Die „Grande Dame der Alpen“ fährt seit fast 100 Jahren

Predigtstuhl soll zur „Erlebniswelt 1928“ werden - Baustart schon im Oktober

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Geschäftsführer Stephan Semmelmayr äußert sich zu den Plänen am Reichenhaller Hausberg.
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Die Predigtstuhlbahn ist die älteste im Original erhaltene Großkabinen-Seilschwebebahn der Welt und fährt schon seit 1928 unfallfrei. Um die kostenintensive Bahn wieder aus den roten Zahlen zu bekommen, plant Geschäftsführer Stephan Semmelmayr eine „Erlebniswelt“. Wie die aussehen wird, erklärt er im Gespräch.

Bad Reichenhall – Als wir uns zum Interview mit dem Geschäftsführer Stephan Semmelmayr an der Talstation treffen, wird sofort klar, wie sehr die Wirtschaftlichkeit der Predigtstuhlbahn vom Wetter abhängt. Betriebsleiter Chris Kölling sitzt an diesem Morgen an seinem Schreibtisch, studiert die Wetterberichte und muss eine Entscheidung treffen.

Auch wenn es unten im Tal nicht so wirkt: Der Wind am Berg ist zu stark, die Bahn kann nicht fahren. Dennoch möchte einer der über 40 Mitarbeiter Reparaturen an der Bergstation vornehmen. Dafür muss er nun den Sessellift nehmen, der auch für den Fall eingesetzt werden würde, falls Menschen geborgen werden müssen, wenn die Bahn nicht fährt.

Die Talstation der denkmalgeschützten Predigtstuhlbahn

Hohe Instandhaltungskosten

Passiert ist in der nun fast hundertjährigen Geschichte der „Grande Dame der Alpen“ zum Glück noch nie etwas. Die denkmalgeschützte Predigtstuhlbahn fährt seit 1928 unfallfrei. Doch die Dame, die im Besitz von Max Aicher ist, zeigt natürlich gewisse Alterserscheinungen. In den vergangenen zehn Jahren wurde daher sehr viel saniert. Im Moment liegt die Gondel 1 komplett zerlegt bei einer Firma in Oberösterreich zur Restaurierung. Sogar die Schrauben müssen hier nach Maß nachgefertigt werden. Kostenpunkt: 350.000 Euro. Ein Dummy - also ein Nachbau - für 150.000 Euro ersetzt derweil diese Gondel. Ist sie wieder einsatzbereit, geht es an die Restaurierung der Gondel 2.

Irgendwann müsse auch der große Zahnkranz ausgetauscht werden, erklärt Semmelmayr. Die Folge wäre, dass die Bahn wohl drei Monate stillstehen würde, es sei denn, man würde den Zahnkranz schon auf Vorrat nachbauen. „Es gibt aber nicht nur das Zahnrad, es gibt auch das Getriebe und die Antriebswelle. Wenn ich alle Teile zusammenzähle und ich redundant unterwegs sein möchte, also auf Nummer sicher gehen möchte, dass ich das Ersatzteil da habe, wenn etwas kaputtgeht, brauche ich ein Ersatzteillager in Höhe von drei Millionen Euro.“

Lebensgefühl der Goldenen Zwanziger und des Wirtschaftswunders der Fünfziger

Auch Reparaturen wegen Blitzeinschlags schlagen zu Buche: In diesem Jahr waren es schon vier. Klar ist: Die Instandhaltung der Predigtstuhlbahn verschlingt viel Geld. Hinzu kommt, dass die Bahn pro Stunde nur 100 Fahrgäste auf den Berg bringen kann – ein Bruchteil dessen, was etwa die Jennerbahn schafft (1600 pro Stunde). Max Aicher unterstützt die Bahn aus dem Vermögen seiner Stiftung.

Seit April ist Semmelmayr Geschäftsführer. Im Gespräch schildert er seine Pläne, um die Predigtstuhlbahn dahin zu bringen, „dass eine schwarze Null rauskommt.“ Der Ausgangspunkt für sein Konzept: „Du fährst mit einem lebendigen Museum. Man soll das Gefühl haben, dass man gleich Heinz Rühmann trifft. Dieses Lebensgefühl der Goldenen Zwanziger und des Wirtschaftswunders der Fünfziger möchten wir spielen.“

Der Bau des Museums startet im Oktober

Der Predigtstuhl soll dazu zur „Erlebniswelt 1928“ ausgebaut werden. Im Zentrum: ein neues, kleines Museum an der Bergstation. In einem 26 Quadratmeter großen Raum, in unmittelbarer Nähe des Ausstiegs, werden die Besucher unter dem Motto „Technik, Tourismus, Träume“ bald mehr über die Grande Dame und ihre Geschichte erfahren. Auf der Stirnseite sieht man Berg und Bahn als beleuchtetes Relief. Zudem gibt es Infos zur bahnbrechenden Technik von Louis Zuegg, der entgegen der damals landläufigen Meinung auf wenig Stützen und hohe Seilspannung setzte. Die Texte des Museums stammen allesamt aus der Feder von Stadtarchivar PD Dr. Johannes Lang.

Blick von oben auf das Museum: unten der Eingang, gegenüber das Bergrelief.

Aus der Bauzeit der Bahn sind erstaunlich viele Bilder erhalten, die nun im Museum ihren Platz finden. Funfact: Der Beton wurde damals in Milchkannen transportiert. Die Ausstellung wird zudem alte Werbeplakate sowie verschiedene Videosequenzen zeigen. Los geht es mit dem Bau des Museums schon Anfang Oktober. Bis Ende des Monats muss es fertiggestellt sein, da EU-Fördergelder in das Projekt fließen. Weil die Bahn im November geschlossen ist, können die ersten Gäste das Museum dann ab Dezember besuchen. Die Einweihungsfeier soll allerdings erst im April 2025 stattfinden. Der Eintritt ins Museum ist frei.

Der Predigtstuhl als Gesamterlebnis

„Es gibt zukünftige Visionen, um den Gästen einen weiteren Einblick, zum Beispiel in das alte Hotel, zu geben“, erklärt Semmelmayr. Auf dem Predigtstuhl werden zudem Infotafeln angebracht, was sanfter Tourismus bedeutet und wie der Skibetrieb bis 1994 ablief. Und durch Fenster können die Fahrgäste einen Blick in den Maschinenraum werfen.

Um die Predigtstuhlbahn als Gesamterlebnis zu gestalten, schweben Semmelmayr noch weitere Veränderungen vor. Bereits an der Talstation könnte es losgehen mit einer kleinen Ausstellung darüber, warum man überhaupt auf die Idee kam, die Bahn zu bauen. So könnte auch die Wartezeit für die Gäste kurzweiliger gestaltet werden. Auch hier wird die Devise „back to the roots“ sein: Die neuen Lampen sowie die Elektronik sollen weichen. Die Sitzbank hingegen bleibt, sie ist ein Original. Semmelmayr stellt sich für die Gäste eine Zeitreise vor, inklusive Marken oder Abzwick-Fahrkarten, die man an der Kasse bekommt.

Merchandising-Shop am Ausgang

Die Gastronomie solle zudem kulinarisch das abbilden, was 1928 als Leibspeise galt - „gerne auch modern interpretiert“, sagt der Geschäftsführer. „Im Restaurant soll es keine Selbstbedienung, sondern Fine Dining mit schönem Service geben.“ Das jetzt schon beliebte Freitag-Abend-Menü sowie der „Sundowner“ am Donnerstag werden beibehalten.

Wie man es aus vielen Touristen-Attraktionen kennt, hätte der Geschäftsführer auch gerne eine Merchandising-Abteilung am Ausgang. Ob und wie so ein Shop umsetzbar ist, werde noch geprüft. Der Umbau ins Jahr 1928 sei im Vergleich zu den Kosten für die Bauteile der Bahn günstig, betont Semmelmayr.

Wie Disney, aber echt

Bei der Erstellung des Konzepts für die neue Erlebniswelt am Predigtstuhl schaut der Geschäftsführer auch gerne auf das, was die Unterhaltungsindustrie macht. „Wenn Sie ins Disneyland gehen, sind Sie einen ganzen Tag in der Welt dieser Maus. Bei uns sind Sie in der Welt der ‚Grande Dame der Alpen‘ im Jahr 1928. Disneyland ist künstlich erschaffen, aber bei uns ist es authentisch. Diese gute alte Zeit befriedigt Sehnsüchte bei den Menschen.“

Für die Touristen wünscht sich Semmelmayr, dass die Predigtstuhlbahn zu einem festen Bestandteil eines Reichenhall-Besuchs wird. Manchen Einheimischen hingegen ist die Fahrt auf den Predigtstuhl schlicht zu teuer. „Ich hab die Botschaft verstanden und möchte den Reichenhallern ein Stück weit entgegenkommen“, betont der Geschäftsführer. „Neu eingeführt wird daher ein übertragbares 10-Fahrten-Ticket inklusive eines Schmankerl-Gutscheins zu einem erschwinglichen Preis. Als Gegenleistung wünsche ich mir, dass die Reichenhaller dann den Berg auch bevölkern.“

50.000 Fahrgäste zählt die Bahn derzeit pro Jahr. „Auf 80.000 zu kommen, wie es in den Hochzeiten der Bahn war, wäre schon mein Wunsch. Das traue ich mir zu“, schließt Semmelmayr. (mf)

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