- VonMarcel Sowaschließen
Anpacken statt meckern: Die neu gegründete Wählergruppe Bayerisch Gmain (WBG) will bei den Kommunalwahlen im März 2026 in den Gemeinderat einziehen. Im Gespräch verraten die Gründungsmitglieder Ulrich Gritzuhn, Andrea Sacré und Harald Labbow, was sie antreibt, was sie in der örtlichen Kommunalpolitik stört und was sie anders machen wollen.
Bayerisch Gmain - Ein „Weiter so“ ist für das Trio keine Option mehr. Sie wollten und suchten den Dialog, mahnten an, schlugen Verbesserungen vor, doch sie fühlten sich nicht gehört und wahrgenommen, sondern vielmehr ignoriert. Um ihr Image abzulegen und etwas in der Gemeinde voranzubringen, gründeten sie gemeinsam mit weiteren Mitstreitern die WBG. „Wer mitreden und mitgestalten will, muss sich auch einbringen“, bringt es Sacré auf den Punkt.
Seit 20 Jahren wohnt sie in Bayerisch Gmain. Direkt betroffen von Streitthema Sonnenhof befasste sich die Mutter von zwei Kindern vermehrt mit der Kommunalpolitik, ging regelmäßiger in die Gemeinderatssitzungen - und störte sich am Informationsfluss. „Man bekommt wenig mit“, findet sie. Nicht nur ihr, sondern auch ihren Mitstreitern Labbow und Gritzuhn geht es vor allem um das „Wie“ bei der Kommunikation. „Vieles wird gar nicht oder nur unzureichend an die Bürger herangetragen“, findet Labbow.
„Bürger besser mitnehmen und einbeziehen“
Der 69-Jährige wohnt zwar erst seit 2020 in Bayerisch Gmain, doch er ist „durch und durch Oberbayer“, wie der verheiratete Vater von zwei Kindern betont. Unter anderem als Vorsitzender des Trägervereins Reichenhaller Philharmoniker engagiert er sich in der Region für Kultur, gründete die Veranstaltungsreihe Reichenhaller Resonanz. „Mir stört es, wenn man ständig über die Politik meckert, aber selbst nicht bereit ist, sich zu engagieren“, schildert er seine Intention. Bayerisch Gmain gibt trotz der überschaubaren Einwohnerzahl für ihn „überraschend viele Themen her“.
Ulrich Gritzuhn ist als gebürtiger Hamburger zwar ein „Nordlicht“, doch er lebte 14 Jahre in München und wohnt seit 2019 in der Gemeinde. Früher als Geschäftsführer in großen Firmen wie zum Beispiel Unilever Deutschland aktiv, wollte er hier eigentlich seinen Ruhestand verbringen. „Doch ruhig zu sein, wurde mir offensichtlich nicht in die Wiege gelegt“, gibt er zu. Auch Gritzuhn ist verheiratet und hat zwei Kinder, auch er stört sich an der Informationspolitik im Ort und sagt: „Man könnte die Bürger besser mitnehmen und einbeziehen.“
Ende des „Gmaindeblatts“
Die „Gmaindeblatt“-Zeiten will er übrigens hinter sich lassen: Nach einer weiteren Ausgabe soll das Medium eingestellt werden. „Wir haben die Bürger informiert, aber in der Gemeinde hat sich an der Ansprache nichts geändert. Also wollen wir als Wählergruppe im Gemeinderat etwas bewegen“, verrät der 63-jährige Gritzuhn.
Einerseits geht es der WBG um mehr Transparenz. Statt ganze Themenblöcke und Projekte in nichtöffentlichen Sitzungen zu behandeln, soll so viel wie rechtlich möglich im öffentlichen Teil besprochen werden, lautet eines der Ziele. Und andererseits wollen sie bei ihren Mitmenschen ein größeres Interesse für die Ortspolitik wecken und zum Mitmachen anregen.
Bad Reichenhall macht es vor
Alle Drei haben sich für die Gründung einer eigenen Wählergruppe entschieden, weil sie sich in den bestehenden Fraktionen und Parteien im Gemeinderat nicht aufgehoben und gewollt fühlen. Beispielhaft erklärt Labbow, dass er bei der CSU Mitglied war und seine Bereitschaft signalisiert habe, sich bei der Gemeinderatswahl 2026 aufstellen zu lassen. Er fühlte sich vertröstet und bekam den Eindruck: „Man will wohl keine unbequemen Leute haben. Und je kleiner der Ort, desto mehr habe ich das Gefühl bekommen, dass man eher ein Störenfried ist.“
Eines der Themen, dass die WBG angehen möchte: mehr Informationen im Vorfeld der Gemeinderatssitzungen für die Bürger. „Wenn ich dorthin gehe, will ich mich vorbereiten können. Eine Tagesordnung bringt mir ohne Erklärungen und Sitzungsvorlage nichts, und während den Sitzungen kann man teilweise gar nicht alles verstehen und verfolgen“, schildert Sacré. Dass es auch anders gehe, zeige das Beispiel Bad Reichenhall: Dort werden die kompletten Unterlagen bereits Tage vorher auf der Homepage der Stadt veröffentlicht.
Kompromiss erzielt
Bereits 2024 habe er bei der Bürgerversammlung darum gebeten, im Vorfeld der Sitzungen die Informationen transparent zur Verfügung zu stellen, wie Gritzuhn sagt. „Doch das wurde im Gemeinderat leider abgelehnt.“ Immerhin habe man sich auf einen Kompromiss geeinigt, dass im Nachgang die Protokolle zu den Sitzungen mit den Dialogen und Diskussionen veröffentlicht werden.
Apropos Diskussionen, auch hier sieht die WBG noch Potenzial. Dazu erläutert Labbow: „Wir leben doch von anderen Meinungen und Ansichten. Es bringt die Gemeinde nur weiter, wenn darüber diskutiert wird.“ Die WBG nehme sich zum Anspruch, Themen zu hinterfragen, um die Bürger entsprechend aufzuklären und einzubinden. Labbow beklagt, dass zu oft der Eindruck vermittelt werde, es sei schon alles besprochen und im öffentlichen Teil werde nur noch abgestimmt. „Das ist bayerische Stammtischpolitik, bei der ich dachte, die wäre längst überwunden.“
Kritik an umstrittenen Entscheidungen
Seinem Gefühl nach werde man als Bürger nur eingebunden, wenn man über die örtlichen Vereine entsprechend vernetzt und möglichst kein Außenstehender oder Zugezogener sei. „Dann hat man andere Möglichkeiten“, meint er und verweist auf die umstrittene Entscheidung im März, als der Gemeinderat beim Bau von zwei Einfamilienhäusern im Außenbereich eine Ausnahme machte. „Das Bauprojekt in der Berchtesgadener Straße wurde eineinhalb Jahre mit der Gemeinde und dem Landratsamt besprochen, aber da suchte der Gemeinderat nach Argumenten, bei denen man sich fragen musste: Was soll das?“, macht Labbow klar, was er von der überraschenden Ablehnung zum Bau von 14 neuen Wohnungen hält.
Mit ihrem Gang an die Öffentlichkeit will die WBG so richtig loslegen. Mit Flyern, Plakaten, aber auch mit dem ersten Bürgertreff am 5. Juni im Gasthof Dreisesselberg (18.30 Uhr). Mitgliedsbeiträge müssen nicht gezahlt werden, alle Altersklassen sind erwünscht. „Vorbeikommen, sich austauschen und Gedanken machen, wie die Themen bewegt werden können“: Darum soll es beim monatlichen Treffen gehen.
Regelmäßige Bürgereinbindung erzielen
„Bürgereinbindung wird immer nur dann großgeschrieben, wenn Kommunalwahlen anstehen. Bei unserer Altersstruktur wird erwartet, dass sich die Menschen irgendwelche Aushänge am Rathaus anschauen oder dass sie online so affin sind, irgendwie die Protokolle zu finden“, verdeutlicht Gritzuhn, was er und die WBG verändern möchten. Deshalb lautet ein weiterer Wunsch: bei den Tagesordnungen der Gemeinderatssitzungen Bürgeranfragen ermöglichen. „Das kann man einführen, wenn man möchte, und damit kann man Bürger mehr miteinbeziehen.“
Zu den weiteren konkreten Zielen gehört unter anderem die Verkehrssicherheit im Ort. Schon seit Jahren scheitern die Verwaltung und der Gemeinderat daran, eine Tempo-30-Zone im Bereich der Schule zu realisieren. „Man ist leider nicht in der Lage, sich gegen Polizei und Landratsamt durchzusetzen und Druck aufzubauen, obwohl es die gesetzlichen Vorschriften mittlerweile hergeben würden“, teilt Labbow mit. Andere Gemeinden wie Rohrdorf oder Laufen machten es vor, dass Tempo 30 auch in der gesamten Ortsdurchfahrt möglich sei. Die WBG wünscht sich auch eine Ampel auf der B20 im Edeka-Bereich. „In Bischofswiesen geht es ja auch mit den Ampeln.“
Verkehrssicherheit und Wohnraum
Die WBG wünscht sich ein Konzept für die künftige Ortsplanung. „Wo wollen wir als Gemeinde hin und wie wollen wir sicherstellen, dass junge Familien und Fachkräfte bezahlbaren Wohnraum finden? Das geht nicht nur mit Einfamilienhäusern“, betont Gritzuhn. Für ihn gehört auch dazu, den aktuellen Markt zu analysieren und herauszufinden, wie viele Wohnungen zweckentfremdet werden, etwa für Airbnb. „Dazu braucht es ein vorausschauendes Konzept.“
Auch deshalb drängt die WBG darauf zu erfahren, um welches Grundstück es sich handelt, das für den Neubau des Rathauses zur Finanzierung verkauft werden soll. „Wenn der Wert feststeht, weiß die Gemeinde auch, um welche Fläche es geht. Und dann muss man sich schon jetzt Gedanken machen, ob darauf ein Hotel, Wohnraum oder Gewerbe entstehen soll“, erklärt Labbow.
Das Ziel für die Kommunalwahl 2026
Die Phase des Krawallmachens, des Meckern und des Moserns soll nun mit der Gründung der WBG aufhören, betonen die Gründungsmitglieder. „Wir schlagen jetzt ein neues Kapitel auf und hoffen darauf, dass die Wählergruppe bald nicht mehr von uns, sondern von den Bürgern getragen wird und sich daraus ein Programm entwickelt“, verdeutlicht Gritzuhn. Um das zu erreichen, wird im August eine Mitgliederversammlung stattfinden. Dann werden die Kandidaten für den März 2026 aufgestellt.
Doch mit ein oder zwei Sitzen will sich die WBG im Gemeinderat nicht begnügen. Das Ziel ist klar, macht der fußballbegeisterte Gritzuhn klar: „Um wirklich etwas zu bewegen, peilen wir drei bis vier Sitze an. Wir sind guter Dinger, auch wenn das manche Fußball-Bundesligisten am Anfang der Saison auch gesagt haben.“
Doch wichtiger als die Sitze im Gemeinderat sei der WBG, dass sich die Einwohner von Bayerisch Gmain wieder mehr für die Ortspolitik interessieren. „Wir wollen uns daran messen lassen, dass wir deren Gedanken einfangen und sie dazu bewegen, wieder mehr mitzuwirken und zu gestalten. Wenn wir das erreichen, haben wir schon viel bewegt.“ (ms)