- VonMarcel Sowaschließen
Mehr Lärm, Abgase und Fahrzeuge, dazu Staus und stockender Verkehr: Sobald auf der A8 nichts mehr geht, sorgt der Ausweichverkehr auch in Teisendorf, Anger und Piding für Chaos und Frust. Die neuen Durchfahrtsverbote sollen helfen, hoffen nicht nur die Bürgermeister. Sie kennen den Ärger in ihren Gemeinden, die besonders betroffenen Stellen und die chaotischen Szenen, die sich dort immer wieder abspielen. Deshalb sind für sie die Verbote nur ein erster Schritt.
Anger/Teisendorf/Piding – Der Kampf um mehr Anwohnerschutz und Verkehrssicherheit kann ein sehr langer und ausdauernder Kampf sein. Das wissen auch die Bürgermeister aus Anger, Teisendorf und Piding. Jahrelang bekamen sie zu hören, dass es wegen des zunehmenden Ausweichverkehrs in ihren Gemeinden bei Staus auf der A8 keine Möglichkeiten gebe, dagegen vorzugehen. Doch nach dem Bekenntnis des Parlamentarischen Staatssekretärs Ulrich Lange ging alles ganz schnell: Am Freitag (5. September) veranlasste das Landratsamt mit sofortiger Wirkung die Verbote. Ein Tempo, das selbst in den Rathäusern für positive Überraschungen sorgte. Schließlich hatten erst zwei Wochen vorher die drei Gemeinden in einer gemeinsamen Stellungnahme der Behörde geantwortet, wie auf Nachfrage deutlich wird.
„Das ist auch ein Signal an die Bürger, dass sie gehört werden und ihre Sorgen nicht länger beiseitegeschoben werden“, freut sich Angers Bürgermeister Markus Winkler. Wie sehr das Thema der betroffenen Bevölkerung unter den Nägeln brennt, weiß er nur zu gut. Seit Wochen und Monaten, eigentlich seit Jahren versucht er für mehr Anwohnerschutz und Verkehrssicherheit in seiner Gemeinde zu sorgen. „Ich weiß schon gar nicht mehr, wie viele Briefe ich geschrieben habe. Wir sind vom Ausweichverkehr extrem betroffen“, sagt er.
Brenzlige Situationen und eine zunehmende Belastung für Anwohner
Winkler spricht von „untragbaren Zuständen“ in der Vergangenheit, manche Szenen glichen einem Verkehrskollaps auf den Gemeindestraßen. Umgefahrene Zäune und Navigationsgeräte, die Lkw bis zum engen Dorfplatz der Gemeinde führten: Dem Bürgermeister zufolge gab es immer wieder grenzwertige Situationen. „Den Lkw-Fahrern kann man teilweise keinen Vorwurf machen, wenn sie ihr Navi auf ungeeignete Straßen führt“, meint er. Vor allem in Aufham auf Höhe der Gaststätte Altwirt, aber auch in sämtlichen Ortsteilen sorgt der Ausweichverkehr immer wieder für brenzlige Situationen und eine zunehmende Belastung für die Anwohner.
Wie Winkler erklärt, habe er auch den Kontakt zu den Rosenheimer Gemeinden gesucht, denn dort gelten die Regelungen seit Mitte August und die Polizei hat bereits eine erste Bilanz gezogen. Also dachten sich die Bürgermeister im Berchtesgadener Land: Was dort geht, muss auch hier im Landkreis möglich sein. „Alle Kommunen entlang der A8 stehen vor den gleichen Problemen.“ Dass es nun Durchfahrtsverbote gibt, wenn auch nur temporär, ist für ihn ein wichtiger Schritt. Warum es jetzt so schnell damit ging, kann sich Winkler nur durch den zunehmenden Druck erklären, der seiner Meinung nach letztendlich die Politik zum Handeln zwang. „Ich bin froh, dass sich endlich etwas getan hat. Das ist ein wichtiger Schritt, aber ob das die endgültige Lösung ist, wird sich zeigen.“
Teisendorfs Problemstellen
Ähnliche Worte findet Teisendorfs Bürgermeister Thomas Gasser. Er berichtet von regelrechten Kolonnen, die durch das Gemeindegebiet rollen, sobald es sich auf der Autobahn staut. Wohnwagen, Boots-Anhänger und natürlich Lkw, es ist alles dabei. Besonders problematisch ist das, wenn die Fahrzeuge bei der Abfahrt Neukirchen durch das Achthal und dann im Bereich der Gemachmühle nach Freidling geleitet werden. Dann landet der ganze Ausweichverkehr direkt im engen Teisendorfer Zentrum. Auch zwischen Oberteisendorf und dem Kreisverkehr an der B304 kommt es immer wieder zu schwierigen Verhältnissen, so Gasser.
„Linienbusse stecken genauso in diesen Fahrzeug-Kolonnen fest wie manchmal die Feuerwehr und Rettungswagen“, schildert der Bürgermeister. Das sei insbesondere dann problematisch, wenn die Einsatzkräfte eigentlich dringend zu ihren Fahrzeugen kommen müssen, um ausrücken zu können. Es kam tatsächlich schon vor, dass zum Beispiel die Feuerwehr nicht losfahren konnte, weil deren Mitglieder im Stau auf den Ortsstraßen feststeckten. „Wir hatten im stockenden Ausweichverkehr auch schon Unfälle: meistens nur kleinere Auffahrunfälle und Gott sei Dank ging es nie um Leib und Leben. Aber das dauert natürlich, bis sich die Einsatzkräfte ihren Weg zum Unfallort gebahnt haben“, so Gasser.
Sechsspurige A8 das große Ziel
Die Durchfahrtsverbote befürwortet Teisendorfs Bürgermeister genauso wie seine Amtskollegen, doch auch für ihn kann es nur ein erster Schritt sein. Der sechsspurige Ausbau der A8 bis zur Landesgrenze sei langfristig das Ziel. „Zumindest ein Pannenstreifen würde helfen. Sobald zwischen Übersee und Grenze ein defektes Fahrzeug stehen bleibt, herrscht Chaos“, sagt er zu den beengten Verhältnissen auf der A8.
Gasser verweist darauf, dass die Durchfahrtsverbote unter Umständen auch von der Polizei kurzfristig aufgehoben werden könnten, sollte es auf der Autobahn einen größeren Unfall geben, der eine Umleitung unausweichlich macht. Ein Beispiel hierfür wäre ein Szenario wie im Mai, als ein Lkw am Teisenberg die Leitplanke durchbrach und mit einem Auto im Gegenverkehr zusammenstieß. Der tödliche Unfall hatte eine stundenlange Vollsperrung zur Folge.
Pidings Bürgermeister fordert Ausbau am Walserberg
Froh über die Entscheidung ist auch Pidings Bürgermeister Hannes Holzner. Rechtlich sei die Situation in seiner Kommune zwar eine andere, da keine Autobahnabfahrt direkt auf eine Ortsstraße mündet, sondern nur auf die B20. Doch wenn der Ausweichverkehr aus Teisendorf und Anger über die Staatsstraße 2103 nach Piding komme, sorge dies auch im Ort für große Belastungen. „Wir sind mindestens genauso betroffen“, betont Holzner.
Der Ausweichverkehr bleibe nämlich nicht auf den Hauptstraßen, er suche sich vielmehr „kreuz und quer“ seinen Weg, so der Bürgermeister. „Das können die Ortsstraßen nicht stemmen und die Straßen in den Wohngebieten sich auch nicht dafür ausgelegt.“ Zwei Stellen sind besonders oft betroffen: Zum einen die Ortsdurchfahrt im Bereich der Kirchenmauern und zum anderen die Autobahnunterführung Berchtesgadener Straße. Diese sei für viele Lkw zu niedrig und da sie vor Ort nicht umdrehen könnten, müssten sich die Fahrer rückwärts zurück manövrieren. „Das ist unter normalen Umständen schon schwierig, aber mit dem Ausweichverkehr wird es noch schlimmer.“
Auch für Holzner sind die Durchfahrtsverbote nur der erste Schritt, über den er natürlich „sehr froh“ ist. Für ihn ist klar: „Als Gemeinde fordern wir nicht nur den Ausbau der A8, sondern auch der Anschlussstelle Walserberg.“ Denn aktuell können die Fahrzeuge nur in Fahrtrichtung München auffahren, die Fahrzeuge in Fahrtrichtung Salzburg aber dort nicht abfahren. „Wenn der Verkehr über die B21 bei Marzoll läuft, würde das Piding weiter entlasten.“ (ms)


