- VonMelanie Fischerschließen
Welche Veranstaltungen stehen an? Und wem gehört diese Katze? Bei welchem Zahnarzt bekomme ich noch einen Termin? Für viele ist die Facebook-Gruppe „Du kommst aus Bad Reichenhall, wenn“ eine wichtige Informationsquelle. Dabei hat die Gruppe seit 2012 eine erstaunliche Entwicklung vollzogen. Wir haben die drei Admins gefragt, was ihre größten Herausforderungen sind.
Bad Reichenhall – Gegründet wurde die Gruppe im Jahr 2012 von Iris Temeier. Ausschlaggebend war hier der 40. Geburtstag einer Freundin, an dem man sich die alten Geschichten erzählt hat. Iris Temeier lebt zwar in Passau, wo sie ein Reisebüro besitzt, ist aber in Bad Reichenhall geboren und aufgewachsen.
„So eine Gruppe gab es damals schon in Passau. Am Tag nach dem Geburtstag habe ich die Gruppe für Bad Reichenhall angelegt und freigegeben. Die ersten Tage hat es mich richtig überflutet“, erklärt sie im Gespräch. Wenige Wochen später holt sie daher Sandi Rieder mit ins Boot. Sie ist auf Facebook gut vernetzt und in der Stadt verwurzelt. Sandi Rieder wiederum kennt Dorothea Spickenreuther. Inzwischen kümmern sich die drei Frauen gemeinsam als Admins um die Gruppe. „Anfangs waren wirklich nur die alten Reichenhaller in der Gruppe. Da ist ein Name von einer alten Kneipe genannt worden und alle sind aufgesprungen“, erinnert sich Iris Temeier an den ursprünglichen Zweck.
Warum die Gruppe nicht öffentlich ist
Zunächst ist die Gruppe noch öffentlich. Doch um Spam und Fake-Profile zu reduzieren, halten es die Drei für sinnvoller, auf privat umzustellen. Wer in die Gruppe möchte, muss nun drei Fragen beantworten, um hinzugefügt zu werden. Die Anfragen werden von den Admins ordentlich geprüft, sodass die anderen Mitglieder geschützt bleiben.
So könne auch zum Beispiel einem anonymen Poster der Riegel vorgeschoben werden, „der denkt, dass er sich hinter seiner Anonymität alles erlauben kann“, erklärt Sandi Rieder. Sie ist selbständige Physiotherapeutin und zusätzlich ehrenamtlich für den Verein „Für Reichenhall e.V.“ tätig, der gerade das Herbstfest auf die Beine stellt - was auch bedeutet, dass sie und ihre Kolleginnen in ihrem Privatleben natürlich auch noch anderes zu tun haben, als sich nur um die Gruppe zu kümmern.
Die größten Herausforderungen: Der WM-Mord und Corona
Die erste große Herausforderung für das Admin-Trio bringt der WM-Mord im Jahr 2014. Da anfangs noch nicht klar ist, wer der Mörder ist, kursieren wilde Verdächtigungen, die freilich gelöscht werden müssen. Der zweite Einschnitt: Corona. Von der anfänglichen „Wir halten zusammen“-Einstellung driften viele mit ihren Posts und Kommentaren immer mehr ins Politische ab. Iris Temeier und ihre Kolleginnen stellen nun einige User auf Beitragsgenehmigung um, sodass deren Beitrag zuerst an sie gelangt und dann entschieden wird, ob dieser freigegeben wird.
In der Regel stimmen sich die Drei ab. Doch bei der Fülle an Inhalten während der Pandemie entscheidet auch mal eine alleine. „Wenn eine von uns gesehen hat, dass etwas nicht passt, wurde sofort gelöscht. Ich war in der Corona-Zeit selbst so mit meinem Reisebüro massiv betroffen und hatte auch nicht immer den Nerv dazu. Da hatte ich echt andere Sorgen als diese Streitereien“, sagt Iris Temeier. Während der Pandemie nehmen auch die Posts von Restaurants Überhand, die ihre Angebote präsentieren. Als Corona abflacht, schränken die Admins die Häufigkeit, solche Inhalte posten zu können, ein.
Back to the roots: Gar nicht so einfach
Gelnägel, vermisste Tiere, Wohnungssuche, Unmut über Vermüllung, verdächtige Geräusche und Beobachtungen – die Posts in der Gruppe sind inzwischen vielfältig und entsprechen oft nicht mehr dem, wozu sie ursprünglich gedacht war, nämlich zum Austausch von alten Erinnerungen.
Iris Temeier hat sich daher erst kürzlich an die Community gewandt: „Ich würde mich freuen, wenn wir den ursprünglichen Sinn wieder etwas aufleben lassen.“ Aktuelle Themen, die die Stadt betreffen, seien dabei natürlich weiterhin willkommen. Die Gruppe wieder dorthin zu bekommen, wo sie einmal war, sei sehr schwierig, gesteht sie. Ihr sei vor allem wichtig, dass die Gruppe für die Reichenhaller interessant bleibe. „Wenn nur noch vermisste Tiere und Speisekarten zu sehen sind, ist es halt langweilig.“ Zudem gebe es für Wohnungssuche und Stellenangebote eigene Gruppen.
Ohne Moderation geht es nicht
Klar ist: Social Media Gruppen kann man nicht sich selbst überlassen, sondern sie benötigen eine Moderation. Zu hoch ist die Gefahr, dass illegale Inhalte, Hasskommentare, Fake-News und Spam dort landen. Auch der Ton wird im Netz immer rauer. Für die Reichenhaller Facebook-Gruppe opfern die drei Frauen pro Tag jeweils 20 bis 30 Minuten ihrer Freizeit, lesen und beobachten Beiträge und schreiben einzelne User auch an, die etwa Werbung gepostet haben und erklären, dass es sich nicht um eine Verkaufsgruppe handelt.
„Insgesamt ist die Gruppe sehr harmonisch“, erklärt Dorothea Spickenreuther, die neben ihrem Job als Juristin auch noch ehrenamtlich für das Kriseninterventionsteam und ab Herbst für den Rettungsdienst arbeitet. Nur vereinzelt gebe es Leute mit überzogenen Ansprüchen an die Admins, „die meinen, wir kümmern uns 24/7 um alles und hätten sonst nichts zu tun.“ Iris Temeier nennt ein Beispiel: „Einmal hatten wir einen ganz Penetranten, der neu zugezogen war. Er hat jeden Beitrag mit Blödsinn kommentiert und uns ständig privat angeschrieben. Irgendwann mussten wir ihn dann blockieren. Das überlegen wir uns immer sehr gut, aber manchmal geht es nicht mehr.“
Hinzu kommt: Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. „Verstöße gegen das Urheberrecht, Hetze und Beleidigungen sind im Netz genauso strafbar wie im wahren Leben. Manche Menschen scheinen das zu vergessen“, betont Dorothea Spickenreuther. Admins aller Gruppen seien hier in der Verantwortung und eventuell sogar in der Haftung.
„Wenn du auf den Knopf drückst, ist alles weg“
Die Gruppe gehört für das Trio inzwischen zum täglichen Leben. Meistens schließen sich die drei Frauen morgens per Sprachnachrichten kurz, denn abends und über Nacht passiert dort am meisten. Unter den über 7200 Mitgliedern – eine erstaunliche Zahl bei rund 20.000 Einwohnern – ist auch das wirtschaftliche und politische „Who‘s who“ der Stadt vertreten. Es ist mit Sicherheit keine leichte Aufgabe für die drei Frauen, es immer allen Nutzern recht zu machen.
„Mein Lebensgefährte sagt immer: ‚Wenn du auf den Knopf drückst, ist alles weg‘“, lacht Iris Temeier. Natürlich hat sie nicht vor, den Knopf zu drücken, auch wenn die Moderation manchmal anstrengend ist. Doch sie ist sich sicher: „Alleine könnte ich das nicht machen.“ Wie wichtig das Sechs-Augen-Prinzip ist, betont Sandi Rieder: „Uns Admins wird immer unterstellt, dass wir nur unsere eigene Meinung zulassen. Wir sind aber immer zu dritt und prüfen zusammen und wägen genau ab, was wir nicht zulassen.“ Iris Temeier erklärt zum Ende des Gesprächs, dass sich hier drei Frauen mit unterschiedlichen Ansichten und Herangehensweisen gefunden haben: „Meine zwei Kolleginnen sind manchmal etwas forscher, ich bin etwas gutmütiger. Das gleicht sich schön aus und dadurch sind wir das perfekte Team.“ Ein großes Dankeschön senden die Drei an all die vielen Mitglieder, die die Gruppe schätzen, mitgestalten und lebendig halten. (mf)