- VonMarcel Sowaschließen
Weil Menschen und Umwelt darunter leiden, gehen immer mehr Städte und Kommunen den Hitzeschutz an. Umso überraschender wirkt es, dass mit Bad Reichenhall ausgerechnet eine Kurstadt mit dem Thema noch warten möchte. Das sorgt auch bei Michael Nürbauer für Enttäuschung: Darauf zielte sein Antrag im Stadtrat ab und so begründete OB Christoph Lung seinen Vorschlag, den Hitzeschutz zu vertagen.
Bad Reichenhall - Michael Nürbauer ist es schon gewohnt, dass er nicht immer Erfolg hat mit seinen Anträgen. Nicht zum ersten Mal hat er versucht, ein Anliegen im Stadtrat zu platzieren und zu Diskussionen anzuregen. So auch am Dienstag (29. Juli), als er beantragte, eine städtische Hitzeschutzplanung zu erarbeiten. Die Reaktion darauf konnte er trotzdem absolut nicht nachvollziehen. „Viele erkennen den Ernst der Lage nicht“, erklärte er im Nachhinein.
Doch der Reihe nach: Der Umweltreferent schlug dem Gremium vor, anhand der „Handlungsempfehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen zum Schutz der menschlichen Gesundheit“ des Bundesumweltministeriums einen Plan mit konkreten und wirksamen Maßnahmen zu erstellen. Ein Verschattungskonzept für den öffentlichen Raum (Haltestellen oder Plätze), gekühlter Aufenthaltsräume, Dach- und Fassadenbegrünung, die Einrichtung weiterer kostenloser Trinkwasserspender: Der Stadtrat schlug in seinem Antrag gleich mehrere Beispiele vor.
Hitze kann schwere gesundheitliche Probleme zur Folge haben
„Der Klimawandel und die damit einhergehende globale Erwärmung haben eine Zunahme an extremen Wetterereignissen zur Folge, welche Bürger, Schulen, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Institutionen und so weiter vor stetig größer werdende Herausforderungen stellt“, erklärte er dem Gremium. Solche Hitzewellen gingen einher mit negativen Auswirkungen für die Umwelt und belasten vor allem auch den menschlichen Organismus. „So kam es auch in den letzten Jahren bundesweit zu einem Anstieg von Todesfällen und Krankheiten in Zusammenhang mit der Hitze, so zum Beispiel Hitzschläge, Dehydrierung und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.“
Nürbauer machte darauf aufmerksam, dass der Freistaat Bayern allein den Kommunen die Aufgabe zuweise, die Bürger sowie die Umwelt vor hitzebedingten negativen Auswirkungen zu schützen. Daher beantrage er in seiner Funktion als Stadtrat und Umweltreferent, verstärkt in die städtische Hitzeaktionsplanung einzusteigen. Das Thema beschäftigt immer mehr Kommunen und sorgt auch für Diskussionen in der Region: In Prien am Chiemsee lehnte der Bürgermeister ab, zwei neue Trinkbrunnen in der Gemeinde anzulegen.
OB Lung schlägt Behandlung ab 2027 vor
Reichenhalls Oberbürgermeister Christoph Lung stimmte Nürbauer und seinem Anlegen zwar grundsätzlich zu, aber: „Wir haben ihren Antrag bereits im Ausschuss mit zwei zu sechs Stimmen abgelehnt. Zum Thema gibt es keinen Dissens, aber wir sollten es auf 2027 verschieben, am ISEK-Plan festhalten und nicht einzelne Stücke vorweggreifen.“ Er verwies auf das Ergebnis des 500 Seiten langen Stadtentwicklungskonzeptes (ISEK). Dort sei mit einem groben Vorschuss in Höhe von 90.000 bis 150.000 Euro für ein Klimaanpassungskonzept kalkuliert worden, so Lung.
Dass Nürbauer nur Zustimmung erhielt von seinen Fraktionskollegen Guido Boguslawski und Rainer Hüller (Grüne/SPD) und kein einziger weiterer Redebeitrag, geschweige denn eine Diskussion im Stadtrat entstand, enttäuscht ihn. „Das war sehr überraschend, ich bin entsetzt“, schildert er Tage später. Er habe sich mit einigen Einwohnern der Kreisstadt ausgetauscht, sein Vorhaben wurde sehr befürwortet. Die Erarbeitung eines Hitzeschutzplans auf 2027 zu verschieben, „das ist ein No-Go“. Nürbauer: „Wir sind auch eine Kurstadt und haben auch gegenüber den Gästen eine Verpflichtung.“
„Ich lasse mich nicht entmutigen“
Ob er vielleicht mehr Zustimmung oder Gesprächsbereitschaft erhalten hätte, wenn der Sommer sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht so verregnet und kalt gezeigt hätte? Ausschließen will der Stadtrat das nicht. Er sagt: „Ich habe den Antrag absichtlich noch in die Sitzung eingebracht, weil ich im November oder Dezember zum Thema Hitzeschutz sicherlich noch weniger Verständnis erhalte.“
Für ihn sei es frustrierend, weil er es gewohnt sei, „mit wohldurchdachten Anträgen in die Sitzungen zu gehen und hinterher eines Besseren belehrt zu werden“. Doch Nürbauer macht klar, am Thema dranzubleiben und nicht lockerzulassen: „Ich lasse mich nicht entmutigen. Den Hitzeschutz kann man nicht auf die lange Bank schieben.“
Wie viele Städte und Kommunen schon Maßnahmen zum Hitzeschutz entwickelt und umgesetzt haben, zeigt der Deutsche Städtetag auf seiner Homepage: In Delmenhorst bieten Refill-Stationen kostenloses Trinkwasser für Menschen und auch Vierbeiner. Bis zu 14 Geschäfte beteiligen sich daran. In Hannover wird eine wenige genutzte Fläche in einem Stadtviertel in ein Mini-Wäldchen (Tiny Forest) umgewandelt und in Hameln gibt es eine begehbare Klima-Kiste. Der Städtetag liefert auf der Homepage noch viele weitere Informationen rund um das Thema. (ms)