- und 80er-Jahre mit ordentlichen Gewinnen sind vorbei. Und wenn es dieses Jahr wieder so schlecht läuft, hören wir auf und vermieten die Alm an einen Privat-Interessenten. Leider wird dann die Gaststätte dauerhaft geschlossen bleiben. Wir können nicht ständig unsere Löhne für die Aufrechterhaltung des Gaststättenbetriebes verwenden“, betont Potschacher. Schließlich würden in der „alten Burg“ immer wieder Instandhaltungsarbeiten anfallen, zusätzlich zu den laufenden Kosten.

Alm wird noch mehr zur Familiensache

Mit den neuen Umstellung auf samstags, sonntags und feiertags wird die Familie verstärkt die Alm leiten und weniger auf Personal setzen. „Unter der Woche haben wir einfach nicht die Einnahmen, die längere Öffnungszeiten noch rechtfertigen.“ Auch die Sommer hätten sich verändert, die Wetterlagen seien zu häufig zu inkonstant und instabil. „Wenn die Apps für den Nachmittag ein Gewitter vorhersagen, können wir eigentlich schließen. Dann kommt niemand mehr, selbst wenn sich das Wetter doch anders verhält.“

Ob sie überhaupt noch weitermachen, darüber denkt die Familie schon länger nach. „Ich wollte eigentlich schon heuer aufhören, weil ich keine Lust mehr auf die ständige Gängelei und Ignoranz der Behörden habe“, gibt der Wirt zu. Der Plan ist, dass die neuen Öffnungszeiten die Kosten und den Aufwand verringern. Es handelt sich um den letzten Versuch, doch nochmal das Ruder herumzureißen. Zu sehr fühlt sich die Familie mit der Zwieselalm verbunden, wie der Inhaber bestätigt.

„Wir sind damit groß geworden, unser Herz hängt daran. Es kommen zwar weniger Gäste, aber die meisten glücklich. Die Reaktionen auf unsere Entscheidung geben uns Hoffnung, es gibt viel Verständnis. Und viele freuen sich einfach, dass wir doch noch weitermachen“, sagt er. Und seine Tochter fügt hinzu: „Wir alle sind gerne oben und haben Spaß daran, sonst würden wir es nicht machen.“ (ms)

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