Seniorenheim

„Die Menschen leiden seelisch“

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„Das war ja das Schöne in unserem Haus, dass immer für Unterhaltung und Zusammenkommen gesorgt wurde“, sagt Gertraud Simon (re.), die Vorsitzende der Bewohnervertretung. Geselligkeit wie bei der Jubiläumsfeier 2018, bei der dieses Foto entstand, gibt es coronabedingt aktuell gar nicht mehr.
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Das Besuchsverbot trifft vor alle viele Senioren die in Pflegeheimen wohnen. Im Kurier-Interview berichtet Gertraud Simon von der aktuellen Lage im Tölzer „Haus im Park“.

Bad Tölz – Wegen der Ausbreitung des Coronavirus’ untersagt der Freistaat Angehörigen weitgehend den Besuch von Alten- und Pflegeheimen. Keine einfache Situation für die Senioren, wie Gertraud Simon im Interview erläutert. Die ehemalige Apothekerin ist 88 Jahre alt und Vorsitzende der Bewohnervertretung im Senioren-Wohnheim „Haus im Park“ in Bad Tölz.

Wie konsequent werden die Ausgangsbeschränkungen im „Haus im Park“ eingehalten?

Es halten sich fast alle ganz gut daran. Natürlich gibt es einige leicht Demente, die das nicht so schnell kapieren, wie ernst die Lage ist und dass man sich zurückhalten sollte. Insgesamt bleiben die Leute aber mehr in ihrer Wohnung. Seit Freitag ist alles strenger, nun sind auch die Speisesäle geschlossen, und es gibt das Essen nur noch aufs Zimmer. Im Speisesaal haben die Leute noch jemanden gesehen, aber der Abstand wurde nicht so gut eingehalten. Solange wir noch keinen Corona-Fall im Haus haben, ist alles gut. Aber wenn ein Virus reinkommt, wäre das ganz schlimm. Dann gäbe es kein Halten mehr.

Beschäftigungs-Angebote gibt es dann also auch nicht mehr?

Nein gar nicht mehr. Sonst haben wir im Haus Gedächtnis-Training, Sturz-Prophylaxe und Gottesdienste. Am Donnerstag führt sonst immer jemand einen Film vor, oder es kommt eine Musikgruppe. Die Musikschule hat uns auch immer viel Freude gemacht. In der vergangenen Woche wurden drei sehr demente Leute zusammengeholt. Die saßen dann sehr weit entfernt voneinander an einem Tisch. Ob es dieses Angebot in dieser Woche noch gibt, weiß ich nicht. Eigentlich war ja das immer das besonders Schöne in unserem Haus, dass immer für Unterhaltung und Zusammenkommen gesorgt wurde. Alles gestrichen.

„Es halten sich fast alle ganz gut dran“

Wie gehen Sie selbst mit der Situation um?

Ich benutze den Fahrstuhl nicht mehr und koche für meinen Mann und mich selbst. Das ist hier im Haus möglich. Meine Kinder stellen die eingekauften Lebensmittel in der Garage ab. Ich hole mir alles, wenn sie wieder weg sind. Wir kriegen auch keinen Besuch mehr.

Dies dürfte für etliche Bewohner auch nicht einfach sein.

Das ist für viele schmerzlich. Besonders für die Leute in der Pflegeabteilung. Da darf niemand rein – auch nicht ich als Seniorenvertreterin und auch nicht die Angestellten, die dort nichts zu tun haben. Die Leute, die dort leben, verstehen nicht, warum plötzlich ihre Angehörigen nicht mehr kommen. Für die ist es besonders schlimm.

Was können Sie überhaupt noch unternehmen?

Mein Mann und ich, wir haben keine Langeweile. Wir sind ausgesprochene Zeitungsleser. Die Zeitung kommt Gott sei Dank noch. Damit kann man sich ganz schön beschäftigen. Ich koche auch für uns. Bei schönem Wetter können wir uns mit der Decke raussetzen. Wir haben auch Blinde hier. Für die fällt Zeitunglesen und Fernsehen auch weg.

Ist es möglich, das Haus zu verlassen?

Ich sehe einzelne Rüstige, die alleine eine Runde spazieren gehen. Das dürfen wir noch, auch wenn es nicht erwünscht ist.

„Seelisches Leid ist für die Gesundheit sicher nicht förderlich“ 

Wie halten Sie selbst es nicht dem Spazierengehen?

Ganz, ganz selten. Ich persönlich habe das Problem, dass mich hier alle Leute kennen. Wenn ich irgendwo auftauche, kommen sie mir entgegen und möchten mit mir reden. Das möchte ich für mich vermeiden – mein Mann ist mit der Lunge vorbelastet. Er fährt mich manchmal hoch nach Wackersberg. Zurück laufe ich alleine runter. Da treffe ich kaum Leute, das geht schon.

Fürchten Sie, dass sich der Gesundheitszustand von Bewohnern verschlechtert, wenn sie nicht mehr rausgehen oder weniger Kontakte haben?

Manche leiden seelisch. Wenn man seelisch leidet, ist das für die Gesundheit sicher nicht förderlich. Bei den Leuten, die mir aus einiger Entfernung zuwinken, kann ich noch keine Verschlechterung feststellen. Vom Personal habe ich in dieser Hinsicht auch noch nichts gehört. Wobei es unter die ärztliche Schweigepflicht fällt, wenn wirklich jemand erkrankt. Das erfährt die Bewohnervertretung nicht.

Wie kommt das Personal mit der Situation zurecht?

Das Personal ist sehr, sehr stark beansprucht. Zu unserem Personal und unserem Service kann ich nur sagen: Alle Achtung! Es ist schon erstaunlich, dass sie das alles so schaffen. Man kann das gar nicht hoch genug schätzen. Wir können nur hoffen, dass keiner das Virus hier reinbringt, dann überstehen wir die Sache.

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