Beide Termine des Leonhardiabends in der Lust waren heuer ausverkauft. Auch eine 95-Jährige begeisterte mit Humor, wachem Geist und Schlagfertigkeit.
Bad Tölz – Gleich zu Beginn gab es schwere Kost: Fünf Mitglieder lasen das Theaterstück „Der sterbende Krieger“ vor, geschrieben von Sepp Buchner 1919. Es handelt von der ersten Tölzer Leonhardifahrt nach dem Ersten Weltkrieg. Auf den Tag genau vor einem Jahr waren der Familienvater und ein Sohn gefallen. Der Schmerz der Angehörigen wurde in jedem Wort deutlich. „Buchner traf damals damit den Nerv der Zeit“, erklärte Christoph Schnitzer, Buchautor und Redakteur des Tölzer Kurier.
Etwas Besonderes war auch Schnitzers Gespräch mit Ursula Hueber, der „Meßmer Usch“ von Wackersberg. „Sie ist mit 95 Jahren die wohl älteste, noch lebende Wallfahrerin“, sagte Schnitzer. Die Seniorin begeisterte alle Zuhörer mit ihrem Humor, ihrem wachen Geist und ihrer Schlagfertigkeit. Die rüstige Seniorin erinnerte sich ebenfalls noch an Heimatdichter Sepp Buchner und konnte aus dem Stand ein sehr langes Gedicht von ihm über Weihnachten im Krieg zitieren. Selbst Schnitzer war überrascht: „Das war nicht abgesprochen.“ Tosender Applaus war der Lohn.
Im Gespräch mit Schnitzer erzählte die „Meßmer Usch“ trocken von früher: „Kinder ham’s bei der Wallfahrt gern g’nomma, weil’s ned so vui Jungfraun z’ambracht ham.“ Und Burschen seien nicht zu den Wagen mit den jungen Frauen gegangen: „Des hat sich ned g‘hört.“ Trotzdem seien auch in früheren Jahrzehnten bei der Wallfahrt „das Fromme mit dem Weltlichen vermischt“ worden.
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Die Theaterspieler des Kulturvereins warteten auch heuer wieder mit einem besonderen kleinen Stück auf. Diesmal verbanden sie auf überdrehte Weise Lokalpolitik und Leonhardi. Urkomisch spielten sie eine inoffizielle Stadtratssitzung mit allen Parteien, Bürgermeister, Kämmerer, Tourismuschefin, Bauamtsleiterin und einem Investor. Um was es ging, zeigte eine Fotomontage im Hintergrund: Ein riesiger Hotelkomplex auf dem Kalvarienberg. Die Tiefgarage unter den Doppelhäusern auf der Leonhardiwiese musste am Wallfahrtstag freilich für Wagen und Rösser freigeräumt werden.
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Die Musiker Max Kropius aus Sachsenkam und Sepp Müller aus Lenggries nahmen mit „wutentzerrenden“ Reggae-Rhythmen das Verkehrsproblem auf der Flinthöhe aufs Korn, und Susanne Pienkowski betrat als Bundeskanzlerin Merkel die Bühne. Sie nahm an, dass die Wallfahrt heuer von Markus Söder mit Kreuz angeführt werde.
Und auch Schriftsteller Thomas Mann durfte nicht fehlen: Ludwig Retzer hatte laut einer „unsicheren Tölzer Überlieferung“ einen Text Thomas Manns „in seine ursprüngliche Fassung“ zurückgeführt. Mit den umständlichen, ausschweifenden Beschreibungen der Wallfahrt traf Retzer den Erzähl-Duktus des Nobelpreisträgers ziemlich gut.
Nächstes Jahr feiert der Leonhardiabend zehnjähriges Bestehen. Die Planungen laufen bereits. Und man darf gespannt, was der Verein dafür auf die Beine stellen wird.
Birgit Botzenhart