Geschichte

Das beste Geschäft Innsbrucks aller Zeiten: Als der Achensee verkauft wurde

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Der Achensee von 1903 auf einer Postkarte: Der See gehörte damals noch dem Benediktinerstift Fiecht im Inntal.

Vor 100 Jahren wurde der Achensee verkauft.  Ein Blick zurück in die Geschichte.

Lenggries – Hört sich noch ganz freundlich an, was der Tölzer Kurier im März 1919 schreibt. Nämlich, dass das bekannte Benediktinerstift Fiecht bei Schwaz dem Lande Tirol das Angebot gemacht habe, den gesamten Achensee für fünf Millionen Mark zu kaufen. Nichts ist herauszulesen davon, dass massive wirtschaftliche Interessen, eine knallharte Politik und ein völlig überforderter frommer Mann als Abt des Stifts den Hintergrund eines Deals bildeten, den der damalige Bürgermeister der Stadt Innsbruck gegenüber seinen Räten so beschrieb: „Ich glaube, meine Herren, es ist dies das beste Geschäft, das die Stadt Innsbruck je gemacht hat“.

Die Geschichte dieses Verkaufs hat der Archivar der heutigen Benediktinerabtei St. Georgenberg-Fiecht, Pater Thomas Naupp, recherchiert. In dem Buch „Achenseefische für Klosterküche und Wirtshaustische“ hat er die Ergebnisse seiner Forschungen zusammengefasst.

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Pater Thomas schont dabei auch die Seinen nicht. Der damalige Klostervorsteher, Abt Josef Hagmann, wird etwa als humaner und wohltätiger Mann beschrieben, der aber „beileibe keine Kämpfernatur war“. Seinem Vorgänger Abt Albert Wildauer, der die moderne Schifffahrt am Achensee einleitete und selbst das Kapitänspatent besaß, wäre „der Kardinalfehler“, den See zu verkaufen beziehungsweise zu verschenken, nie passiert. Da ist sich der Archivar und Pfarrprovisor in Steinberg sicher.

„Der Abt war beileibe keine Kämpfernatur“

So lief Naupps Forschungen zufolge die Geschichte ab: Schon um 1900 tauchte erstmals der Gedanke auf, die Wasserkräfte des rund 400 Meter über dem Inntal liegenden Sees zu nutzen. Der See gehörte seit Anfang des 12. Jahrhunderts dem Stift Fiecht. Ideen und Projektpläne, um die Energie zu nützen, gab es früh. Gegen einen Verkauf sperrte sich das Stift Fiecht, das 1917 „in einer Art Vorwärtsstrategie“, so P. Thomas, beschloss, selbst ein Kraftwerk zu errichten. Das rief damals den Vertreter der mächtigen Staatseisenbahnen, Major von Donat, auf den Plan, der das Kloster des „öffentlichen Diebstahls“ bezichtigte und ankündigte, sich in Rom über Abt Hagmann, „den Dieb“ zu beschweren. Wie gesagt, der Abt war kein Kämpfer, hatte Angst vor der „giftigen Presse“ und wurde von den Verhältnissen förmlich überrollt.

Im April 1919 drohte nämlich eine Wasserrechtsnovellierung des Landes Tirol, das die Veräußerung und Verpachtung jeglicher Wasserkraft an die Genehmigung des Landtags knüpfte. Um dem zuvorzukommen, erklärte der Abt im Februar schließlich seine Bereitschaft zum Verkauf des Achensees an das Land Tirol. Seine Forderung: 3,5 Millionen Kronen für See, Schiffe, Hotels und Grundstücke, dazu ein 1000 PS-Stromdeputat sowie 1,5 Millionen Kronen für die Kriegsinvaliden Nordtirols.

Wasserrechte für Gegenwert eines Damenkostüms

Nach einigem Hin und Her ist es am 5. April 1919 aber der Innsbrucker Gemeinderat, der unter konspirativen Bedingungen einen Beschluss zum Kauf des Achensees fasst. Der Kauf erfolgte am 19. April. In den Innsbrucker Gemeinderatsprotokollen hat Pater Thomas dazu keine Zeile gefunden. Das Stift Fiecht erhält demnach 2,5 Millionen Kronen für Hotels und Schiffe und weitere 1,2 Millionen Kronen für die Wasserbenutzungsrechte. Dazu Stromlieferungen für 600 PS jährlich für den Eigenbedarf des Klosters.

P. Thomas Naupp, Archivar von Stift Fiecht

So glänzend das Geschäft für die Stadt Innsbruck ausfiel, so mies war es für das Stift. Der heutige Klosterarchivar hat ausgerechnet, dass der Kaufpreis für die Wasserrechte in der Hyperinflation der Nachkriegszeit „schlussendlich nicht einmal mehr den Wert eines ganzen Damenkostüms“ ausmachte, das zum Zahlungstermin etwa 1,7 Millionen Kronen kostete. Als Zahlungstermine waren nämlich dummerweise der Baubeginn (1924) und die Kraftwerkseröffnung (1927) festgelegt. Damals kostete auch ein Kilo Margarine auch schon rund 215 000 Kronen. Die nach dem Achenseekauf von der Stadt Innsbruck, einem Bankenkonsortium und dem Land Tirol gegründeten Tiroler Wasserkraftwerke AG (TIWAG) hingegen machten das erwartete Geschäft. Mit dem Achenseekraftwerk (Leistung 79 MW), das laut Wikipedia 1927 als größtes Speicherkraftwerk Österreichs in Betrieb genommen wurde, wurde der Strombedarf Innsbrucks gedeckt und konnten auch noch die Österreichischen Bundesbahnen mit Strom beliefert werden.

In der Schenkungsurkunde für den See aus dem 12. Jahrhundert wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass man den himmlischen statt den irdischen Dingen den Vorzug geben solle. An diese Zeilen fühlt sich Pater Thomas Naupp erinnert, wenn er an eine weitere Ironie dieser merkwürdigen Verkaufsgeschichte denkt. Das ausgehandelte Stromdeputat half dem Kloster gar nichts, da es mit Holz und Kohle feuerte. So kam es, dass das Stromkontingent ungenutzt an die TIWAG zurückfloss. Erst 1983 wurde die Zentralheizung des Klosters auf Strom umgestellt. Da reichte dann das 1919 ausgehandelte Stromkontingent bei Weitem nicht mehr. Pater Thomas: „So musste das Stift Fiecht, dem einst der ganze Achensee gehörte, von der TIWAG Strom zukaufen.“ Es war, so schließt der Klosterarchivar den Fall ab, „ein Desaster“. VON CHRISTOPH SCHNITZER

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